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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Jedem Schlafwandler steht ein Kiosk im Weg.

Hamburg

Der Blinde hat ein Auge und ist König ist ein schräges Buch, dessen Schräglage vieles ins Kippen und damit auch uns Lesende aus dem Gleichgewicht bringt. Der Untertitel lautet Erzählungen und das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Denn die meisten Erzählungen erzählen nichts, oder gerade deswegen vielleicht alles, und tun das auf eine Art und Weise, die uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Das Besondere an der Prosa von Gerhard Ochs ist, dass wir es darin oft mit sehr emanzipierten, selbstbewussten Einzelsätzen zu tun haben, die sich dem Diktat der Handlung nicht unterordnen und auch nicht in den Erzählfluss einordnen um sich zu einer klassischen Erzählung zu fügen. Gerhard Ochs nimmt jeden Satz für sich ernst mit einer Genauigkeit, die man sonst vorwiegend aus der Lyrik kennt. Natürlich ist alles Sagbare ein sich verlängerndes Gedicht. Wir haben es damit schlussendlich mit einer Satzansammlung gleich einer Horde Individualisten zu tun, in der jeder für sich steht, die aber dennoch irgendwie ein Ganzes bilden.  

Hinter allen möglichen Sätzen stehen wir und auch davor.

In Der Blinde hat ein Auge und ist König findet man wunderbare Denkanregungen und Gedankenspiele – Wie wäre es, wenn ich das auseinanderfließende Rom mit Kaugummi zusammenklebte? ___STEADY_PAYWALL___ Denke dir aus der Landschaft nicht den Schnee weg, sondern die Landschaft. Verrückte Sätze über eine verkehrte Welt – So angeln Haie Boote.Eine Palme wackelt im Foto, steht aber still. Und sehr schöne Aphorismen – Jeder Pfirsich ist an seinem eigenen Stängel befestigt.Wenn das, was ist, in dem ist, was sein kann, macht das Alter den Unterschied.

Inhaltlich geht es neben ganz vielem anderen auch um Tiere – Schmackhaft wie Katzenschmaus ist mein Tagesverlauf, wenn er mir um die Beine schnurrt mit seinen behaglichen Stunden. Religion – Ich schicke dem Pfarrer ein Kistchen Zigarren zu Ehren meines Versuches über das Dorfteichwasser zu wandeln. Kindheitserinnerungen – Tags darauf trinkt sich mein Vater bis unter den Tisch vor, wo die Fische jubilieren und die Vögel konjugieren. Griechische Mythologie – Nur ein Kenner der Wollwebekunst folgt aus Liebe in die Unterwelt. – Manch einem geht der an den Felsen Geschmiedete durch den Kopf. Nur kurz, denn der nächste Atemzug erfordert strenge Aufmerksamkeit. Und Tod – Heute ist Sonntag Vatertag Muttertag Geburtstag Todestag. – Liebenswürdig sehen wir uns an, der Tod und ich. Jeder kann sich ihn holen durch Verkühlung in der Winterluft. Hinterher sind alle untröstbar.

Der Band beginnt mit einigen Kürzesttexten, in denen noch stringent erzählt wird und mitunter ungewöhnliche Perspektiven eingenommen werden, beispielsweise handelt ein Text davon, wie es wäre im Rachen, und damit im Bellen, eines Hundes zu sitzen:

[…] momentan sitze ich im Rachen eines Hundes, es stinkt, denn der Hund kostet die Scheiße von anderen Hunden, es stinkt und es ist warm, ich rühre mich nicht, was gibt es Ärgeres, als im Bellen zu sitzen, mitten im Bellen, es ist fürchterlich laut, es ist so laut, dass alles, aus dem ich bestehe, zittert und bebt, ich sitze hier drinnen und rühre mich nicht, […]

Allmählich werden die Texte länger und bei diesen längeren Texten geht es nun zunehmend nicht mehr so sehr darum, was erzählt wird, sondern wie erzählt wird, bzw. eben nicht mehr erzählt wird. Denn in diesen Texten emanzipieren sich die einzelnen Sätze vom Textganzen und stehen in gewisser Weise auch für sich. Es gibt Sinnzusammenhänge und manchmal wird schon noch für einige Zeilen oder einen Absatz lang stringent erzählt. Aber es ist eben keine Selbstverständlichkeit mehr und damit bringt Gerhard Ochs uns dazu, anders zu lesen, aufmerksamer, Satz – für – Satz, weil wir im Vorhinein nicht wissen können, wie es weitergeht, ob der nächste Satz sich auf den vorhergehenden bezieht oder ganz etwas Neues bringt. Die Texte sind damit Eintritte in Labyrinthe, fadenlos.

Mir kommt Der Blinde hat ein Auge und ist König beinahe wie eine bunte, hüfthohe Wildblumenwiese vor, in der alles wachsen darf, was von alleine aufgeht oder vom Wind herangetragen wird, während der Autor selbst staunend ob der Artenvielfalt und Lebendigkeit inmitten dieser Wiese sitzt. Dahingegen wirken „klassische“ Erzählungen wie ein fader, eintönig grüner, kurz gestutzter Fußballrasen, der sich gut eignet, um auf ihm Fußballspiele auszutragen und der nicht mehr und nicht weniger als ein funktionaler Bodenbelag zu sein hat.

So habe ich mich also nur geträumt.

Bei Gerhard Ochs geht es auch um eine Autonomie der Sprache, ein Staunen vor den Sätzen, die sich wie von selbst schreiben. Automatisch schreibt die nächste Zeile den Text. Stichwort Écriture automatique. Natürlich ist es immer auch Pose, als Autor zu schreiben, dass der Text sich selbst schreiben würde, aber Gerhard Ochs nimmt man das bis zu einem gewissen Grad sogar ab und glaubt ihm, bzw. seiner Autorfigur im Text sogar, dass sie als Schmetterling oder Vogel den in den Bäumen hängenden Sätzen nachflattert. Auch fliege oder schwebe ich hinter meinen Sätzen her. Sie hängen schon in den Astgabeln der Bäume oder lassen sich von flinken Händen retten.

Ein anderer Versuch, die besondere Erzählverweigerung der Texte von Gerhard Ochs mit einem Begriff zu fassen, wäre Mehrfachbelichtung, bzw. Mehrfachbelichtungen. Dieser Schmetterling torkelt durch viele Szenen meiner weit aufgerissenen Mehrfachbelichtungen. Mehrfachbelichtung bedeutet eine Überlagerung von Schichten. Und zwar Schichten, die sich überlagern, aber nicht überdecken, da man durchsehen kann und durch eine Schicht die dahinterliegende sieht. Es geht in den Texten von Gerhard Ochs damit um eine Überlagerung mit Durchsicht und Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem.

Mit Zucker bestäubte Schmetterlinge erschweren die Debatte.

Es gibt im Band das Erzählen und die Erzählverweigerung, welche beide in einer spannungsgeladenen Beziehung zueinander stehen. Denn stellenweise kippt Gerhard Ochs immer wieder für einige Zeilen, einen Absatz oder mit „Dunkler als die Sonne“ auch eine ganze, längere Erzählung lang in ein an sich „normales“ Erzählen hinein, das uns aber gerade durch die sonstige Widerspenstigkeit der Texte umso mehr zu überraschen vermag. Die verweigerte Schlussfolgerung spricht Bände. Die ganze Anordnung bleibt flüchtig. Flüchtig im Sinne von schwer zu fassen mag die Anordnung der einzelnen Texte im Band vielleicht sein, aber sie ist keineswegs beliebig. Und es ist nicht so, dass die Texte in einzelne Sätze zerfallen würden und das ganze Buch in einzelne Texte. Nein, ganz im Gegenteil, denn zwischen den einzelnen Sätzen und den einzelnen Texten gibt es bei aller Autonomie und häufiger Erzählverweigerung doch einen immens starken Zusammenhalt.

Auf welche Weise grobgemahlenes Mehl zu Affektiertheit führt, bleibt unerforscht.

Die folgende Stelle, welche relativ weit hinten im Band zu finden ist, lese ich als Schlüsselstelle zum besseren Verständnis der Schreibweise von Gerhard Ochs:

Immer wieder findet man an den Rändern der Autobahnen tote Hunde. Das ist nur natürlich, und ebenso natürlich ist es, sie nicht zu beachten, sondern an ihnen vorbeizufahren. Einmal sah ich in einem Papier, das mit lauter Wörtern bedruckt war, nur das Weiße zwischen den Wörtern.

Mir kommt es fast so vor, als hätte Gerhard Ochs für seine Texte gerade all jene Sätze zusammengesammelt, welche normalerweise die toten Hunde an den Rändern der Storyline-Autobahnen sind. Als hätte er eine Sprache gefunden für das Weiße zwischen den Wörtern, für die Sätze zwischen den Sätzen.

 

Nachtrag zur Rezension:

Wie es der Zufall so will, lese ich gerade ein bislang unveröffentlichtes Manuskript des unter anderem auch auf Deutsch schreibenden belgischen Dichters und Autors Lode Vanermen, das eigene Gedichte und Übersetzungen enthält. Es ist kein Zufall, dass ich dieses Manuskript lese, da ich seinen im Klever Verlag erschienenen Prosaband Draußen scheint der Regen lektoriert habe und wir uns seither mit großen Abständen aber beständig über Literatur austauschen. Es ist also kein Zufall, dass ich ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Lode Vanermen lese, aber es ist Zufall, dass ich es ausgerechnet jetzt lese und ausgerechnet dieses eine Manuskript, weil es schon sehr lange Zeit bei mir liegt und er mir damals gleich drei verschiedene Manuskripte auf einmal geschickt hatte. Nun lese ich also eines dieser drei Manuskripte und bei einer Stelle horche ich auf, weil ich sie bereits kenne, bereits gelesen habe, und zwar im eben von mir rezensierten Band von Gerhard Ochs. Es ist keine Stelle, die man schnell vergisst, geht es darin doch um eine Fahne, die „an die Panik des Huhnes vor dem Beil“ erinnert. Hier erst die Stelle bei Lode Vanermen. Es handelt sich dabei um sehr freie Nachdichtungen chinesischer und japanischer Gedichte übers Englische, in diesem Fall nach einem Gedicht von Meng Chiao. Das Bild der Fahne bei Lode Vanermen wurde angeregt von der Zeile “These times, the traveller’s heart / Is a flag a hundred feet high in the wind” (Poems of the Late T’ang, Penguin Classics), während „die Panik des Huhnes vor der Axt” aus seinem Kopf kommt, wie er sagt. Die Nachdichtungen von Lode Vanermen haben einige Wanderjahre hinter sich und wurden vor Jahren schon einmal veröffentlicht und zwar im Krautgarten Nr. 42., Mai 2003. Der Krautgarten war ein bekanntes Kulturmagazin der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, das es von 1982 bis 2017 gab. In der Einführung zu seinen Nachdichtungen und Übersetzungen schreibt Lode Vanermen im Krautgarten unter anderem:

Die Texte, die ich mit ihrem Namen unterschreibe ( Buson, Hokugai, Kikaku, Onitsura …), sind den Originalgedichten so nahe, dass sie, trotz nicht immer unvermeidlicher Verwandlungen, als Übersetzungen gelesen werden sollten.

Alle übrigen Texte sind ferne Echos meiner Lektüre chinesischer Dichtung. Sie stammen mit wenigen Ausnahmen aus der T’ang Dynastie.

Und nun die Stelle von Lode Vanermen, bei der ich hellhörig wurde:

am elften märz vierundsechzig, bleistiftdatum auf dem vergilbten
rücken eines schwarzweissfotos, stand ich an der hand meiner
mutter vor einer pferdemühle, einem pavillon mit farbigen glühbirnenreihen
aus der ein blecherner walzer stämpfte. oben schlu-
gen die fahnen im närrischen wind, sie erinnerten mich an die panik
des huhnes vor der axt oder an pralle peitschenschläge.

Denn einige Motive daraus hatte ich gerade erst bei Gerhard Ochs gelesen, hier die entsprechende Stelle aus Der Blinde hat ein Auge und ist König:

Am 23. März 1945 stehe ich an der Hand meiner Mutter vor einer Mühle. Oben im närrischen Wind schlägt eine Fahne an, sie erinnert an die Panik des Huhnes vor dem Beil.

Gleich sind der März, die Hand der Mutter, die Mühle und vor allem die im närrischen Wind schlagende Fahne, die an die Panik des Huhnes vor der Axt / dem Beil erinnert. Einmal aufmerksam geworden, findet man noch weitere Parallelstellen.

Lode Vanermen:

nachtschwelle am horizont, fliegen im pferdeauge,
eine raubtierspur, dunkle kruste am hals.
von einem kirchtag erinnere ich mich der fahnen, närrisch im
wind:
wie sie einst flatterten schlägt jetzt das herz des wanderers.

Gerhard Ochs:

Nachtschwelle des Horizonts, Fliegen in Pferdeaugen. Ich erinnere mich an die grünweißen Fahnen von einem Kirchentag. Wie einst schlägt nun das Herz des Wanderers.

Bei Lode Vanermen ist diese Stelle ein Echo auf Meng Chiao’s On Mount Ching:

Gadflies swarm on the weary horse.
Streaming blood. […]
Ahead, uphill, hear the tiger roar.

Gerhard Ochs hingegen schreibt sich auf dieser Seite in Der Blinde hat ein Auge und ist König entlang der Nachdichtung von Lode Vanermen und greift immer wieder einzelne Motive oder Satzfragmente daraus auf.

Im Gedicht von Lode Vanermen findet man beispielsweise folgende Stellen (die Auslassungspunkte markieren von mir der Übersichtlichkeit wegen ausgelassene Zeilen oder ganze Strophen):

wie mein rotes herz nach allen empfindungen.
[…] in immer neue
länder mit noch nie erprobten bräuchen.
[…] der
abend wird kühl und freundlich sein, denk ich, ausgestreckt auf
der matratze, […]
niemand sieht die entenjungen unter den flügeln ihrer mutter schlafen
auf dem ufersand des flusses.

Alle diese Stellen kann man dann in der richtigen Reihenfolge aneinandergereiht bei Gerhard Ochs wiederfinden:

wie mein rotes Herz nach allen Empfindungen. In immer neue Länder mit noch nie erprobten Bräuchen. Der Abend ist kühl und freundlich auf meiner Matratze, draußen auf dem Ufersand watscheln die Entenküken unter die Flügel ihrer Mütter.

Das Bild der Entenjungen bei Lode Vanermen stammt aus Tu Fu’s Nine Short Songs: Wandering Breezes, 8 (Li Po and Tu Fu, Penguin Classics):

While ducklings on the sands
Sleep by their mothers

Rund eine Seite lang lassen sich bei Gerhard Ochs Bezüge zu den 2003 im Krautgarten veröffentlichten Nachdichtungen und Übersetzungen von Lode Vanermen herstellen, auch zu einem kleinen Zyklus von „Sechs hartgekochten Haiku“ japanischer Dichter.

Lode Vanermen:

abendbrücke
so viele hände
kühl auf der brüstung

Kikaku

*

wohin mit dem badewasser
es summt überall

*

wenn kirschbäume blühen
haben vögel zwei beine
und pferde vier

Onitsura

 

Und Gerhard Ochs:

So viele Hände kühl auf der Brüstung. Wohin mit dem
sauberen Badewasser?
Es summt überall. Wenn die Kirschbäume verblühen,
haben die Katzen nur noch zwei Pfoten.

Spannend sind im direkten Vergleich gerade die Abweichungen, die Ergänzungen und Antworten. Diese kann man eben nur in einer Nebeneinanderstellung erkennen, die sich in diesem Fall einem sehr großen Zufall verdankt.

Gerhard Ochs
Der Blinde hat ein Auge und ist König
Klever Verlag
2020 · 122 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-58-8

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