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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Es regnete Steine in Strömen

Hamburg

Eine Auswertung verschiedener, bisher selten bis unveröffentlichter Texte von Georges Bataille haben Michel Surya und Tim Trzaskalik für die Fröhliche Wissenschaft bei Matthes und Seitz Berlin unter dem Titel Der Fluch der Ökonomie soeben herausgebracht. Von den Texten selbst, die sich aus der gesamten Schaffenszeit des Franzosen nähren, sind zwei Drittel sehr spannend, ein Drittel okay, Suryas Nachwort allerdings völlig daneben. Bataille der umstrittene Autor und Vorgrübler eines Feel-Gore beweist, weniger mit dem, was er zu sagen meint, als mit dem, was die Texte an sich können, wie sich Sprache selbst faszinierende Minerale mittels Vokabularketten, Operationen und zwanghaften Verknüpfungen baut.

Im ersten Essay, Das verschwundene Amerika, einem flirrenden 20er Jahre prä-kolumbische Hochkulturen-Spielportrait, stellt Bataille eigenartige Lichter in Reihe: „blutrünstige Verstiegenheit, überzogener Geschmack am Tod, mittelmäßige Wildheit, demente Gewalt, bizarre und prekäre Erregung, schlafwandlerische Vorgehensweise, abstumpfende Eindeutigkeit, blinde Praxis etc.“

Am Beispiel des lebenslangen Themas des (Ball-) Spiels und der Verausgabung des Menschen, die auch in den anderen Texten des vorliegenden Buches, religiös oder ökonomisch, beleuchtet werden, geht Bataille mit dem ihm eigenen Nihilismus daran, Riten, Opfer und Apotheosen dem „Fluch“ der Ökonomien, der Unkultur und mithin Leblosigkeit zu Erden gegenüberzustellen. Er bricht darin, wenn er sich nicht in sein Gore-Universum der Grenzübertretungen um ihrer selbst willen verirrt, recht eindeutig und bisweilen mit entwaffnender Direktheit eine (schlimmgezackte) Lanze für die Kunst, die KünstlerInnen. Er geißelt die Regelhaftigkeiten des Profits, fordert vielmehr einen korrekten „Gebrauch der Reichtümer“. Das ist, wenn nicht originell gedacht, so doch zumindest hier originell formuliert in „Der Fluch der Ökonomie“. Batailles eigene Verstiegenheit, sein Blick auf die Welt, sein gedrängtes kosmisches Vokabular machen, wenn losgelassen, diese Seele spuckenden Essays zu verschoben abseitigen Reiseberichten.

Wahrscheinlich waren die Mexikaner ebenso religiös wie die Spanier, aber sie verbanden mit der Religion ein Gefühl des Schreckens, des Terrors, verbunden mit einer Art schwarzen Humor, der noch entsetzlicher als der Schrecken war. Die meisten ihrer Götter sind blutrünstig oder auf sehr bizarre Weise böswillig [...] Es scheint ziemlich evident zu sein, dass die Mexikaner ein verwirrendes Vergnügen an dieser Art Mystfikationen hatten. Es ist sogar wahrscheinlich, dass diese albtraumhaften Katastrophen sie in gewisser Weise zum Lachen brachten. So gelangt man auf direktem Wege zu einem Verständnis dermaßen wahnsinniger Halluzinationen, wie es die Götter in den Handschriften sind. Butzemann ist ein Wort, das sich bei diesen gewalttätigen Personen sofort aufdrängt, fiesen, finsteren Witzbolden voller böswilligem Humor wie etwa jener Gott Quetzalcoatl mit seinen Rutschpartien auf einem kleinen Holzbrett, vom Gipfel die Berge der Hänge hinabjagend ...

Im Essay Der Begriff der Verausgabung geht Bataille einen Schritt voran in seiner behelmten Perspektive. Verschwendung, Verausgabung, das Prinzip Opfer (hier: eines Vergnügens) „zur Erzeugung heiliger Dinge“ setzen sich fort, contra einer durch Profitregeln aufrecht gehaltenen „Bürgerlichen Existenz“, die gleich „Schande und finstere Tilgung des Menschen“ sei, die „sich dem Irrtum wie einer Droge bediene“.

In bedrückendster Weise erinnert der Widerspruch zwischen den geläufigen Auffassungen und den wirklichen Bedürfnissen der Gesellschaft an die Engstirnigkeit, mit der ein Vater sich der Bedürfnisse seines Sohnes widersetzt. Diese Engstirnigkeit macht es dem Sohn unmöglich, seinen Willen zu bekunden. Die halb missgünstige Fürsorge, die der Vater ihm angedeihen lässt, beschränkt sich auf Unterbringung, Kleidung, Nahrung und allenfalls einige harmlose Vergnügen. Aber er darf nicht einmal von dem sprechen, was ihn in Erregung versetzt: Er ist gezwungen, so zu tun, als ob nichts Schreckliches für ihn in Betracht käme. Es ist traurig, festzustellen, dass in dieser Hinsicht die bewusste Menschheit unmündig geblieben ist: Sie erkennt sich das Recht zu, rational etwas zu erwerben, zu erhalten oder zu konsumieren, aber die unproduktive Verausgabung schließt sie prinzipiell aus.

In Rekurs auf den homo ludens von Johan Huizinga konstatiert Bataille: „Haben wir die primäre Bedeutung des Spiels verkannt?“ in einer Welt der Vernunft als „Gegenteil des Spiels, [einer] Welt der Konsequenz und des Todes [...] in der das Nützliche Souverän ist, nicht das Spiel.“ Wo wiederum Kind, Dichter und „die Wilden“ zu Hause seien.

Die Kategorie des Spiels macht die kapriziöse Freiheit und den Zauber spürbar, die die Regungen eines souveränen, der Notwendigkeit nicht unterworfenen Denkens inspirieren.

Auch wenn vieles im vorliegenden Buchkosmos seiner Entstehungs- und Denkzeit geschuldet ist, ruft Bataille einige tiefere Sedimente an, die über ihre Zeit hinausreichen: „Ein reicher Industrieller würde lachen oder mit einem höflichen Achselzucken antworten, wenn wir ihm sagten, dass die Wahrheit eines Gedichts, das nur ein Spiel ist, mündig und voll und ganz souverän sei, im Vergleich zu seinem voluminösen Aktienpaket, dessen unmündige Wahrheit aus der Angst gemacht ist, mit der die Arbeitswelt unterjocht wird – aus jener universalen Erniedrigung, wie sie von der Todesfurcht erzwungen wird.“

Im letzten Essay zur Universalgeschichte greift Bataille, wie nicht anders zu erwarten, nach Hegel, um eine Philosophie der Philosophie der Philosophie usw zu verfeedbacken, die in ihrer trockenen Lektüre hängen bleibt und anders als die Primärfarben der ersten beiden Drittel keine Originalzüge mehr aufweist.

Gleichwohl geht es noch ein schweres Stück bergab mit dem wirren Schwall von Michel Surya, der ein fast 40 seitiges Nachwort meint anhängen zu müssen mit der Kompetenz einer leeren Serviette. Thesenlos und unverlangt zerkaut der „Bataille-Kenner“, was vor die Gabel kommt, ohne einen einzigen lesbaren Satz anzubieten. Ansonsten aber eine bekömmliche bis ziemlich abgefahrene Schrift in der Fröhlichen Wissenschaft. Und ein weiterer Stein in Matthes und Seitz Berlins erstaunlicher Radical French Bib.

Georges Bataille · Michel Surya (Hg.) · Tim Trzaskalik (Hg.)
Der Fluch der Ökonomie
Matthes und Seitz Berlin
2019 · 238 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-807-5

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