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Aufbau_ Slavenka Drakulić Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit
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Kritik

Die Radikalität der Musik

Hamburg

Mit Free-Jazz die Welt verstehen, ihr ein klein wenig näher kommen, während man sich in zerfetzenden Dissonanzen suhlt, ohne dabei die Tragweite des eigenen Erlebens auch nur annähernd zu verstehen. Friedrich Christian Delius hat ein Buch geschrieben, in dem er sich mit eben einem solchen aufwühlenden, bewusstseinserweiternden und identitätsverändernden Erlebnis in einem New Yorker Jazz-Keller erinnert. Die Beschreibungen und Assoziationen, die das Konzert des Free-Jazz Pioniers Albert Ayler 1966 heraufbeschworen, sich in den verrauchten Räumlichkeiten des Slug’s Saloon und darüber hinaus ausbreiteten, sind dabei zweifelsfrei als frühe autobiografische Erfassung von Delius zu deuten. 23-jährig kam dieser in den freudigen Genuss, als Teil einer AutorInnen-Gruppe in die USA zu reisen. Eine andere, eine wilde und sicherlich kaum vergleichbare Zeit war das, vor allem für den in der deutschen Provinz der Nachkriegszeit aufgewachsenen Delius.

»Die Zukunft der Schönheit« heißt das nun im Rowohlt Verlag erschienene Büchlein, das tiefe Einblicke in eine längst vergangene Gedankenwelt eröffnet und mit einer lebhaft-überschäumenden, unheimlich rhythmischen und gewandten Sprache nach vorne prescht; ganz so, als säße der besagte Albert Ayler zwischen den Zeilen, um sie mit seinem vulkanisch-erruptiven Saxophon-Getöse in eine ordnende Unordnung zu stürzen. Der Titel des Buches, eine Anlehnung an eine nicht gänzlich überlieferte Bemerkung Pier Paolo Pasolinis, ist gleichzeitig aber auch ein unterschwelliger Lobgesang auf eine Form von Musik, die in ihrer schieren Unkonventionalität, in ihrer Mutation der Dissonanz, von vielen Menschen wohl eher abschreckend, verstörend und ganz und gar nicht musikalisch empfunden wurde und wird.

»Musik war das nicht, aber was sollte es sonst sein, wenn es keine Katzenmusik war, das naheliegende Wort, das einem Laien und einfallsarmen Zuhörer wie mir schon bei den ersten Takten in den Kopf gerutscht war«. Delius beschreibt das »Zirkusgetöse«, das vor ihm – auf der Bühne des Keller-Lokals in der damals verrufenen wie gleichsam von der Gentrifizierung noch weitgehend verschonten Lower East Side – in brachialer Gewalt durchexerziert wurde als Katalysator für verschiedenste Assoziationsgebilde. Der Kennedy-Mord, die brutalen Bilder des Vietnam-Kriegs (»die Musik war wie eine Feuer«), die eigenen kläglichen Anfänge und Versuche in der Schriftstellerei, sie alle sind schmerzhafte Erinnerungen, die durch das akustische Überfallkommando ausgelöst und vom Autor in Worte gefasst wurden. Die Sprache, die Delius dafür verwendet, ist kurz gesetzt, mitreißend schnell, verspielt und verwoben, ohne dabei jemals zu verwirren. Ein die Kakophonie des Jazz einfangendes Vexierbild des Moments.

Dabei sind es die beinahe transzendentale Empfindungen (»ich ahnte in diesem Minuten wahrscheinlich zum ersten Mal, wie sehr die Musik in mein Leben hineinregierte«), die Verstörungen und Widersprüche, die Kontrapunkte und Zerfallserscheinungen der weltlichen Geschehnisse und der eigenen Erfahrungen, die sich entlang des unterirdischen Konzert-Rahmens aufspannen. Selbst der lange verdrängte Konflikt mit der herrschsüchtigen Vaterfigur erfährt durch das Ayler’sche Gedröhne eine späte, wenn auch ganzheitliche Katharsis. Daher mag es durchaus pathetisch anmuten, gerade ein Free-Jazz Konzert vor über 50 Jahren als Auslöser für derlei Gedanken und Assoziationen zu skizzieren. Aber Delius fasst die Geschehnisse um sich und den Slug’s Saloon so konzis und authentisch ein, erzählt brillant von wirren Zersetzung und Zerwürfnissen, allesamt der endlosen Radikalität der Musik entsprungen, dass eben erst jene Zersetzungskünste die Verkrustungen der Vergangenheit zu lösen im Stande sind.

Friedrich Christian Delius
Die Zukunft der Schönheit
Rowohlt Berlin
2018 · 96 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-7371-0040-3

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