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Kritik

„Tödlicher Leerlauf” – Agambens Diagnose der Gegenwart

Hamburg

Wir leben in subjektiv düsteren Zeiten, sicher wie nie in Europa, in den USA je nach Lage auch, wiewohl dies nicht zuletzt durch die Paranoia derer akut gefährdet ist, die es anzweifeln, vielleicht aber doch auch objektiv düster, weil die Menschheit sich auf neue Weise selbst terrorisiert, wieder und noch immer.

Wird auch gerne vorgerechnet, daß die Verteilung von Armut und Reichtum nun langsam immerhin der Gauß’schen Normalverteilung sich annähere (wieso ist das eigentlich gut bzw. gut genug?), ist es doch nicht schönzureden, daß …

* … die postkolonialen Verhältnisse noch immer gründlich kolonial sind – neben den USA, Rußland und Europa ist China etwa in Afrika recht umtriebig, Bodenschätze sich holend und die nun schon zu teuren Rechtlosen im eigenen Land qua outsourcing ersetzend –, …

* … lokale Anarchie dabei zugelassen wird, zwecks sozial unstrukturierter Landstriche, die dem dann keinen artikulierten Volkswillen oder dergleichen entgegen setzen könnten, …

… während die, die es sich richten zu können noch vermeinen, auch die Erde insgesamt schädigen, also nicht – bloß – „fünf Milliarden Menschen […], die überhaupt nichts besitzen”, so Alain Badiou kürzlich über die globale Schieflage, sondern womöglich alle.

Und alle trifft womöglich auch, was dann an regionalen Problemen – teils dort, wo diese im Land der Verursacher sind, samt dem „einheimischen Terrorismus”, wie es angesichts von Charlottesville sogar der rechts positionierte Ted Cruz konzedierte, teils zurückkehrend zu den Verursachern – übergreift: zuerst auf Nachbarregionen, bis heute jedoch alles Nachbarschaft ist … sei es die von China lange protegierte Pufferzone Nordkorea, wo mit Trump nun die nötige Deeskalation jedenfalls sehr unorthodox betrieben wird, während zwei Unzurechnungsfähige mit Nuklearwaffen hantieren, sei es der islamistische Terror, auch wenn dieser den modernen Westen in Zahlen weniger terrorisiert, als der Begriff vermuten ließe.

Düstere Zeiten also … und darum kann es nicht schaden, sich zu überlegen, was das Geheimnis des Bösen sei; falls es das Böse gibt. Giorgio Agamben widmet sich dieser Frage in seinem auf einem Vortrag basierenden Büchlein zur Abdankung Benedikt XVI., also auf Umwegen. Aus diesem Verzicht, der einen „Mut, der in unserer Zeit nicht selbstverständlich ist”, feige sind diese düsteren Zeiten also auch noch, „bewiesen hat”, könne man zu „Schlussfolgerungen für die Beurteilung der politischen Lage der heutigen Demokratien ziehen”.

Tatsächlich habe aus dem Rücktritt weniger Erschöpfung gesprochen, sondern „Verdruss”, und zwar über das, was als „Hypertrophie des Rechts” dem Unrecht Raum gegeben haben könnte, nämlich an dem nagend, was als Epikie dem Illegalen im Gesetz Rechnung trägt: „Legalität und Legitimität zur Deckung zu bringen” sei gescheitert … und müsse vielleicht scheitern, damit aber ein Wesenszug der Moderne, deren Zerrüttung eine Wurzel dessen sind, was unsere Zeit verdüstere. Dabei solle die Legalität nicht „Epiphänomen”, aber auch nicht die Frage der Legitimität aufheben … beides resultiere in einem „todbringenden Leerlauf”. Aber die Hypertrophie der für „Legitimität unempfindlichen” Legalität sei zu erschüttern, wie es der Papst getan habe.

Kirche, so der junge Ratzinger, der noch Nietzsche und Adorno las und dafür auch in Diskussionen als zu progressiv attackiert wurde, sei immer beides, „Kirche Christi” und „Kirche des Antichrist”, sie sogar … als vielleicht beste aller möglichen Institutionen… Die „corruptio optimi pessima” wird bis Ivan Illich und weiter verfolgt. Dabei enthüllt sich das Dialogisch-Krisenhafte des Seins, das die Unterhandlung 1. nach Regeln 2. durch Legitimierte erfordert … in etwas wie „ho nyn kairos, »Jetzt-Zeit«”. – Und dann ist Agamben fertig. Das Unheil ist nicht auszuräumen, das Ausräumen könne das Unheil werden, jedenfalls, wenn die Krise ausgeräumt werde. Wenn alles funktioniere, ein modernes Phantasma, mangle es an etwas, das der dysfunktionale Papst gezeigt habe. Das ist nicht unspannend.

Aber ist dann Trump – der Text stammt von 2013 – dann auch eine solche Krise? Oder ist damit nun wie Slavoj Žižek, der sich sozusagen diese Krise wünschte, ironisch oder wie auch immer, so auch Agamben blamiert? Nein, denn Trump ist nicht die Krise: Immerhin hat hier der Legalismus (z.B. das Electoral College…) dazu beigetragen, daß nun ein Illegitimer etwas angetreten hat, wogegen in Agambens Fall mit Ratzinger/Benedikt XVI. ein (irgendwie) Legitimer zurücktrat … Agambens Text zeigt also vielmehr auf Trump angewendet, wie die festgefahrenen Situationen eines Gegengewichts oder einer Krise bedurft hätten: Trump ist also schlimm; aber nicht etwa schlimm, obwohl er nur ein Popanz sei, was manche ja als Trost vortrugen; sondern vor allem auch, weil er nur das sei – weil nämlich nun die, die nicht politisch agieren, das, was Leerlauf ist, eskalieren: als raffinierten Neofeudalismus mit Primitivaktionismus als Begleitmusik und Ablenkungsmanöver.

Es geht deshalb noch nicht um Imaginationen stattdessen etwa starker Führerfiguren, Agamben ist kein Protofaschist – aber um die Diskontinuität, die Epoché: Politik als Vermögen, in Sachzwängen, die sich aus dem Recht oder aus der Marktlogik ergäben, diesen nicht fatalistisch zu begegnen, sondern darin navigierend zu verstehen, daß ohne eine Navigation, manchmal auch im Widerspruch zu den Leit- oder doch Irrlichtern, jedenfalls das naufragium, der Schiffbruch, droht…

Giorgio Agamben
Das Geheimnis des Bösen / Bendikt XVI. und das Ende der Zeiten
Übersetzung: Andreas Hiepko
Matthes & Seitz
2015 · 69 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-097-0

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