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Kritik

abstrakte Poesie und konkrete Spracharbeit

Hamburg

verehrte Lauscher und Lauscherinnen versu-
chen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes

zu lüften

DIE AUSSTELLUNG IST ERÖFFNET

25.1.18

 

Die Ausstellung ist eröffnet : Bildende Kunst war und ist ganz ausschlaggebend für das Werk von Friederike Mayröcker. In ihrem aktuellen Band da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete zitiert und präsentiert sie so viele Werke bildender Künstler und Künstlerinnen, dass man fast schon von einer eigenen Ausstellung sprechen kann. Einer von Friederike Mayröcker höchst persönlich kuratierten Ausstellung, in welcher sie uns ihr persönlich wichtige Werke der Bildenden Kunst präsentiert und näher bringt. Angeführt werden nicht nur die Namen der Künstler und Künstlerinnen und der Werke, sondern häufig auch das genaue Format des jeweiligen Werkes, damit wir es uns, wenn wir es nachrecherchieren, in Originalgröße vorstellen können. Die Spannweite der gezeigten Werke ist dabei enorm und umfasst Werke lebender Künstler, wie Martha Jungwirth oder Arnulf Rainer und auch Werke zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen, deren Lebensdaten sich mit denen von Friederike Mayröcker überschnitten haben, die aber inzwischen bereits gestorben sind, und deren Werk Eingang in das Schreiben von Friederike Mayröcker gefunden hat. Darunter wären neben vielen anderen beispielsweise: Man Ray, Cy Twombly, Dalí, Picasso, Antoni Tàpies, Maria Lassnig, oder auch Max Ernst. Interessant für Friederike Mayröcker sind jedoch nicht ausschließlich ihre Zeitgenossen, sie beschränkt sich auch auf keine einzelne Epoche oder Stilrichtung, sondern lässt anhand einzelner Werke die gesamte Kunstgeschichte in ihr Schreiben einfließen, beispielsweise Werke von Rubens, Hieronymus Bosch, oder auch ein Stillleben aus dem 17. Jahrhundert von Jacob Marrell:

die roten Beeren die Beeren Ribiselbeeren wie
sie glänzen, Jacob Marell’s Stillebenmit Blumen auf einer
Tischplatte, Öl auf Eichenholz 24 x 34 cm diese allzu Vergisz-
meinnicht,

Zum anderen zitiert Friederike Mayröcker aber nicht nur berühmte Werke bildender Künstler und Künstlerinnen, sondern denkt auch ihr Schreiben als Malerei, das auch nur als solche zu entschlüsseln und aufzuschlüsseln ist. Die Ausstellung ist eröffnet, meint damit zugleich auch ihre 200seitige Proem-Ausstellung abstrakter Poesie, die dieser Band zugleich auch ist.

(diese akkurate nein, abstrakte Poesie usw.), 

Wie wir es bereits aus ihren letzten Bänden kennen, komponiert sie jede Seite auch optisch bis ins letzte Detail durch und der Text springt und hüpft in Absätzen und Kolonnen über die Seiten. Meist wandert er stufenweise in Richtung des unteren rechten Seitenrandes, wobei am Ende ganz rechts, dort wo auf einem Gemälde für gewöhnlich die Signatur zu finden ist, das jeweilige Datum vermerkt ist. Der Text selbst wird durchzogen von Versalien, Kursivsetzungen, Klammern, Pünktchen, dem inzwischen legendären Mayröcker-sz und ihr besonders lieben Abkürzungen wie =, oder usw. Auch Fremdworte setzt sie wie gewohnt sehr bewusst als Stilmittel ein:

Farbwechsel : Tem-
peraturwechsel meiner Sprache wenn ich sie anglifiziere, nicht
wahr,

Wenn ein Wechsel der Sprache als Farbwechsel wahrgenommen wird, ist die folgende Frage eine mehr als naheliegende:

– wäre ich vielleicht lieber ein Maler geworden?

Zugleich ist es aber auch eine rein rhetorische Frage, ist Friederike Mayröcker doch tatsächlich eine Malerin, eine Sprachmalerin, eine Malerin mit Sprache, mit Sprachen, die sie sogar zum Duften bringt:

Radieschen und Erdbeere : stürmisches rot auf dem Feldbett,
hocke in meinem Feldbett und skizziere Bouquet v. Sprache
nämlich erkannte dasz diese Büsche v. Sprache einen Duft aus-
sandten,

Friederike Mayröckers Proeme sind in ihrem Kern tatsächlich als abstrakte Poesie zu begreifen. Um das in all seiner Tragweite nachvollziehbar zu machen, möchte ich Thomas Kling in einem 2003 geführten Gespräch mit Alexander Müller zitieren (zitiert nach: Thomas Kling: Das brennende Archiv. Zusammengestellt von Norbert Wehr und Ute Langanky, Berlin: Suhrkamp, 2012, S.122.). Darin beschreibt er sein eigenes Schreiben ebenfalls mit einem Vergleich zur abstrakten Malerei:

Mir geht es natürlich um die Schichten, und zwar nicht um der Sache selbst willen. In
der bildenden Kunst etwa spricht man von layers, einem Begriff aus der New York

School, der sich auf abstrakte Gemälde bezieht; das sind die verschiedenen Schich-
ten, die – ich will mal sagen – das Kunstwerk zum Strahlen bringen, ja? Aber ich
schreibe natürlich höchst konkrete Sachen. Sie sehen ja auch auf alten Gemälden
Firnis und etliche Schichten.

Auch Friederike Mayröckers Proeme weisen zahlreiche Schichten auf, die dem Bildtext / Textbild eine ungeheure Tiefe verleihen und es zugleich zum Strahlen bringen. Und auch Thomas Klings Beharren darauf, mit Methoden der abstrakten Malerei Konkretes zu schaffen, findet seine Entsprechung bei Friederike Mayröcker, wenn sie die Spracharbeit an sich als wild und konkret bezeichnet:

            solch bengalischer Wald, solch Spracharbeit
WILD und KONKRET

Und dann gibt es aber noch eine dritte Ausstellung neben den im Text erwähnten / gezeigten realen Bildern und der Textbildausstellung der Proeme, die uns jede einzelne Seite im Buch als komponiertes Kunstwerk präsentiert. Die dritte Ausstellung, die mit dem Buch für uns eröffnet ist, ist eine Wortausstellung, eine Ausstellung der Worte, der ein Staunen vor den Worten und über die Worte vorangeht:

die Kunst ist mein alles. Die Worte als Worte
ausstellen, ohne ihren Sinn zu entfalten,

Aber worum geht es denn nun in da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete?

es geht um NICHTS und es geht um ALLES,
vielleicht polyphon,

Es geht um die Freude und Liebe zu Worten, um ein beglückendes Staunen und Erstaunen über Worte.

abermals, ich liebe das Wort abermals ach
wie ich dieses Wort liebe oder das Wort an-
derswo wie ich das Wort anderswo liebe

Und es geht um ein existentielles Ringen um eben diese über alles geliebten Worte, die drohen, nach und nach ins Vergessen abzustürzen, wodurch die Sprache langsam aber doch zu verwischen und einem damit zu entgleiten droht.

Ich schreibe
lange Listen von, jenen Wörtern die mir ABHANDEN! kom-
men und gekommen ……

[…]

sind auch dir : wie mir : von einem Augenblick zum nächsten
die augenaufschlagenden Worte Sätze gelöscht wohin sind sie
umhimmelswillen getaucht : untergetaucht ins tiefe Vergessen
und waren doch so wunderschön wie BLUDENZ z.B.,

Gegen dieses drohende Vergessen wird angeschrieben und jedes dem Vergessen abgetrotzte und wiedergefundene Wort wie beispielsweise „Bludenz“ oder auch „Rhabarber“ erfüllt mit ungeheurer Freude. Damit geht es um nicht mehr und nicht weniger als um ein Anschreiben / Anschreien gegen den Tod, gegen das Verstummen.

schreibe / schreie Proeme,

Über den Titel habe ich noch nichts gesagt und er ist, wie alles an diesem Buch, überaus bemerkenswert. Während fleurs

mitten

im Satz

endete, beginnt da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete mit seinem Titel mitten im Satz. Und auch jedes der Proeme beginnt jeweils mitten im Satz, also mit Kleinbuchstaben. Und gelegentlich enden die Proeme nach der Datumsnennung auch offen, also beispielsweise mit einem Beistrich, wodurch sich im Lesen das offene Ende des einen Proems und der offene Anfang des nächsten Proems als zusammengehörig lesen lassen. So wie sich auch der Titel da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete zusammen lesen lässt, trotz des Punktes dazwischen. Um ebensolche Kippmomente geht es Friederike Mayröcker, das macht die Vielschichtigkeit ihrer Texte aus. Mit dem Titel möchte sie unseren Blick dafür schärfen, genauer hinzusehen, nochmals hinzusehen, bis wir plötzlich im Wort „Papagei“ das Wort „Page“ sehen können. Diese Achtsamkeit möchte Friederike Mayröcker uns gemeinsam mit ihrer unerschöpflichen Liebe und Begeisterung für die Worte und die Sprache mit auf den Weg geben.

ich schreibe im Mondlicht verzückterweise (im Mondlicht)

Stelle ich da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete ins Regal neben meine anderen Bände von Friederike Mayröcker, so fällt auf, dass es sich äußerlich als zum vorherigen Band Pathos und Schwalbe zugehörig zu erkennen gibt. Gleiches Layout, gleiche Schrift, gleicher lila Strich unterm Titel, gleiches lila Lesebändchen. Daneben steht die vorhergehende Trilogie études, cahier und fleurs, die ebenfalls durch ihr Layout ihre Zusammengehörigkeit zeigt. Man wünscht sich daher, und man wünscht es sich von ganzem Herzen, dass auch neben Pathos und Schwalbe und da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete noch ein dritter und weiterer Band hinzu kommen möge, usw.

 

8.12.18, wie
Sternschnuppen fielen die
Wörter mir ein, usw.

 

Danke für dieses wunderschöne Buch, liebe Friederike!

 

 

DIE AUSSTELLUNG IST ERÖFFNET

 

Friederike Mayröcker
da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete
Suhrkamp
2020 · 201 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-22515-8

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