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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Vom Schmerz an Deutschland

Hamburg

Was bedeutet es, als Kind seine Heimat verlassen zu müssen? Wie fühlt es sich an, als Zehnjähriger ausgestoßen und ins Exil geschickt zu werden, jäh Abschied nehmen zu müssen von allem, was einem lieb ist, wie, Vater und Mutter zu verlieren, wie, unzugehörig im Fremden zu landen und auf sich allein gestellt das Leben in die Hand nehmen, es auf eigene Faust meistern zu müssen?

Wer einmal ins Exil getrieben wurde, kommt lebenslang nicht mehr davon ab. ... Das Exil teilt das Leben in zwei von nun an unvereinbare Hälften: das Vorher und das Nachher; eine sehr banale Feststellung, kann man erwidern, die aber das Wesen des Exilierten als Doppelboden fundiert, untergräbt und zugleich aufspaltet.

Schmal ist dieses anrührende Buch, ein Konzentrat, das gerade mal knapp 80 Seiten füllt. ___STEADY_PAYWALL___Doch diese sind voll Wucht, voll Kraft, kreisen wahrhaftig um den Schmerz, um die eine Wunde, die schwärt, sich nicht schließen kann, nicht schließen will, geschlagen durch das Grauen des deutschen Nationalsozialismus, durch die Schergen und Mitläufer des menschenverachtenden NS-Regimes. Noch einmal, zum letzten Mal, spricht der 1928 in Reinbek bei Hamburg geborene Georges-Arthur Goldschmidt über die traumatischen Geschehnisse seiner Kindheit, die sein weiteres Leben bestimmten und die der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und Essayist bereits in früheren Werken thematisierte, etwa in der Erzählung „Die Absonderung“, für die er 1991 den Geschwister-Scholl-Preis erhielt. Auch im aktuellen Buch wählt er zumeist die distanzierende Er-Perspektive, erzählt vom „Knaben Arthur“, lässt nur gelegentlich ein Ich sprechen. Als alter Mann blickt er noch einmal zurück auf den Bruch seines Lebens:

Das Exil, Jahrzehnte später, ist der nie endende Augenblick des Abschieds, auf den man sich lange vorbereiten muß, um nicht vom Heimweh zerrissen zu werden. So bleibt der Abschiedstag an einem haften bis zum letzten Tag, er steigt in einem ganz plötzlich und unerwartet auf. Jeder Exilierte, jeder Emigrant trägt einen solchen Tag in sich.

Geboren als Jürgen-Arthur Goldschmidt wächst der zweite Sohn „einer der ältesten jüdischen, dann zum Protestantismus übergegangenen Familien Hamburgs“ in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Seine Familie ist „bis zum Intimsten des Wesens mit der Deutschheit verbunden“. Und er ist nicht nur „durch seine Familienumgebung mit der Deutschheit verwachsen“, sondern er „war ein deutsches Kind“, zu dessen Leben Weihnachten, Schützenfeste und Grimm’sche Märchen gehörten, ein deutscher Junge „mit blondem, welligem Haar, ein kleiner Modellarier“,

alles war deutsch an ihm: Deutscher war er bis in die heimlichsten Fasern seines Wesens.

Doch zunehmend spürt er, dass etwas nicht stimmt, sich „etwas Schweres“ über die Eltern legt. Er erlebt Drohungen, sieht die SA-Uniform des Volksschuldirektors, hört, dass Verwandte „nach drüben zogen“, und auf einmal war nichts, „überhaupt nichts mehr wie gewöhnlich“. Denn er war auf einmal Jude, nichts anderes mehr zählte, war „lebensunwertes Leben“, dem Hitler und seine Schergen das Menschsein absprachen,

auch wenn er dem Glauben nach gar kein Jude ist und nur den Vorfahren wegen als solcher bezeichnet wird.

Am 18.5.1938 werden er und sein vier Jahre älterer Bruder Erich von den Eltern, die sie nicht wiedersehen werden, in einen Zug nach Florenz gesetzt, wo sie bei Paul Binswanger und seiner Familie unterkommen. Als Mussolini die antisemitischen Maßnahmen der Nazis übernimmt, fliehen die beiden Buben zehn Monate später über Vermittlung einer Verwandten weiter nach Frankreich. Ein Gefühl der Befreiung überwältigte ihn, als er ins Land kommt, mehr noch, „es war die Freiheit, man brauchte keine Angst mehr zu haben“. Goldschmidt kommt in einem katholischen Internat unter, in dem körperliche Gewalt allgegenwärtig ist und auch sexuelle Übergriffe stattfinden. Während der deutschen Okkupation Frankreichs erfährt er Hilfe von mehreren Menschen, wird von einfachen Bauernfamilien vor den deutschen Soldaten versteckt

Für alle diese Leute war es das Selbstverständlichste auf der Welt, ... man leistete einfach Widerstand

Auch in Frankreich begegnet ihm Doppelgesichtigkeit, etwa wenn dieselbe Internatsleiterin zwar keine Sekunde zögert, ihn und seinen Bruder vor den Deutschen zu retten, doch „ihm öfters sehr freundlich“ sagt, „er sei doch der Mörder Christi“. Der wiederholt misshandelte Junge ist erfüllt von einer Mischung aus Heimweh, Angst und Angstlust, er rebelliert, ist störrisch, buhlt um Aufmerksamkeit. Was ihn schließlich rettet und zu dem macht, was er heute ist, ist die Literatur, was ihn stützt ist die Sprache, nein, sind seine Sprachen, die deutsche und die französische. So wird dieses Buch erneut zu einer Liebeserklärung an die Literatur, an die Schönheit, die Kraft der beiden Sprachen und seine gewonnene Doppelsprachigkeit. Es bezeugt noch einmal das Werden des Autors und Übersetzers Goldschmidt, der als Kind in einem bibliophilen Haushalt aufwuchs. In Frankreich wird Rousseau für den Pubertierenden zum Erweckungserlebnis, Autoren wie Voltaire, Chateaubriand oder Balzac öffnen ihm die Welt und „die Wege des selbständigen Denkens“, schenken ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Nun schenkt er, der heute seinen „Schmerz an Deutschland überwunden“ hat, dieses große, schmale Buch, das uns das Wesen eines nie aufhörenden Exils begreifen lässt.

[A]ber der Exilant, so vollkommen er auch integriert und aufgenommen sei, es bleibt in ihm auf halber Höhe das Unzugehörigkeitsgefühl. Es gibt immer einen Augenblick, in dem sich plötzlich ein Abgrund in einem selbst öffnet, ein Abgrund zwischen der Rolle, die man sich gerade vorspielt – als gehöre man dazu –, und der überdeckten Wirklichkeit.

 

Georges-Arthur Goldschmidt
Vom Nachexil
Wallstein Verlag
2020 · 88 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3590-5

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