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Kritik

Olympiade des Schweigens

Hamburg

Auflösung, Tod, Marmorbilder. Die Leere von Athen 1928, Mondjahr. Eine Morbidität zwischen Bordellen, Tavernen, Kellern, Tempeln lässt Giorgos Seferis' einziger Roman Sechs Nächte auf der Akropolis lebendig werden. Erst aus dem Nachlass postum veröffentlicht 1974, begann der griechische Nobelpreisträger bereits in den späten 1920er Jahren mit der Niederschrift des Stoffes, entdeckte ihn nach eigenen Angaben wieder, um 1954 herum, und versah das damals aufgegebene Fragment mit neuer Energie und hinein gemogelten Original-Tagebucheintragen von ihm selbst, bis er abermals beschloss, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Die plurale Publikationsgeschichte geht weiter, übersetzt von Asteris und Ina Kutulas, 1986 bzw 1995 in der Bibliothek Suhrkamp veröffentlicht, liegt der lesenswerte Roman nun erneut, als Reprint im Paperback desselben Verlags seit Oktober vor – ein intelligentes, sprachlich aufgeweckt durchdachtes Stimmungsbild.___STEADY_PAYWALL___

Sonntag

Vor Tagesanbruch schlug ich die Augen auf. Ein Mond aus Seidenpapier auf die Fensterscheibe geklebt; Tränen des Morgens: veilchenblaue Stunde: veilchenblau – antik – griechisch; bittrer Geschmack beim Erwachen; fader Geschmack der Unsicherheit; abscheulich. Ich schreite über das schmale Ufer, das meinem Wunsch zu weinen gleicht.

Seferis setzt eine durchgehende Montagetechnik ein, die dem typischen Moderne-Großstadtroman nahekommt und sich doch von ihnen durch Schauplätze und derer eingewobenen Geschichte („die kleinasiatische Katastrophe“ 1923 etc.) abhebt. Eine Gruppe junger Leute, Nachtschwärmer, Dichter, Gesprächsführende unterhält sich den ganzen Roman über. Sie verhandeln Politik, Kunst, Religion, Amouren, sie sprechen in verschiedenen Sprachen, Textformen und tragen Namen wie Lala, Sphinx, Salome usf. Hauptperson ist der Dichter und Odyssee-Leser Stratis. in insgesamt sechs Nächten, zu verschiedenen Mondphasen, zieht es die ziellos Schaffenden auf die Akropolis, wo sie stets den Wächtern entkommen müssen, weingeschlossen werden, irgendwo im Dunkeln Stelldicheins haben,  sie ihr Schicksal ereilt.

Drüben, die Akropolis lag vor Anker; bereit, abzulegen.

Notate in Notaten, Gedichte, verstreute Ansichten und Beschreibungen bilden Seferis‘ Mittel der Wahl, die Sechs Nächte literarisch zu gestalten. Die Textsortenwechsel, das schrullige Publikum, die Melancholie erschaffen eine besondere Atmosphäre, die wie ein gelungenes Szenenbild das Maß findet, zwischen Plastizität und Abstraktion eine Epoche des Schlafens, in Hoffnung auf Erwachen bei gleichzeitiger Planlosigkeit bzw Ausklammerung von sich selbst als Agens zu illuminieren. Das Skizzenhafte des Stoffes, das Diverse, Richtungsoffene verleihen dem Werk eine Jugendlichkeit, ohne aber Jugendwerk zu sein. Seferis schlug die Dichterlaufbahn ein. Sein einziger Roman ist auch ein Stück weit Dichtung.

Das Nachwort der Kutulis‘ macht das Motto des Buchs in einer einzigen Textstelle ausfindig:

Eine Generation der Dunkelheit, völlig den dunklen Seiten des Menschen zugewandt, die allein ihr das Gefühl der Existenz zu geben vermögen. In unserer Epoche tötet das Licht.

Giorgos Seferis
Sechs Nächte auf der Akropolis
Übersetzung:
Asteris Kutulas und Ina Kutulas
Suhrkamp
2020 · 240 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-518-24261-2

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