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Kritik

Ganz ohne Freuden bin ich freilich nicht

Das autobiographische Vermächtnis einer großen deutschen Dichterin
Hamburg

Wieder ein runder Geburtstag, der weitgehend unbeachtet bleiben wird. Dabei zählt Gertrud Chodziesner unter ihrem Pseudonym Kolmar, dem Ort ihrer polnischen Vorfahren, zu den bedeutendsten deutschen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts.

Die Eckdaten: Geboren am 10.12.1894 als ältestes von vier Kindern eines wohlhabenden jüdischen Rechtsanwalts in Berlin. Mit 48 Jahren im Rahmen der sogenannten Fabrikaktion - alle noch in Berlin lebenden und zur Zwangsarbeit verpflichteten Juden wurden in ihren Betrieben verhaftet und in Vernichtungslager deportiert - am 27.2.1943 inhaftiert und am 2.3.1943 nach Auschwitz verbracht. Offizielles Todesdatum 2.3.1943.

Kolmar, deren Nachlass im Literaturarchiv Marbach liegt, ist vor allem Lyrikerin. 1917 erschien ein erstes schmales Bändchen Gedichte, 1934 der Gedichtzyklus Preußische Wappen, 1938 Die Frau und die Tiere. Sie verfasste auch Erzählungen, Essays, dramatische Entwürfe und den Roman Die jüdische Mutter, viele Werke wurden erst postum publiziert.

Bereits 1997 hat Johanna Woltmann im Wallstein Verlag den Band Briefe ediert, der erstmals 1970 erschienen war und nun zum 120. Geburtstag der Dichterin zum dritten Mal aufgelegt wurde. Er beinhaltet einige Briefe und Postkarten an ihren Cousin Walter Benjamin sowie die SchriftstellerInnen Leni Steinberg und Jacob Picard. Hauptteil jedoch sind die bewegenden Briefe Gertrud Kolmars an ihre elf Jahre jüngere Schwester Hilde Wenzel, vor allem jene aus den Jahren 1938-43. Die Geschwister der Dichterin hatten Deutschland verlassen, Hilde war in die Schweiz emigriert. Nur Trude blieb allein mit dem alten, zunehmend gebrechlichen Vater in Berlin.

Die Zukunft ist dunkel, schrieb sie in einem Brief. Und selbst wenn es mir möglich wäre, bald von hier fortzukommen (ausgeschlossen ist das nämlich nicht), so darf ich doch von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen; denn ich kann und will Vati gerade jetzt nicht allein lassen.

Die Schwestern verband eine innige Zuneigung. Hilde gegenüber öffnete sich die Lyrikerin, vertraute ihr Details aus dem schwieriger werdenden Alltag, aber auch Freuden und Glücksmomente an. Nach der Pogromnacht am 9.11.39 nahm die Repression zu. Die Villa in Finkenkrug wurde zwangsverkauft, die Umsiedlung in ein „Judenhaus“ in Schöneberg verfügt. Die neue Wohnung war geräumig, die Lebensverhältnisse wurden allerdings durch weitere Personenzuweisungen immer beengter. Kolmar litt an der „unlandschaftlichen“ Umgebung und dem Verlust von Finkenkrug, ihrem Paradies. Ich bringe es einfach nicht fertig, schrieb sie Hilde, zu dieser Gegend in ein Verhältnis  – ein erträgliches oder unerträgliches – zu kommen; ich bin hier so fremd wie am ersten Tag. Sie sei mit den Wurzeln aus meinem Erdreich gerissen. Kolmar verzagte trotzdem nicht, denn Resignation ist nie meine Tugend noch meine Schwäche gewesen. Und in einem späteren Brief notierte sie:

Doch empfinde ich’s so, als ob ich, ich allein es in meiner Hand hielte, dem scheinbar Sinnlosen einen Sinn zu geben.

Sie berichtete von Nachbarn und Bekannten, die Deutschland verließen, doch die eigene Ausreise wurde nur en passant gestreift, als wäre sie für Kolmar keine lebbare Möglichkeit.

Diese Wanderung, so die Lyrikerin, wäre eine lediglich durch äußere Umstände erzwungene, ich will vor dem nicht fliehen, was ich innerlich soll.

Ab Mitte 1941 wurde sie zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet, zunächst in Lichtenberg, dann in einer Fabrik in Charlottenburg. Es blieb wenig Zeit für die Verrichtungen des Alltags, kaum Muße für Briefe oder das Dichten. Sie trotzte dieser Arbeit dennoch gute Seiten ab, hier fühlte sie sich „zuhause“, weil sie die Anerkennung der Arbeitsgenossen erfuhr (auch die zarte Annäherung eines wesentlich jüngeren Mannes beschrieb und hinterfragte sie mehrmals nicht unkritisch), und ihr die Flucht aus den prekären Wohnverhältnissen ermöglicht wurde.

Zuhause. Das ist Tatsache. Mehr zuhause als in der Speyererstraße 10. Denn da hausen meine Mieter: fremde Menschen, die meine Sachen in Besitz genommen haben, meine, unsere Sachen und mir gehört nichts mehr.

Schikanen, Gefährdung und Ungewissheit wurden allgegenwärtig. Und allmählich änderte sich der Ton der Briefe. Kolmar verschlüsselte zunehmend ihre Mitteilungen an Hilde Wenzel, um die Zensur zu umgehen. Zum Verständnis hilft hier der umfangreiche informative Kommentar im Anhang, der durch eine sorgfältige Biobibliographie und einen editorischen Bericht ergänzt wird. Unverschlüsselt blieben allein die Briefe und Postkarten an Hildes 1933 geborene Tochter Sabine, der Trude in großer Liebe verbunden war. Hier war der Ton stets heiter und unbeschwert. Und in den Briefen an Hilde ergriff Kolmar Partei für ihre Nichte, mahnte zur Nachsicht, versuchte zu begütigen.

Doch es waren nicht nur schwarze, bedrückende Briefe, die Hilde aus Berlin erhielt. Kolmar berichtete ebenso über kleine Freuden, beglückende Begegnungen, neue Anfänge. Durch die Nazis zur Jüdin gemacht, begann sie Hebräisch zu lernen, versuchte erste Gedichte in der neuen Sprache, überlegte die Auswanderung nach Palästina. Auch andere Texte entstanden, die sie an ihre Schwester schickte oder die von Freunden versteckt bewahrt werden konnten. So ist der vorliegende Band nicht nur ein Zeitdokument, sondern vor allem das autobiographische Vermächtnis einer Lyrikerin, die, sich selbst disziplinierend und immer mit schlechtem Gewissen, etwas anderes zu vernachlässigen, bis zuletzt um das Dichten und die für sie richtigen Möglichkeiten und Umstände ihres Schreibens gerungen hat.

Von mir selbst weiß ich, notierte sie, dass ich Gegenwärtiges, Nahes viel seltener als Vergangenes, Fernes zum Gegenstande meines Dichtens mache.

Mit ihrer Ermordung wurde Gertrud Kolmar zum Schweigen und wir um die Möglichkeit gebracht, von ihr, der Augenzeugin, über die Briefe hinaus noch zu schreibende Texte über die Verbrechen des Naziregimes zu lesen.

Gertrud Kolmar · Johanna Woltmann (Hg.)
Gertrud Kolmar / Briefe
Durchgesehen von Johanna Egger und Regina Nörtemann
Wallstein
2014 · 324 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1397-2

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