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Kritik

Mise-en-abyme

Hamburg

1985 schon erschien Gerald Murnanes unfassliches Textstonehenge Landschaft mit Landschaft. Das ist für eine Übersetzung auf Deutsch ein weit entferntes Klima. Aber Rainer G. Schmidt macht aus diesem Wunderwerk an klarer (!) Verschrobenheit einen Kandidaten für die Ewigkeit. Ist es DER Roman nach On the Road? Ist es nur eine Fingerübung des hierzulande noch immer viel zu unbekannten Australiers mit dem genrebrechenden Werkzeug? Zeigt er heute noch „mögliches“ Außenseitertum oder ist es schon Cis-Relikt? Die Perspektive, die Murnanes Erzählerfigur einnimmt, ist halb daueralkoholisierter Voyeur, hilfloser Spätentwickler, selbstgewählter Outcast unter den Lebenden, Kerouac-Verträumter und Gedichtflüchtling auf den Spuren von so selbstfiktionalen Dichtern wie Housman. Schlussendlich ist es alles, und außerdem ein sprachlich sprachlos machender Geniestreich. Die ineinander verwobenen Erzählungen, sie sich in den eigenen Schwanz beißen, blenden ineinander über, die bekanntgewordene Erzählstimme wandelt sich stets neuen Richtungen zu, doch von ähnlich gelagerten Sehnsüchten getrieben: Alkohol, innere Landschaft, schreiben, Frauen – leidend an seinem beständigen „Einsturzwahn“.

Behutsam setzt ___STEADY_PAYWALL___Murnane / Schmidt Satz an Satz, um wohlgetimt plötzliche Ausbrüche reiner Poesie aufblühen zu lassen, wo man sie nicht erwartet. Oder aber derben Humor in die 60er-Jahre Partylandschaft zu kippen, voller Beatnikereien im australischen Vorortbusch. Schräge Vögel, Scrags, Schnaps, Platten am Abend, Zechen in Hotelbars nach Grundschulunterricht morgens, Künstlerszene, wie kann an einem eigenen Einfluss auf die Wahrnehmung gearbeitet werden, wenn nicht durch die Schreibmaschine? Strukturell gleicht der hochartifizielle Text Borrominis Palazzo Spada-Intervention.

Murnane schreibt:

Doch lange vor Mitternacht hatte ich meine Schreiberei beiseitegelegt und mir gesagt, dass ich, wenn ich nach Harp Gully zöge und nicht mehr von heulenden und mir um die Füße kriechenden Kindern belästigt würde, in einem Arbeitszimmer mit Blick auf den Sugarloaf in Kinglake säße und eine neue Form der Prosafiktion ersinnen würde – weder Kurzgeschichte noch Roman –, deren Gestalt den Mustern meines Lebens entspräche. Danach trank ich seelenruhig in der Küche weiter und las und betrachtete Landkarten.

Sein Erzähler fügt hinzu, Anfang und Ende des Texts sind wie gesagt fortkonstruiert, dass er sich frage, behaupten zu können:

[...] das, was vor meinen Augen vorbeizog, verdiene es, von dem unterschieden zu werden, was andere die Welt nannten, oder ob ich nur das Wort „Landschaft“ benutzt hatte (und noch immer gelegentlich zu ihm griff), um mich darüber hinwegzutrösten, dass ich partout nicht sah, was andere ganz deutlich sahen.
[...] Und folglich beschloss er, in einem Vorort von Melbourne zu wohnen, der dem Auge nichts bot: einem Vorort, von dem aus ein Schriftsteller nur das sehen konnte, was er selbst ersann. Und er entschied sich für einen inneren Vorort.

Der schreibende Einzelgänger ist paradoxerweise auf der Suche nach Freiheit und Bindung zugleich. Er wächst und lebt im bürgerlichen Telos, seine Freunde heiraten, haben Kinder, er nicht und trinkt, und auch beginnen seine familiierten Freunde schließlich zu trinken, teils noch unglücklicher, sodass sich alles auf wundersame Weise doch zusammen an der Bierdose abspielt.

Um mich herum in den verödeten Straßen bildeten, unerreichbar von den Straßenlaternen, die Massen von Bäumen und Büschen ein komplexes Muster dunkler Tunnels. Es schien für einen Einzelgänger in Melbourne genug Raum zu geben, um sich jahrelang ungesehen von jenen bewegen zu können, die zusammenhockten. Während Durkin und Carolyn sich in Autos und Wohnzimmern aneinanderklammerten, konnte ich meinen gewundenen Wegen um sie herum folgen in dem Land, das sie nie sahen.

In dem Abschnitt Die Schlacht von Acosta Nu berichtet Murnanes Erzähler von einem inneren / äußeren Exil einer australischen Aussiedlergemeinde in Paraguay Anfang des 20. Jahrhunderts und deren Nachkommen. Ein zunächst völlig abwegig scheinender Schauplatzwechsel, der sich im Lauf von Landschaft mit Landschaft als im Gegenteil jederzeit möglich herausschält. In die titelgebende Schlacht seien die verzweifelten Provinzsoldaten zur Verteidigung ihres Landes gezogen, bewaffnet, „mit nichts als einer Handvoll Erde in den Fäusten“.

Die Annäherungsversuche des Erzählers an Frauen scheitern in jedem Abschnitt an denselben Dingen, meistens zu viel Alkohol, Flucht, kein Selbstvertrauen. Je weiter er sich ins Schreiben stürzt (um Frauen zu beeindrucken), desto mehr entfernt er sich von ihnen. Das Schreiben verselbständigt sich, will Freiheit erlangen, das Leben des Grundschullehrers schließlich umkrempeln, und so ist vorliegender Text vor allem auch Statement der conditio Schriftsteller – das unausweichliche Stürzen von bürgerlichem Telos als notwendiger Schritt.

Eines Samstagmorgens dann streifte mich eine junge Frau im Cheshire’s, holte ein kleines Buch von einem Regal mit Klassikern herunter und brachte es zur Ladentheke. Als ich ihr Gesicht sah, wusste ich, dass die hinter ihm liegenden Landschaften mich aus Kentucky und North Carolina herausführen würden. Als ich beobachtete, wie sie gelassen auf die Straße hinausging, entschied ich, dass sie über Orte gewacht haben musste, die weder seelensilbern noch hautgolden gefärbt waren.
Ich kehrte zu den Klassikern zurück und stellte fest, dass die Frau einen von Thomas Hardys Romanen genommen hatte, fast sicher The Woodlanders [...] der Einband von einem beruhigenden Dunkelgrün [...] Ich wünschte, meinen eigenen unbeständigen Schauplatz aus den Augen zu verlieren und über die Landschaft der jungen Frau zu blicken. Ich entschied, dass sich zu verlieben nichts anderes war, als unbedingt die Landschaft einer Frau sehen zu wollen.
[...] Ich hatte noch in keinem der grünen Bände gelesen. Zuerst wollte ich die junge Frau, deren Gesicht mir als der Vordergrund einer weitreichenden Aussicht erschienen war, ansprechen.

Murnane schafft es fesselnd, philosophisch und skurril zugleich zu sein. Stets folgt eine Überraschung, als ob inmitten des scheinbar ruhigen Stroms aus unzulänglichem (Insel-) Verhalten jemand immens begabt Regie führen würde. Die ständigen Szenenwechsel und Twists suggerieren Bewegung, doch es gibt sie nicht. Es spielt sich exakt dasselbe ab, immer wieder und immer wieder. Was bleibt, ist eine grandiose Sprachbeherrschung, die im Streben nach Personifikation dennoch so offen und einzigartig bleibt wie das tägliche Wetter. Entweder Murnane oder Rainer G. Schmidt oder beide gehören ausgezeichnet. Landschaft mit Landschaft wird sich einschreiben.

Gerald Murnane
Landschaft mit Landschaft
Übersetzung:
Rainer G. Schmidt
Suhrkamp
2020 · 400 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-518-22514-1

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