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Kritik

Im Erinnerungslabyrinth

Die irrlichternden Zeilen der Bonner Dichterin Gisela Hemau
Hamburg

Gisela Hemau ist eine Dichterin von erschütternder Einfachheit. Mit nur jeweils wenigen Strichen gelingt es ihr, die Thanatographien ihres jüngsten Buchs zu entwerfen, die kunstvoll quasi auf die »Rückseite der Augen« tätowiert sind, so daß auf jedem Bild, das hindurchscheint, zugleich auch immer der Schattenriß unbetäubbarer Melancholie liegt. Das Werk der heute fast 83jährigen Dichterin ist schmal, nicht mehr als sechs Titel zählt es, sieben, wenn man den zweisprachigen Band »Nudité de rêve« mit ausgewählten Texten dazu nimmt, verteilt auf den nicht unbeträchtlichen Zeitraum von rund 45 Jahren. Hier wird das Wort also langsam und mit Bedacht gesetzt, alles Überflüssige ausgelichtet. Nicht komplexe Verrätselung ist das Ziel, sondern Ansprache und Mitteilung.

Doch eines sind Gisela Hemaus Gedichte mit Sicherheit nicht: alt und behäbig. Sie erinnern in ihrer Art zwar ein wenig z.B. an Rose Ausländers verknappte Lyrik, doch bedeutet das nur, daß Hemau eine Bildsprache gefunden hat, die nicht so schnell zerknittert. Unerhörte sprachliche Neuerungen darf man daher nicht erwarten, doch muß ja nicht alles, was berührt, das Odium des Originellen ausstrahlen. Hier ist es vielmehr dieser vertraute Tonfall, der eine Atmosphäre aus Reminiszenzen erzeugt, die davor warnt, sich nicht voreilig in bekannte Spuren zu begeben und dort auszuruhen. Denn der Weg durch Hemaus Gedichte ist voll versteckter Falltüren. Ein Bild, aus harmlosen Worten gefügt, springt einen da auch schon mal unversehens mit heftigem Grabstichel an.

Der erste Zyklus, »In die Erde geduckt«, evoziert Eindrücke aus einem zunächst ungenannten »Kindheitsort« – und man ahnt am Ende der Lektüre: durch eine Rückkehr dorthin nach langer Zeit: »Noch immer bohrt das Rad sich ein in den Schlamm. Tiefer und tiefer sinkt es, versinkt. Die geschlängelten Wege entlang Häuser aus Totholz mit Harztränen bestückt. Häuser aus Felsgestein, das zerbröckelt. Staub zu Staub. Und der Zerfall einer Hoffnung. Ohne Erinnerung worauf.« Atemlos ist diese Erinnerung, in kurzen und kürzesten Sätzen, behelfsmäßig zusammengesetzt, zusammengestückelt, der Tuchladen, der Milchladen, Waldwege, eine Wiese, zudem ein paar Gestalten: der Denunziant, die Baderin. Diese flüchtigen Eindrücke aus der Zeit kurz vor und nach der Währungsreform sind auf geheimnisvolle Weise Anfang und Ende zugleich: »Der Beginn von Hemau. Ein Verlassenheitsort.« Nicht alle Eindrücke sind negativ aufgeladen, vor allem in der Natur finden sich von der Politik nicht vergiftete Stimmungen, dennoch gibt es – zumindest in der Rückschau – nichts, was sich vollends und vorbehaltlos der Heiterkeit ausliefert.

Verglichen mit Hemaus Gedichten aus früheren Bänden nimmt die Entfernung zu den Dingen allmählich zu. Aber es liegen deshalb beileibe kein ›milder Glanz‹ oder andere verklärende Schutzschichten auf ihnen, denn immer wieder bricht ein surreales, albtraumhaftes Material herein und erinnert an die Verweslichkeit der Dinge.

Auf dem Totenschein
die Straßen einer wesenlosen
Gegend
die durch ihn hindurchwächst
während er fährt und fährt
die Lichtpfützen entlang
zurück zu den Häusern
am Horizont seines
zerfallenden Ichs

Dieses beunruhigende gespenstische Huschen wuselt durch alle Zeilen, völlig einerlei, ob sich Hemau einem Dichter wie Robert Walser, einem Komponisten wie Paul Dukas oder einem Maler wie Oskar Kokoschka zuwendet – die Auflösung des Körpers ist nie und nicht vom Zerfall des Selbst zu trennen. Deshalb bestimmt jede Form des Zugangs zu einem Gegenstand: Erinnerung, Beobachtung oder Anverwandlung : sofort auch die persönliche Einmischung. Das Staunen über die Dinge der Welt kann plötzlich in ein Erschrecken umschlagen, der alltägliche Blick beginnt an den Rändern zu zerfasern und nimmt jene bereits erwähnten albtraumhafte Züge an. Dabei fällt auf, daß Körper und Geist eine innige Einheit sind, wo das eine siecht, tut es das andere auch, doch zumeist ist es die Hinfälligkeit des Leibes, die beklagt wird.

Fäden gedreht aus Stimmen
und Luft
Trau nicht dem Blau in den Lachen
Abgelegt dort der eigene Körper
umsponnen verpuppt
Und beäugt
von den gläsernen
Augen der Spinnen

Die früheren Bücher von Gisela Hemau haben bewiesen, daß sie ein ›Augenmensch‹ ist. Doch nun, im Alter, bei schwindender Sicht, wendet sie sich weiter nach innen, zur Rückseite der Augen, wie es der Buchtitel besagt, hier ist der Blick zwar noch sehr streng und klar, aber trotzdem eingetrübt von Melancholie – die indessen, das muß betont werden, nie unangenehm larmoyant auftritt, sondern stets visuell kräftig und gefaßt. Ja, es läßt sich nicht leugnen, es ist ein Buch, das vom Altern und Abschied geprägt ist; aber das geschieht kaum einmal ohne den heftigsten Widerstand durch die Worte.

Dann von den Augen
getrennt der Blick

Der Atem hört auf
Wortläuse
Erinnerungsschorf

Im Sand gehäuft Leere
auf Leere

In jedem Moment sind diese Gedichte gewahr, daß sich die sinnlich prallen Eindrücke, die sie heraufbeschwören, als Illusionen herausstellen können: »Nur scheinbar bin ich frei. Kaum, dass ich aufatme verführen sie mich wieder mit dem Buchstabenglanz ihres Fells. Und ziehen mich mit sich fort«, resümiert die Dichterin am Ende. Aber wie schon Giacomo Leopardi sagte, es sind die Illusionen, die Bestand haben und uns am Leben erhalten.

Gisela Hemau
Auf der Rückseite der Augen.
Könighausen & Neumann
2020 · 16,80 Euro
ISBN:
978-3-8260-7026-6

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