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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Der Mensch hinter der Zwangsneurose

Georg Augustas biographische Skizze des Freud-Patienten Ernst Lanzer
Hamburg

Die von Sigmund Freud 1909 veröffentlichten "Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose" basieren auf der Behandlung des 1878 geborenen Ernst Lanzer. Der Wiener Psychoanalytiker Georg Augusta hat nun beim Mandelbaum Verlag ein knapp 130-Seiten schlankes Buch vorgelegt, in dem er dem Menschen hinter der Fallstudie nachspürt – jenem Mann, der in der Geschichte der Psychoanalyse bisher vor allem als der „Rattenmann“ bekannt ist. Das ist informativ und lesenswert, wenngleich sich die Lektüre trotz der Kürze des Textes aufgrund weitschweifiger Zitate bisweilen als mühsam erweist.

Man erfährt, dass Lanzer wegen seiner Zwangsvorstellungen bereits bei verschiedenen Ärzten vorstellig geworden war, bevor er sich, angeregt durch ___STEADY_PAYWALL___die „Psychopathologie des Alltagslebens“, bei Freud in Behandlung begab. Die Bezeichnung „Rattenmann“ geht auf eine besonders hartnäckige Imagination zurück, deren Ursprünge wohl in der Militärzeit Lanzers liegen, als dieser 1899 sein einjähriges Pflichtjahr bei der k.u.k. Armee absolvierte. Zu den damals verbreiteten Strafmaßnahmen gehörte, eine Ratte in einen Topf zu stecken, auf den sich der Delinquent mit entblößtem Hinterteil zu setzen hatte. Ob am eigenen Leib erfahren, miterlebt oder nur vom Hörensagen bekannt, bleibt ungewiss; Lanzer wird vor allem von der Sorge getrieben, seinem verstorbenen Vater und seiner Angebeteten und späteren Ehefrau könnte diese Tortur widerfahren.

Neben historischen Quellen bezieht sich Augusta vor allem auf den Roman „Der Seelenvogel“ von Lanzers Nichte Elisabeth Freundlich (1906-2001), der bereits in den 1940er Jahren geschrieben wurde, aber erst 1986 erschienen ist. Freundlich, wie Lanzer jüdischer Herkunft, war 1938 von Wien nach Paris emigriert und von dort weiter in die Vereinigten Staaten gegangen, wo sie die US-Staatsbürgerschaft annahm und als Journalistin arbeitete. In New York begann sie mit der Arbeit am „Seelenvogel“ („The Wraith Bird“), einem Roman angelehnt an ihre eigene tragische Familiengeschichte - etliche ihrer in Europa verbliebenen Verwandten wurden von den Nazis ermordet. Der Titel basiert auf einem Bestattungsritual der Langobarden, die auf den Familiengräbern lange Stangen errichteten, auf deren Spitze ein geschnitzter Vogel saß, der sich mit dem Wind in die Richtung jener Länder drehte, in denen die Verwandten gestorben waren. Hauptprotagonist des Romans ist ihr Großvater Heinrich Lanzer, Ernsts Vater, das Buch selbst ist eine soziale und ökonomische Aufstiegsgeschichte über drei Generationen. Als Ernst als erster in der Familie die Zulassung zum Gymnasium erhält, überreicht ihm der stolze Vater Visitenkaten mit dem Zusatz „Stud. Gym.“. 

Ernst Lanzer wird 1908 nach einjähriger Therapie als geheilt entlassen. Er schließt sein Jurastudium ab und heiratet 1910 seine Cousine Gisela Adler, mit der ihn da bereits eine mehr als 10-jährige wechselvolle Beziehung verband. Im Herbst 1914, wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, verliert sich seine Spur an der ungarisch-galizischen Grenze; über die Umstände seines Todes ist nichts bekannt, vermutlich wurde sein Leichnam in einem soldatischen Massengrab beigesetzt.

Georg Augustas „Rattenmann“ ist neben einer biografischen Skizze des Freud-Patienten Ernst Lanzer auch eine jüdische Familiengeschichte im Wien des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Und nicht zuletzt eine Einladung zur Lektüre von Elisabeth Freundlichs Roman „Der Seelenvogel“.

 

Georg Augusta
Unter uns hieß er der Rattenmann / Die Lebensgeschichte des Sigmund-Freud-Patienten Ernst Lanzer
mandelbaum verlag
2020 · 144 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978385476-867-8

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