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Kritik

Geschichtslosigkeit als Gefahr

Hamburg

Was haben die gegenwärtigen rechtspopulistischen Strömungen in Europa mit der Aufarbeitung der Geschichte nach 1945 zu tun? Dieser aktuellen Frage geht die 1974 geborene Journalistin Géraldine Schwarz in ihrem Buch Die Gedächtnislosen, Erinnerungen einer Europäerin nach. Als Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters gilt ihr Fokus den beiden Herkunftsländern ihrer Eltern, wobei die eigene Familiengeschichte mit all ihren Verwerfungen als roter Faden durch das Buch führt.

„Ich war nicht wirklich dazu berufen, mich für Nazis zu interessieren“, schreibt sie als Einleitung im ersten Kapitel. Die Eltern meines Vaters standen weder aufseiten der Opfer noch aufseiten der Täter … Sie waren schlichtweg Mitläufer.“ Aber dann entdeckte sie im Keller des Mannheimer Familienhauses Dokumente und Briefe, die belegten, dass ihr Großvater, Mitglied der NSDAP, Karl Schwarz 1938 im Zusammenhang mit der Arisierung jüdischen Eigentums den Brüdern Julius und Siegmund Löbmann eine kleine Firma für Mineralprodukte zu dem damals günstigen Preis abgekauft hat. Nach dem Krieg weigerte sich Karl Schwarz, Julius Löbmann, der als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebt hatte, Reparationen zu zahlen. In seiner Begründung wird die im Titel des Buches suggerierte Gedächtnislosigkeit am greifbarsten, indem er das totbringende Schicksal der Familie Löbmann mit seinem finanziellen Verlust gleichsetzt: „Obwohl wir, und wohl die meisten Deutschen das grausame Schicksal Ihrer Leidensgenossen nicht gewollt haben, müssen wir nun alle darunter leiden.“ Die Autorin stellt fest, Karl habe seine Rolle im Dritten Reich und die Dimension des Holocaust nicht begriffen.

Damit war er in der jungen Bundesrepublik nicht allein. In einer ausführlichen Analyse zeigt Géraldine Schwarz, wie schwer sich Politik und Gesellschaft damit taten, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. So gab es in der Adenauerrepublik eine ausgeprägte Schlussstrichmentalität, es gab mehrere Gesetze, die Nazis straffrei davonkommen ließen oder begnadigten. Einerseits gab es Versuche der „Wiedergutmachung“, andererseits gehörten bekannte Nazis wie Hans Globke, Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, und Theodor Oberländer, ein Teilnehmer des Hitlerputsches, zur Bundesregierung.

Während Oma Lydia ihr Leben lang von einer Reise mit dem Kraft-durch-Freude-Schiff Wilhelm Gustloff nach Norwegen schwärmte, hatte die nächste Generation schon einen anderen Blick auf die Vergangenheit. „Schon früh interessierte sich mein Vater für die Verbrechen des Dritten Reiches ...“ Davon ausgehend beschreibt die Autorin in einem ausführlichen Kapitel, welche Bedeutung der hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und der von ihm ins Leben gerufene Auschwitzprozess (1963) für das Bewusstmachen und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und vor allem des Holocausts hatten. Dadurch wurde in der Bundesrepublik allmählich ein Prozess angestoßen, der sich positiv auf die Festigung der demokratischen Strukturen ausgewirkte.

In Frankreich, woher die die andere Hälfte der Verwandtschaft von Géraldine Schwarz stammt, war die Ausgangslage eine völlig andere. Hier galt nach Kriegsende der „Mythos eines widerständigen Frankreichs“, eines Frankreichs der Resistance, als habe es das Vichy-Regime nie gegeben. Dieses Vichy, das nicht nur mit den Deutschen kollaborierte, sondern auch die Verantwortung für die Verfolgung und Auslieferung der jüdischen Bevölkerung trug. Dieses Selbstbild der Franzosen verhinderte lange eine ehrliche Geschichtsaufarbeitung und noch der Sozialist François Mitterand verkündete „Vichy ist nicht Frankreich.“ Erst der konservative Präsident Jacques Chirac brach mit dieser Politik und erkannte 1995 (!) als erstes französisches Staatoberhaupt die Verbrechen von Vichy öffentlich an. Danach war Frankreich bereit, die Hauptverantwortlichen an der Judenverfolgung vor Gericht zu stellen. Auch diesen Teil der „großen“ Geschichte unterlegt die Autorin mit dem privaten Leben ihrer Verwandten und zeigt, wie sich die beiden Bereiche berühren können. Bei ihrer französischen Familie scheint es ebenfalls so gewesen zu sein, dass man bei dem, was man erzählte, recht wählerisch war. Ihr Großvater, der als Gendarm die Demarkationslinie zwischen der besetzten und der sogenannten freien Zone bewachen musste, erzählte beispielsweise gerne, dass er häufig „ein Auge zudrückte, wenn illegale Einwanderer querfeldein ihr Glück versuchten.“

Der Blick auf die ehemalige DDR wird wieder mit einem Familienereignis eingeleitet, denn der Vater der Autorin war Projektdirektor der Treuhand. In diesem Zusammenhang geht Géraldine Schwarz auf die Art der Vergangenheitsbetrachtung in der ehemaligen DDR ein und kommt zu dem Ergebnis, dass die Erinnerungsarbeit einem ähnlichen Mythos unterlag wie in Frankreich und sie zitiert Jana Hensels Zonenkinder: „Im Geschichtsunterricht unserer Kindheit waren wir Antifaschisten. Unsere Großeltern, unsere Eltern, die Nachbarn - alle waren Antifaschisten.“ Im Mittelpunkt des Gedenkens standen die Kommunisten, die Soldaten der Roten Armee, während Juden und andere Opfer aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwanden.

Das Buch ist eine Tour d'Horizon durch die Geschichte mit zahlreichen Literatur- und Filmverweisen. Informativ und äußerst aktuell zeigt es gerade in seinen Vergleichen, welche Folgen Gedächtnislosigkeit und Geschichtsrevisionismus in Zeiten eines zunehmenden Populismus für demokratische Entwicklungen haben können.

Warum sie dieses Buch gerade jetzt geschrieben habe, wurde die Autorin in einem Interview in Deutschland Kultur (28. 8. 2018) gefragt. Weil Erinnerungspolitik eine wichtige Waffe gegen Rechtspopulisten sei, lautete ihre Antwort. Und weiter sagte sie:

„Ich bin ja Deutsch-Französin, ich bin sozusagen ein Kind der deutsch-französischen Versöhnung, und mir war schon sehr früh bewusst, dass diese Welt, in der wir leben, sehr davon abhängt, ob man sich erinnern kann. Ich hab das Gefühl, dass dieses Erinnern zurzeit gefährdet ist, und deshalb hab ich das Buch Die Gedächtnislosen geschrieben.“

 

Géraldine Schwarz
Die Gedächtnislosen / Erinnerungen einer Europäerin
Aus dem Französischen übersetzt von Christian Ruzicska
Secession
2018 · 380 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-906910-30-7

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