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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Ohne Schriftsteller

Hamburg

Nach einem überlangen Vorwort von Tanja Dückers legt der deutsch-arabisch gesetzte Gedichtband Die Leere der Vase von Galal Alahmadi los, mit Wucht, Schlaufen, auch Redundanz, mit einer sogenannten „Liebeslyrik“, die sich auf Zeilen verlässt wie „Ich suche nach dir in Gedichten“ und sich dabei doch wendig gibt, stets von Neuem Sehnsuchtsmanöver abhält, Ehrlichkeit verwendet. Bisweilen wirkt seine Gedichtstruktur wie ein Strip Strichzeichnungen, die sich Bild für Bild auf minimale Weise verändern, aufbauen, bis der pfiffige Refrain kommt, gern mitten in den Magen.

Eine der Hauptbeschäftigungen des über die Seiten tonal changierenden Bands, der an Tiefe gewinnt, je weiter man vordringt, ist gewiss das Verhältnis von Erlebten zu Sprache und dem neukonstruierten Erlebnisbild, „Da stimmt etwas nicht mit der Sprache oder mit unserem / Verständnis von Verlust“. „Was soll an Erinnerungen gut sein? / Sie gleichen einer Party / im stecken gebliebenen Fahrstuhl.“ Oder „sich um das fehlende“ Wörtchen „„Sehr“ streiten“. Oder „ein kleines Herz“ zu wollen, „so klein wie eine Schnecke“, es mit Halsband „auf den Rücken einer Frau legen“, „es Lorca nennen“. Oder folgendermaßen zu schließen:

Alles, was ich über die Liebe weiß
– zumal über die Liebe –
ist, dass ich einen Fisch hatte
den ich fütterte.

Oder:

Aber jeden Abend, bevor ich mir die Augenbrauen
wieder an die richtige Stelle setze, frage ich mich:
Wie sähe die Welt aus
ohne Salvador Dalís Schnurrbart?

Scheinen manche Gedichte eine gewisse Verschlossenheit zu atmen, wirken andere wie sehr genaue, offenere Momentaufnahmen in einer knapp bemessenen treffenden Sprache, die weniger rhetorische Fragen stellt, denn agiert. So bei Alahmadis starkem Gedicht Die Siebzigerjahre, einem Stimmungseinfang:

Einfache Männer sind sie
verdreckt von Schlamm und Tee
seit den Siebzigern verzückt von Maradonas
     Dribbelkunststücken
von Wrestling-Programmen
und Radio Monte Carlo.
[...]
Männer, die auf nichts gut zu sprechen sind
aber immer schweigen.

Alahmadi, der aus dem Jemen stammt, bleibt der Dichtung verhaftet. Seine politische Lyrik, die nichtsdestoweniger ihren Raum in dem Band einnimmt, ist ebenfalls in erster Linie an der Sprache interessiert. Sein Positionierungsgedicht 33 ist wie Die Siebzigerjahre ein langes Agens:

Alles in bester Ordnung, sagst du dir.
Ich habe ja noch die Sprache und meine Freunde.
Sprache macht aber nicht satt
und Freunde, die im Regal wohnen
wärmen nicht.
Nach endlosem Schachspielen am Computer
erkennst du, dass du nur eines verloren hast:
den Drang, dich hintergangen zu fühlen.

Durchaus referentiell arbeitet Alahmadi mit Konkreta, s.o. von Maradona bis Lorca, aber auch Hälfte des Lebens findet Verwendung. Eher unter der Hand, gleichsam untergeschmuggelt, ist der Schrecken präsent. Alahmadi macht ihn nicht wiedererlebbar, ist nicht an Rekonstruktion interessiert, sondern dem Danach, der Trauer, der Wut, der Leere nach oben, dem Neuen aus dem Sprachwerkzeug.

Wir nahmen die falschen Busse zur falschen Zeit und
     fragten nicht, wohin sie fuhren, denn wir wollten in die
     falsche Richtung.

Die Leere der Vase, übersetzt von Leila Chammaa und Günther Orth, erschienen bei Secession hat Seele. Bis auf wenige Ausnahmen, also Höhepunkte, ist es nicht unbedingt das einzelne Gedicht, das herausragt, sondern es ist vielmehr der Fluss des Ganzen, mitsamt seinen Wiederholungen und Variationen, der Alahmadis Stimme einen Boden gibt. Immer wieder will ein einzelnes Bild ausbrechen, das Relief der gesammelten Sprache formen. Das streng schick gesetzte Buch ist, wie oft bei diesem Verlag, ein Hingucker: ein sackleinener Umschlag mit schwarz-weiß eingeprägter Schrift schenkt weich-strohige Haptik (es kann / soll pieken beim Lesen). Ein gelungenes Materialexperiment, eine mutige besondere Buchkunst, die einem Teil des Gedichteschreibens von Galal Alahmadi sehr gut steht, es wechselweise beeinflusst.

Galal Alahmadi
Die Leere der Vase
Übersetzung:
Leila Chammaa und Günther Orth
Secession
2020 · 208 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-96639-032-3

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