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Kritik

Die Lese-Lebenshilfe setzt sich durch

Die Bedeutungswelten des Giwi Margwelaschwili
Hamburg

Einer der größten noch wenig bekannten lebenden Autoren deutscher Sprache ist sicherlich Giwi Margwelaschwili. Der Berliner Verbrecher Verlag hat sich dem extrem umfangreichen Werk des Deutsch-Georgiers angenommen und publiziert tapfer Band für Band des wohl 5m hohen Manuskriptstapels – das bezieht sich auf den unveröffentlichten Teil. Von den rein philosophischen Schriften Margwelaschwilis ganz zu schweigen. Der Ontologe Margwelaschwili [außerdem Textontologe] hat ein wohl mindestens ebenso großes Werk Philosophie zu verantworten. In dem segensreichen Band Bedeutungswelten aus dem letzten Jahr beleuchten Verleger Jörg Sundermeier und Margwelaschwili in einem breiten Interview Leben und Werk des 1927 in Berlin geborenen Denkers und Autoren. Wie eine gute alte Ausgabe von Sylvère Lotringers Semiotext(e) handelt es sich hier um ein knappes, doch nichtsdestoweniger umfangreiches Dossier zur äußerst komplexen Sprachwelt des erst in den 90er Jahren deutschen und seit kurzem auch georgischen Staatsbürgers Margwelaschwili. Dabei gehen die beiden ungekünstelt und bisweilen knurrig-karg ["Haben Sie...?" "Nein." "Und das andere...?" "Auch nicht." etc.] entlang des unsteten, unbehausten Lebens des Autoren vor. Von seinen Erfahrungen in Berlin der Vor- und Kriegszeit, dem KZ, der russischen Internierung, dem Leben im Exil in Georgien und dem Wiedereinzug in Berlin bis zum Wiederauszug und jetzigem Lebensmittelpunkt in Tbilisi, wo inmitten besagter Manuskriptwände dieses feine Interview im Jahr 2015 stattgefunden hat.

Margwelaschwili, beheimatet in der deutschen Sprache, hat aus dieser ein fantastisches Inventar gebogen, das wie eine parallele Sprachwelt seine Romane und Essays durchzieht. Von Deuxiland, Ost- und Westminster, den Dixieländern an sich, Sachsenhäuschen, dem Gogelmogel und den Wartburgen [anbei ein süßes Glossar]. Doch was wie ein kauziges Verballhornen daherkommt, stammt in Wirklichkeit, und das ist das Schöne am offenbarenden Interview, aus tiefster Onto-Kehle. Margwelaschwili wirkt ernst und verstrickt in seiner Poetik und Philosophie, die sich Borges-artig (und doch wesentlich eigenständig) mit Erzähltheorie, Heidegger und Husserl bis Strukturalismus ["Im georgischen Exil, nur durch Touristen verbal überliefert"] in seiner literarischen Praxis niederschlägt. Zur Belohnung wie zur Verifizierung ist der Band, klug komponiert, mit Stellen aus Margwelaschwilis Werken durchsetzt, die dem jeweiligen Interview-Plateau nahestehen.

VOM WARTEN AUF COOLE LESER

In meinem Eisblumengarten Blumen pflücken, sie dann bei sich daheim in eine Vase stellen, den Eisblumenstrauß bei sich haben und sich daran erfreuen, dass er nicht wegtaut – wo ist der coole Leser, der das macht?

Interessant seine Antwort auf Sundermeiers Bemerkung zu seiner Heirat, Scheidung und Herz und eine Seele Beziehung mit der Autorin Naira Gelaschwili.

Nun ja, wissen Sie, ich finde diese ganze Sache ist Quatsch. Die Arbeit geht vor – auch für Naira übrigens – ich habe sie ebenso gestört, wie sie mich. Zusammen aufstehen, Essen machen und dergleichen, das alles geht nicht, wenn man verrückt ist. Und ein bisschen verrückt musst du sein, um in der Literatur etwas Neues zu machen, anders geht das nicht.

Gerade Margwelaschwilis kompromisslose Komplexität, sein Arbeitsethos und das unermüdliche Schaffen, die Beziehungen seiner Werke untereinander, er hat mehrere Romanzyklen verfasst, zudem intertextuelle Parasiten wie Harry Potter oder das Schweigen der Lämmer oder Homers Figuren aus ihren "Rollen" transferiert und bei sich auftreten lassen, haben es abgesehen von einer kleinen Blüte in den frühen Neunzigern zu keiner weitreichenden Lesbarkeit/ Sichtbarkeit gebracht. In Georgien gilt sein Werk als Fremdling, obwohl er mit dem höchsten Staatsorden ausgezeichnet und ein Preis nach ihm benannt worden ist, seine Themen gehen an dem "Georgischen an sich" vorbei, und alle Versuche in Deutschland, von Böll bis Insel Verlag etc. müssen als gescheitert angesehen werden, eine breitere Bekanntheit geschaffen zu haben. Es ist beiden, Margwelaschwili und dem Verbrecher Verlag, zu wünschen, dass dieser radikale Textphilosoph gelesen wird. Eigentlich ist es auch der Leserschaft an sich zu wünschen, endlich zu erwachen und sich Kapitän Wakusch und seine Gesammelte Crew nicht entgehen zu lassen. Bedeutungswelten ist der Einstieg.

Zur Methode:

Die Illusion existiert objektiv im Text, eben als Lüge. Sie greifen dort ein und versuchen, diese Illusion zurückzunehmen, und alles, was sich Schädliches für die Buchperson aus dieser Illusion ergibt, zu annullieren. Eine Lese-Lebenshilfe, die lese-lebenshelfend eingreift in Unglückstexte, welche unglücklich sind, weil man sie falsch versteht oder weil sie falsch aufgezogen sind. Zum Beispiel der Kindermord von Bethlehem: Das gehört nicht in die christliche Lehre, das ist entsetzlich! Da haben Sie schon den ganzen Giwi: dies zu verhindern. Wie? Durch Lese-Lebenshilfe. Indem man den Buchpersonen sagt: "Schergen kommen! Verteidigt Euch, sonst geht's Euch an den Kragen, vor allem Euren Kindern!"

Giwi Margwelaschwili
Bedeutungswelten
Verbrecher Verlag
2017 · 150 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
9783957322395

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