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Kritik

Sie sind da

Hamburg

„Es nützt nicht mehr, sie wegzudenken“ heißt es in Gertrud Leuteneggers Roman „Späte Gäste“: „sie sind da“. Flüchtlinge und Migranten, die man lange nur aus dem Fernsehen kannte, sind angekommen in dem Dorf in den Bergen, direkt hinter der Grenze. Und angekommen, beziehungsweise zurückgekommen ist auch die Erzählerin, eine Geflüchtete auch sie, allerdings nicht vor Hunger und Krieg, sondern aus einer Beziehung, die durch das berufliche Scheitern und den Alkoholkonsum des geliebten Mannes zerbrach. Nun ist sie zurückgekehrt, um Orion zu begraben, mit dem sie und das gemeinsame Kind in diesem Dorf lebten, bis sie Hals über Kopf in eine Stadt im Norden zog. Es ist Fasnacht, die Dorfbewohner feiern wie jedes Jahr im Nachbardorf auf der anderen Seite der Grenze, die Erzählerin streift durch das leere Dorf und quartiert sich schließlich in einer herrschaftlichen Villa,___STEADY_PAYWALL___ dem alten Gasthaus des Dorfes, ein. Es ist niemand da, doch die Türen sind unverschlossen, so dass sie unter Decken und Fellen improvisiert Schutz vor der Februarkälte findet.

Da liegt sie nun, halb schlafend, halb wachend, zwischen Erinnerungen an die Kindheit, an den Mann, der nun begraben werden muss, das gemeinsame Kind, das längst erwachsen ist und auch auf dem Weg zurück ins Dorf ist und den Nachrichten über die Geschehnisse auf dem Mittelmeer, die auch bis in diese hinterste Ecke der Berge dringen. Es ist eine Totenklage ohne Anklage. Um den geliebten Mann, der sich immer mehr in sein berufliches Scheitern manövrierte und dabei auch ihre Liebe zerstörte, der mehrfach halb bewusst versuchte, sein Leben zu beenden und nun eines natürlichen Todes gestorben ist und auch um die Umstände, die Menschen zwingen, ihr Leben zu riskieren, um es zu retten.

Oszillierend zwischen Traum und Wachzustand, zwischen Tagespolitik, Geschichte, Astronomie und Mythologie entwickelt sich eine ebenso märchenhafte wie realistische Erzählung über das Leben, das Fremdsein und das nicht Nicht-ankommen-Können. Da sind „die Hässlichen“, eigentlich Dorfbewohner, die sich in Erinnerung an die Verstorbenen und die Ausgewanderten des Dorfes während der Fasnacht bewusst hässlich und abgerissen kleiden, um dann gegenüber den „Schönen“, die sich entsprechend schön, fantasievoll und gepflegt herausputzen, ihren Platz zu behaupten. Ein alljährlicher, ausgelassen und fröhlich gefeierter Fasnachtsbrauch, der nun unerwartet Aktualität und Ernst bekommt: Mit einem Mal sind es viel mehr Hässliche als Schöne und der Appetit der Hässlichen ist weit mehr als Freude am Essen, sondern schlicht Hunger. Ihr Benehmen allerdings ist nicht unverschämt und bewusst dreist gegen alle Regeln verstoßend, sondern höflich und zuvorkommend, wie es eigentlich nur den Schönen zusteht. Nun sind sie also da, die Kriegs- und Armutsflüchtlinge, verkleidet als die, die einst das Dorf verließen, um nur zur Fasnacht zurückzukehren. Ein Dorf, das seit langem gleichermaßen Zuwanderer aus Italien und Portugal aufnahm wie auch über Jahrhunderte Menschen verlor, die Richtung Norden oder gar nach Übersee auswanderten, um Hunger und Not zu entgehen. Oder sind es „nur“ Einbildungen? Bedrohlich nah erkennt die Erzählerin ihre Silhouetten im morgendlichen Nebel, um sich im selben Moment an die Haushälterin des Gasthofes zu erinnern, die sie mal fragte, warum sie den ungeheuerlichsten Tatsachen furchtlos gegenüberstehen könne, um dann vor Gespenstern zu zittern?

In der Beziehung zu Orion habe sich ihre Kraft, das geschriebene Wort zur Wirklichkeit zu machen gegen sie selbst verkehrt, erinnert sich die Erzählerin, da sie die im Rausch gesprochenen Worte des ehemals geliebten Mannes nicht als solche hatte identifizieren können – jetzt ist es die zur Erzählung geronnene Vorstellung, die sie die Nacht vor der Totenmesse überstehen lässt, ein Zurücksehen um den Geistern der Vergangenheit ihren Platz zuweisen, bevor der Morgen kommt. Nicht zurückschauen! rät ihr der sizilianische Wirt, der angesichts der Ertrunkenen im Mittelmeer keinen Sinn mehr in seinem Beruf als Restaurateur finden kann und jetzt versucht die leerstehenden Häuser in seiner Heimat für die Flüchtlinge zu öffnen. Doch was ist das Leben, wenn man an ihm zugrunde gehen kann wie der Geliebte oder wenn man es riskieren muss, um es zu retten?

Gertrud Leutenegger
Späte Gäste
Suhrkamp Verlag
2020 · 174 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42958-7

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