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Kritik

Geographie des Horrors

Hamburg

Wer die Doku „The Cleaners“ gesehen und sich gefragt hat, wie die unterbezahlten „Content Moderatoren“, die tagtäglich im Akkord den digitalen Dreck aus Facebook, Youtube & Co. entfernen, diese Belastungen eigentlich aushalten, bekommt mit „Überleben“ noch einmal die andere Seite der Gewalt vorgeführt. Die der „Prosumer“. Im Prinzip: Unsere Seite. Nur dass Ava, die 25-jährige Ich-Erzählerin in Frederika Amalia Finkelsteins (aus dem Französischen von Sabine Erbrich) zweitem Roman, nicht gerade ein durchschnittlicher User ist – Gewalt fasziniert sie seit jeher, und sie gibt dieser Obsession weitaus mehr nach als die meisten von uns es sich zugestehen würden. Als Kind tötete sie lieber Zombies auf einem Bildschirm als sich zu sonnen; beim Joggen sagt sie mantraartig die Namen der Opfer vergangener Massaker auf; in den sozialen Netzwerken findet sie Enthauptungsvideos und Suizid-Live-Streams, noch bevor sie deren undurchsichtigen Zensurmaßnahmen zum Opfer fallen. Kein Wunder, dass Ava auch in der Metro panikartig nach jedem unbewachten Gepäckstück, nach jeder verdächtig aussehenden Person Ausschau hält, die sich möglicherweise gleich in die Luft sprengen könnte. Als morbid oder pathologisch könnte man das abtun, doch Avas Obsession kommt nicht von ungefähr: Die junge Frau lebt in Paris, die Terroranschläge vom 13. November 2015 sind erst wenige Wochen her. Bewaffnete Soldaten patrouillieren durch die Straßen; stündlich erreichen neue Eilmeldungen über Schießereien, Amokläufe und Selbstmordattentate, die irgendwo in der Welt passieren, die Fernsehbildschirme und Newsfeeds.

Dennoch – während die meisten ihr Leben so normal wie möglich weiterführen, hält Ava hartnäckig fest an den Toten. Wer hier wen verfolgt, ist eine gute Frage. Die Gesichter der Opfer aus dem Musikclub Bataclan hat sie sich ausgedruckt und über den Schreibtisch gehängt, und deren Mörder direkt daneben. „Sie haben die gleichen jugendlichen Züge; das gleiche Lächeln; die gleichen unschuldigen Augen wie ihre Beute.“ Welche Angst überwiegt – die, zum Opfer, oder die, zur Täterin zu werden – lässt Finkelstein offen.

„Wenn wir nicht über die Toten hinweggehen, gehen die Toten über uns hinweg“ ist nicht nur metaphorisch zu verstehen: In Panik trampelten die Flüchtenden im Bataclan sogar über eine schwangere Frau. Doch Finkelstein skizziert das Über-Leichen-Gehen der Gegenwart auch als inhärenten Bestandteil der kapitalistischen Verwertungskette, und gerade dort zieht sie immer wieder subtile Parallelen, die einen mehr noch als die Schilderungen krassester Gewaltexzesse frösteln lassen. Bis vor wenigen Wochen hatte Ava einen Job im Lager eines Apple-Stores: schlechthin die Oase der Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit. Der Technologie wird dort ein quasi religiöser Respekt entgegengebracht (entlassen wurde Ava mit den Worten: „Du hast nicht genug Glauben. Ich fühle nicht, dass du eine von uns bist.“), der durchaus an jene radikalisierten Jugendlichen erinnert, die bereit sind, für den Dschihad zu sterben. An die perfekte Geometrie der rechtwinklig angeordneten iPhones und Tablets gewöhnt, erkennt Ava auf dem Foto, das kurz nach dem Bataclan-Anschlag aufgenommen wurde, folgerichtig jenen Sinn für Schönheit, der auch Gewaltexzessen innewohnt: „Die Streuung der Körper beschreibt ein Feuerwerk oder das Aufblühen einer Blume im Zeitraffer.“ An anderer Stelle sinniert sie über die toxischen Bestandteile, aus denen ihr Smartphone besteht, und verknüpft diese mit der Legende, nach der das Apple-Logo inspiriert worden sei von Alan Turings Suizid durch einen vergifteten Apfel. Die Vorstellung, durch die am Bildschirm klebenden Augäpfel, durch die unermüdlich übers Gerät wischenden Fingerspitzen hindurch vergiftet zu werden, ist bestechend – und führt in weitem Bogen zurück zu „The Cleaners“.

Nun kann man sich natürlich fragen: Ist das nur provokanter Anti-Pop aus dem Mund eines gelangweilten Millennials? Bei sehr oberflächlicher Lesart vielleicht schon. Doch „Überleben“ bohrt tiefer, ohne je einen moralisierenden Zeigefinger zu heben. Es mag helfen zu wissen, dass Finkelstein kein völliger Newcomer ist. In ihrem ersten Roman, „L’oubli“ (2014) hat sich die damals gerade mal 23-jährige Autorin mit der Möglichkeit einer jüdischen Identität nach dem Holocaust auseinandergesetzt. Vor diesem Hintergrund lassen sich vielleicht auch die historischen Rückbezüge in ihrem neuen Werk besser einordnen. Immer wieder tauchen Bruchstücke aus Avas Biographie auf, die ihrem getriebenen Monolog ein unerwartetes Gewicht geben: ihre blinde Schwester, ihre Kindheit in Argentinien, die von der dortigen Militärdiktatur traumatisierte Mutter, und nicht zuletzt die Worte ihrer Großeltern, die im Licht der aktuellen Ereignisse beinahe zynisch wirken: „Schätze dich glücklich, Ava, du weißt nicht, was Krieg bedeutet.“ Meist sind die Anspielungen so subtil, dass sie sich leicht überlesen lassen. Und doch offenbaren sie ein kritisches Bewusstsein, das weitaus mehr zu bieten hat als das übliche Lamento über digitale Reizüberflutung und gewaltverherrlichende Videospiele.

Im Bataclan gelang es einigen wenigen, zu überleben, indem sie sich unter den Toten versteckten – ganz ähnlich, fällt Ava ein, wie in Oradour-sur-Glane, bei einem Massaker der Waffen-SS im Juni 1944. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass Ava im ersten Kapitel ausgerechnet an der Metro-Station „Stalingrad“ wartet, als sie auf die erste Soldaten-Patrouille trifft. Endgültig verwischen die Zeitebenen, als sie über die Schulter eines Fahrgasts hinweg auf dessen Smartphone liest: „Die Straßen werden zu Gräbern unter freiem Himmel. (…) Es ist die letzte Phase des Krieges.“ Apokalyptische Szenarien, die einer Endzeitfiktion entstammen, einen Moment im Zweiten Weltkrieg beschreiben oder aber den aktuellen Krieg in Syrien dokumentieren könnten – Ava weiß es nicht, wir wissen es nicht. Die  Bilder aber bleiben in unseren Köpfen.

Frederika Amalia Finkelstein
Überleben
Aus dem Französischen von Sabine Erbrich
Suhrkamp
2018 · 146 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-518-46895-1

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