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Kritik

Pigmente, Farbschichten Krakelüren

Hamburg

Nach einem Mammutwerk, in Konzeption wie narrativer Ausführung und epischer Ausstattung, wie Das Leben Gebrauchsanweisung war noch lange nicht Schluss für Georges Perec, diesem manischen Genie und letztlich Neuerer nicht nur der französischen, sondern der Literatur im Allgemeinen – dies vor allem als Vorwegnehmer und Pionier serieller Schreibtechniken und der Kombination von Metamodellen (aus Mathematik, Raumtheorien, Leipnizscher Falten etc.,) und darüber gelegten Erzählungen, die sich trotz allem "superleicht" lesen/ gouttieren lassen, also Vergnügen auf beinahe messbaren Skalenleitern für "alle" bieten. Die Komplexität von Das Leben ist dabei Gipfel und zugleich Schlupfloch. Fast unmittelbar darauf im Anschluss schrieb Perec eine seiner letzen Veröffentlichungen, Ein Kunstkabinett. Ein Schlüssel, so wie er sich selbst äußert, in Bezug auf Das Leben. Aha. Dies bestimmt, aber noch viel weniger, und mehr tatsächlich, ist diese soeben bei Diaphanes von Eugen Helmlé übersetzte, neu aufgelegte Erzählung, ein Kabinettstückchen im wahrsten Wortsinne, das sich mit einem geheimnisvollen Bild, eine mise-en-abyme Bild im Bild-Assemblage der Kunstsammlung eines Kunstsammlers befasst.

In locker arrangiertem Plauderton, gewohnt präzise und mit interessanten Schnitten hinein in Katalogsprache, Kunsthistorikersprech, -auktionslingo usf. vor allem Bildbeschreibung, lässt Perec sein Lieblingsthema Permutation und Geheimnis, Wiederholung und beißende Satire auf die Historie selber noch einmal aufmarschieren. Das Spiel mit Fiktion und Faktum, kennt jemand den US-Maler John Jasper? (auch weitaus weitreichendere Spiele sind selbstredend vorhanden), baut sich wie eine Abschiedsvorstellung Perecs auf. Es erinnert insgesamt nicht wenig an das damals zu Lebzeiten letzte vollständig überlieferte Filmprojekt Orson Welles' F for Fake, das ebenfalls irrwischig und äußerst glaubsam/ unterhaltsam großen "Quatsch vor dem Herrn" zu erzählen in der Lage war, mittels perfekt beherrschtem Handwerk, und einem Schritt darüber hinaus.

Ohne zu viel vorwegzunehmen, Ein Kunstkabinett zieht alle Register Perecscher Sprachkunst. Sein Faible fürs Zitieren und bescheuerte Namen geben Menschen, Orten und Ereignissen/ Stilen ("melodramatischer Realismus") und Bildern ("Ritter beim Bade") ist in voller Pracht. Wie bei Pynchon oder Foster Wallace geistern die komischsten Figuren durch die ansonsten ernsthafte, unironische Handlung, deren Protagonistennamen allein schon alles erzählen: Bierbrauer Hermann Raffke und seine Kunstsammlung rächen sich am Kunstbetrieb, indem sie sich selber fälschen und Gemälde von falschen und echten Meistern in einem "echten" Kabinett zusammenstellen und im Gemälde "Ein Kunstkabinett" kommentierend bis ins Nichts malerisch abbilden. Stets mit sprechenden Veränderungen im dargestellten Inhalt, frechen Kommentaren, Auslassungen und Erweiterungen. Ein Kunstskandal folgt, Kritiker und Sammler zerreißen sich die Mäuler, kommen sich in die Quere und machen sich schließlich sämtlichst gänzlich lächerlich, ganz im Sinne von Raffkes Plan.

Perec hat sich nie lächerlich gemacht. Das Besondere ist seine Kombination aus erzählerischem Talent und sprachkritischem Avancement, sein Mut und seine Gewitztheit. Hier winkt er noch einmal. Mit und ohne Vorkenntnis angesprochen fühlen.

Georges Perec
Ein Kunstkabinett
Übersetzung:
Eugen Helmlé
Diaphanes
2018 · 84 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3037348932

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