Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Berliner small talk oder elegant duftende Seifenblasen

Hamburg

Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist ein Verriss, wenn auch Guillaume Paoli[1] behauptet, es gebe keine Verrisse mehr und wenn doch, seien ihre Motive Animositäten oder Ranküne. Meine erste Begegnung mit Guillaume Paoli ist dieses Buch.

Gentrifizierung bezeichnet die Inbesitznahme überwiegend älteren Wohnungsbestandes von Seiten kapitalkräftiger Immobilienunternehmungen, Sanierung des Bestandes und schließlich den Verkauf oder die Vermietung zu möglichst hohen Preisen. Die ursprünglichen Bewohner haben das Nachsehen, müssen in die Vorstädte ziehen oder noch weiter entfernt nach einer Bleibe suchen.[2] Es handelt sich also um einen Prozess sozialer Verdrängung. Aber nichts, gar nichts steht in den Aussagen des Textes mit einer Verdrängung irgendeiner Form von Kultur in nachvollziehbarem Zusammenhang: Der gesamte Titel ist schlicht eine Blase. Der Leser fühlt sich an der Nase herumgeführt. Vor allem was das Konstrukt einer Zweiteilung der Gesellschaft (welcher genau wird niemals gesagt) in Mutanten und Essenzialisten angeht, also in Individuen neuer und alter Form. Auf Seite 193 gegen Ende des Textes heißt es:

Wir hatten die Hypothese der anthropologischen Mutation aufgestellt, um zu prüfen, inwieweit sie zur Klärung der Gegenwart helfen konnte. In den vorangegangenen Kapiteln haben wir unterstellt, der Prozess hätte sich gewiss vollzogen. Es ging darum, einen Zusammenhang zwischen disparaten Erscheinungen herzustellen. Aber selbstverständlich lässt sich die Hypothese nicht wissenschaftlich nachweisen.

Gut, man kann ja so vorgehen, spielerisch eine gewagte, sehr schräge These aufstellen, man kann es in einem Essay tun, um Interesse zu wecken, aber in einem 210 Seiten umfassenden Text? Das gesamte Elaborat wirkt so auch wie ein Zusammenschnitt von Essays, die sich bisweilen durch smarte Formulierungen auszeichnen und in Feuilletons der sogenannten bürgerlichen Zeitungen durchaus angenehm zu lesen wären, etwa als leicht anregende Unterhaltung am samstäglichen Frühstückstisch. Um was geht es denn, wenn der Titel nichts über den Inhalt aussagt?

Seit der Durchsetzung neoliberaler Politik und vor allem nach dem Scheitern des wild wuchernden Finanzkapitalismus in der Finanzkrise sei, so hat man den Eindruck, nichts als Leere eingetreten. Wer sind die Träger, sozial und ökonomisch, wer die Opfer? Keine Antworten, keine Zahlen, selbstverständlich keine Fußnoten. Alles verschwimmt in einer Art nihilistischen Nebels, wattig, und alles und jeden wie ein dichter Nebel durch unsägliche Pauschalisierungen abdeckend.

In letzter Zeit fand eine brachiale Veränderung statt, die die geistige Verfasstheit der Individuen betrifft.

Seltsam, dass ich davon nichts verspürt habe, vielleicht weil ich nach 40 Jahren Leben in einer westdeutschen Metropole nun in der Provinz existiere? Als Beispiel bringt der Autor ein Lamento über die Ausdehnung des Weinanbaus auf andere Kontinente, in der „alles verloren gegangen [sei], was den Wein v. d. M. (sic!)[3] ausmachte“. Dann folgt eine Auslassung über die Bedeutung des Terroirs. Guillaume Paoli hat wohl nicht ganz unrecht, aber es gibt auch Gegenentwicklungen, etwa im Bemühen jüngerer Winzer beim Keltern von Weißweinen am Rhein und anderswo, besondere Qualitäten anzustreben. Die Klage möge einem in Frankreich Geborenen zugestanden sein, sie ist als solche (S. 15-18) auch eine durchaus hübsche, essayistische Miniatur eines Connaisseurs, aber was hat es mit einer behaupteten Verdrängung von Kultur zu tun? Auch wenn man einen erweiterten Kulturbegriff verwendet und die Herstellung von aromatisch verunreinigtem und mit Wasser gemischten C2H6O zur Kultur rechnet, weil Griechen (oder doch schon die Höhlenbewohner?) damit begannen, trifft es doch einfach nicht zu, dass es keine integer handwerklich arbeitenden Winzer mehr gäbe.

Selbstverständlich gibt es unablässig Veränderungen, die wir bedauern, so der Wegzug der jungen, agilen Menschen aus den ländlichen Gebieten, ja die teilweise Entvölkerung ehemaliger landwirtschaftlicher Zentren, aber sind es nicht Prozesse, die mit Beginn der ersten industriellen Revolution um 1860 einsetzten?

Ich bedauere es sehr, dass die alte Schäferei am Glaskopf[4], ein Gebäude wie aus Grimm’s Märchen, deren Anziehung ich als Kind noch spüren konnte, sozialem Wohnungsbau wich, obwohl sie, als Stadtteilzentrum, Bibliothek oder anders sozial genutzt, hätte weiterexistieren und von der Zeit davor hätte erzählen können. Oder das reale Wirtshaus an der Lahn, ein Fachwerkbau geprägt vom Atem eines mehrere Menschengenerationen langen Lebens einem Appartement in brutalem Betonstil Platz machen musste, dem man nur mit der Abrissbirne begegnen möchte. Ich könnte endlos fortfahren und ich vermute, eine Mehrheit kann solche Erfahrungen teilen. Guillaume Paoli hat schon recht. Viele Dorfkerne in Mittel-und Nordhessen sind leere Hüllen, zerfallende Fassaden der vorindustriellen Agrargesellschaft, die manchmal von Dorf zu Dorf unterschiedenen Dialekte sterben, die Differenzierung nimmt ab, aber gleichzeitig auch die normative, soziale Kontrolle, Stadtluft machte eben wirklich in vieler Hinsicht freier. Andererseits entstand die den Einwohnern zu Beginn verhasste Frankfurter Skyline, einzigartige Architektur in unserem Mittelstaat. Zuletzt die wunderbare Säule der EZB von Coop Himmelb(l)au[5], in deren gewundener Glasfassade sich der Himmel gegenübertritt.

Seitdem Menschen hier siedelten, veränderten sich alle Gegebenheiten fortlaufend, es ist also kein neues Phänomen. Man kann es wie Guillaume Paolis Gewährsmann Pier Paolo Pasolini betrauern, aber besser wäre es vielleicht zu fragen, wie man mit den Resten vernünftig und selbstverständlich bewahrend umgeht. Guillaume Paoli mag Georg Friedrich Hegel, also hegelianisch formuliert: Wie kann man das Absinkende aufheben in das neu Aufsteigende. Diese Frage wird aber nicht gestellt.

Wie oft habe ich diesen Text hier wohl korrigiert, einiges ergänzt, anderes entfernt? Zu Beginn meines geistigen Arbeitens habe ich mit Schere und Klebstoff gearbeitet, um das in Streifen geschnittene, auf der Olivetti getippte Manuskript immer wieder neu zusammenzusetzen, so dass die Fingerspitzen mit einer zunehmenden, langsam unangenehm aushärtenden Klebeschicht bedeckt waren, es gab gerade Zuse 1 bis was weiß ich, aber niemand kannte diesen Namen. Und heute?

Ich schreibe Texte mittels einer wirklich die Arbeit menschenfreundlich vereinfachenden Maschine und muss mich nicht einmal „auf das Postamt“ bemühen, um sie an die Empfänger zu senden.

Es gibt rasante, extreme Veränderungen, unbestritten, eben die digitale Revolution, aber das Geistige bleibt im Grunde unberührt davon, denn der Geist ist autonom, wie er es seit seinem ersten Erwachen in den Seelen der Vorsokratiker ist. Wie wäre anders zu erklären, dass im Jahr 1943, in der >Tip. Ciuntina S.A. – Firenze Via del Sole, 10< die wunderbaren „Fragmente frühgriechischer Lyrik“ von Eckart Peterich gedruckt wurden? Nicht die geringste Spur Braun, anders gesagt: Keinerlei Kontamination durch Umstände in einem faschistischen Staat, über dessen Staatssender etwa zur selben Zeit Ezra Pound seine antisemitischen Hetztiraden[6] verbreitete, Ezra Pound!

Der Geist mutiert nicht, er ist sich selbst verantwortlich, er folgt seinem eigenen Gesetz, er ist autonom. Seine Fähigkeit ist es, osmotisch auf die sich verändernden Zeitumstände zu reagieren ohne der Kontamination zu unterliegen oder sagen wir einschränkend, fast ohne dass etwas von den schlechten Zeiten abzufärben vermag, da es, ethisch gesprochen, keine reinweißen oder reinschwarzen Seelen, auch nicht bei Angehörigen der künstlerischen Elite, gibt. Insofern ist die Autonomie begrenzt, aber wichtig ist immer zu sehen, wo die Grenzen verlaufen. Mag ja sein, dass Thomas Mann sich ein wenig Zeit ließ, aus Nazideutschland zu emigrieren, aber er ging nach Kalifornien und sprach später über BBC als Verteidiger der Demokratie. Die gesamte Emigration zeigt doch, dass es die Autonomie des Geistes gibt, die Widerstand erst ermöglicht.

Ausfluss von Kontamination nenne ich die Stalin verherrlichenden Gedichte Bertolt Brechts oder Gottfried Benns Bereitschaft, dem von Göbbels davon gejagten Max Liebermann als Präsident der Berliner Akademie der Künste zu folgen. Überhaupt anzunehmen, Intellektuelle ließen sich trotz stabiler demokratischer Institutionen von zunächst einmal ökonomischen Veränderungen, und seien sie noch so weitreichend, kollektiv umdrehen, ist fernliegend, ja eine Zumutung. Wenn die wirklichen engagierten Intellektuellen mutierten, wäre es ein Grund zur Verzweiflung.

Aber was heute sicher eine Mehrheit bewegt, ist doch die Frage, ob wir die nach 1968 gewonnene, nicht nur aus der Studentenrevolte resultierende, sondern auch aus der Gruppe um Willy Brandt, der aus dem Widerstand gegen Hitler kam, bis heute doch zunehmende Liberalität (Beendigung der Diskriminierung Homosexueller, „Ehe für alle“ u. a.) erhalten und ausweiten können? Die Freiheit der späten Bonner Republik!

Was wirklich aufregt, ist eine Herzogin, und nicht aus Alice in Wonderland, die jede Noblesse verlor und sich darüber ereifert, dass die Polizei in NRW Immigranten in ihren Muttersprachen adressiert oder ein Herr aus Grauland, der meint, die „Leistungen“ deutscher Wehrmachtsoldaten, eingeschlossen dann wohl auch die Einsatztruppen im Osten, in Babyn Jar und anderswo, würdigen zu müssen. Das ist die brachiale Veränderung, und nicht, dass Wein auch industriell ohne Rücksicht auf Terroir „produziert“ wird.

Aber Guillaume Paoli weiß es anders:

Und doch bleibt nirgends eine Nische übrig, die von der Verwandlung vollständig verschont wäre. Selbst die traditionellsten Landstriche sind an den Weltmarkt und die Finanzökonomie angeschlossen; das Verhalten der Einheimischen ist bereits von Fernsehserien, sozialen Netzwerken, Pornofilmen und Computerspielen geprägt.

Und die Worte des Autors sind überaus anmaßend, geradezu die Würde der Menschen weltweit angreifend: Woher weiß er es so genau, wie viel Arroganz des „Nicht-Mutierten“ spricht aus solchen verallgemeinernden Sätzen? Meine Erfahrungen in einem Dorf in der armen Provinz Shanxi (山西) und an vielen anderen Orten Chinas waren andere. Die schon immer in der Geschichte der Menschheit vorhandenen, wechselseitigen Einflüsse sind das Salz der Kultur, mögen sie heute intensiver, zahlreicher, sich schneller verbreitend sein, so ist es unzulässig, eine Hierarchie zu behaupten, wie es in dem Zitat anklingt (oder auch nur der unpräzisen Formulierung zu schulden ist). Kulturen nehmen Einflüsse auf und machen das Eigene daraus, Kultur entsteht aus nichts anderem als der Verschmelzung des Heterogenen. Haben sich die Beatles nicht nach Indien begeben und die Sitar integriert?[7] Was soll also das oberflächliche Reden von einer drohenden globalen Kulturangleichung? Und wenn schon, fordern wir nicht auch die universelle Geltung der Menschrechte?

Kehren wir zur Musik zurück:

Seit geraumer Zeit geschieht nichts Neues in der Musik. (S. 125)

In der Musik? Wirklich in der gesamten Musik? Populäre Musik interessiert mich nicht und insofern ist es mir gleichgültig, ob es Neues gibt oder nicht. Aber die Ausweitung auf gegenwärtige E-Musik und Jazz zeugt von Ignoranz:

Zeitgenössische Komposition ist Schnee von gestern. (S. 128 f.)
(…) selbst die Entwicklung des Jazz ist schon lange abgeschlossen. (S. 129)

Dazu fällt mir nur ein, dem Apodiktiker Guillaume Paoli nahezulegen, sich einmal Alexander von Schlippenbach und Aki Takase anzuhören.[8] Als empörend töricht empfinde ich folgende Bemerkung im Zusammenhang der kurzen Abhandlung zur Musik:

Einmal traf ich einen jungen Menschen, der dort (an der Popakademie in Mannheim R.S.) seine Bachelorarbeit über „psychedelische Musik der Sechziger“ schrieb, ohne jemals LSD probiert zu haben!

Soll man das als Studienberatung verstehen? Muss ich als Sinologe, der über den chinesischen Drachen schreibt, auf einem dieser Wesen über China geritten sein?

Auch die Arbeit der Theater tut Guillaume Paoli ab, zum Beispiel mit einer einzigen selbstreferenziellen Bemerkung:

Weil ich mich gegen die Aussage des neuen Intendanten der Berliner Volksbühne aufgelehnt hatte, deutschsprachiges Theater sei in der kosmopolitischen Stadt nicht mehr erwünscht, wurde ich deutschnational genannt. (S.149)

Eine törichte Aussage, wenn sie so gefallen ist, aber was sagt es unausgesprochen über die 150 öffentlich getragenen Theater in Deutschland aus? Folgen alle jungen Regisseure und Schauspieler der „performativen Wende“? Immer wieder begegnet man der Pauschalisierung, die den Text so arg verengt.

Im 10. Kapitel spricht Guillaume Paoli über die Erstarkung der Rechten, beginnend mit dem Satz „Und plötzlich brach die Welt zusammen.“ Wirklich? Die Denkweisen der Neo-Rechten oder ihre Vorstufen und ein rechtes Milieu waren in der BRD seit Beginn vorhanden. Bis auf die in den entsprechenden Parteien Zusammengeschlossenen, äußerten sich die so Denkenden nicht kollektiv. Sie waren eine mit zusammengebissenen Zähnen schweigende Minderheit. Ein Teil war schlicht Mitglied in CDU und CSU, etwa der Innenminister Richard Jaeger.

Während Richard Jaeger sich 1951 auf einer Kundgebung in Landsberg für die Begnadigung aller zum Tode verurteilten NS-Kriegsverbrecher einsetzte, trat er in den 1960er Jahren öffentlich für die Abschaffung des Artikel 102 Grundgesetz und damit für die Wiedereinführung der Todesstrafe für Mord und andere Kapitalverbrechen ein, was ihm den Spitznamen „Kopf-ab-Jaeger“ eintrug.[9]

Wohlgemerkt: Der Innenminister der BRD trat für die Todesstrafe ein! An den höheren Lehranstalten unterrichteten ehemalige Wehrmachtsoldaten, jedenfalls in der HJ oder im BDM sozialisierte Lehrer, kein Wunder, dass über die konkreten Verbrechen der Nazis im Terroir bis um 1970 nicht gesprochen wurde. Ich ging in einer der ältesten Universitätsstädte Deutschlands, an deren Universität Hannah Arendt studierte und Wolfgang Abendroth lehrte, neun Jahre lang in ein altehrwürdiges humanistisches Gymnasium, dessen Direktor in jener Zeit ein Sozialdemokrat war. Dennoch wurde niemals über die auffällige, seltsame Leerstelle, die von Brennnesseln überwucherte Brache, fast unmittelbar neben dem Schulhof am Rande der Altstadt gesprochen, wo im November 1938 die große Synagoge niedergebrannt worden war. Neun Jahre lang kein einziges Wort, geschweige denn ein Besuch des Ortes.

Die Frage war immer, wie würde sich die Generation derer positionieren, die in der Dekade 1960 bis um 1970, wie die meisten Leitenden der AFD, geboren sind? Ein Teil dieser Generation ist offensichtlich in einem familiären Milieu aufgewachsen, das sie gegen die liberalen Werte des Aufbruchs 1968 immunisierte und im niemals ganz überwundenen autoritären Denkmodus, der noch aus dem 19. Jahrhundert herstammt, sozialisiert hat. Der unmittelbare Schock, des Umstandes bewusst zu werden, in eine vor kurzem noch ins Mörderische ver–rückte Gesellschaft geboren worden zu sein, blieb ihnen erspart. Sie beziehen nun wieder ver–rückte Positionen, die allerdings etwas durchaus grotesk Komisches haben, wenn Björn Höcke eine Deutsche Staatsflagge im Format eines großväterlichen Sacktuches aus der Jackettasche zieht und in seiner unsäglichen Dresdener Rede (17.01.2017) von einem „kathetischen Fegefeuer“ statt dem vermutlich gemeinten „karthartischen Fegefeuer“ spricht.[10] Muss man solche Leute ernst nehmen?

Der Essay zur Literatur befindet sich in Kapitel 6 „Selfiction“. Im Kern trifft man wieder unzulängliche Pauschalisierungen, die, wie im Falle der Musik, in eine umfassende Verneinung münden:

Die kreativen Mittel der Gegenwart heißen doch Remix, Sampling, Karaoke, Copy-and-Paste. (S. 109)

Immerhin findet sich folgende Einschränkung:

Keine Frage: Unter den deutschen Gegenwartsautoren finden sich nicht wenige virtuose Stilisten und sprachgewandte Handwerker. Wahrscheinlich sind es in absoluter Zahl sogar mehr als je zuvor. Es geschieht mit Büchern wie mit dem Wein: Die Nachfrage für billige Produkte nimmt ab, folglich steigt die Qualität der Mittelklasse. Nur: Gut schreiben reicht nicht. Man muss auch böse schreiben.

Da hätte man schon gerne ein paar Namen gelesen, etwas Konkretes, einige Titel, allein um das Urteil nachprüfen zu können, aber alles bleibt in dem schon gewohnten, schwammigen Allgemeinen. Das Böse schreiben? Wie Thomas Bernhard? Guillaume Paoli bezieht sich auf Balzac, der das Thema seiner Literatur in den Desastern sieht, die der Sittenwandel auslöse. Und kein weiteres Kriterium? Außerdem frage ich mich, wo zum Beispiel in den „Tolldreisten Geschichten“ (Les contes drôlatiques) wirkliche Desaster erzählt würden? Wie auch immer, man kann doch nicht die gesamte gegenwärtige Prosa mit einem einzigen Kriterium bewerten.

Was die bildende Kunst angeht, kann ich keine Verdrängung erkennen, selbst wenn es eine sich herausbildende Sprache der Weltkunst gibt. Die Strömungen sind vielfältig, wie die Dokumenta 2017 zeigte, die Ergebnisse oft überraschend und bisweilen auch “böse“. Ich empfehle den Blick von unten nach oben, der den kreativen Kräften demütiger begegnet als die Aburteilungen großer Geste in Bausch und Bogen jemals sein werden. In der schon erwähnten Universitätsstadt, schon von Frankfurt aus Provinz, gibt es einen rührigen Kunstverein, der im Jahr zahlreiche Ausstellungen gegenwärtiger Kunst zeigt, zuletzt Arbeiten von Studenten der Kunsthochschule Muthesius in Kiel. Ich nenne eine erfrischend überraschende Arbeit, deren genaue Betrachtung eine Tage anhaltende, erhebende Wirkung zu erzeugen vermag: Wand, 24/11/17, mixed media von Lea Corves[11]. Schon eine einzige Arbeit einer jungen Künstlerin zeigt, dass sich der Kunst und ihrem Entwicklungszustand nicht mit wenigen abstrakten Kategorien beikommen lässt, dass also eine Vokabel wie Gentrifizierung keinen Bezug zu „Wand 24/11/17“ aufweist und eher als (sicher ungewolltes) verletzendes Abtun empfunden werden kann.

Ein wohl weniger Guillaume Paoli anzulastender, wirklich unverzeihlicher Mangel des Buches ist dem Verlag zuzuweisen: Es wimmelt nur so von entstellenden Druckfehlern. Sicher schrieb Guillaume Paoli seinen Text auf Deutsch, er spricht es als Zweitsprache vorzüglich, man kann es in dem zitierten Gespräch im Gorki-Theater, Berlin, hören. Aber selbstverständlich ist, wie bei jedem Manuskript, sorgfältiges Korrekturlesen vonnöten. Der Verlag hat es sich offenbar erspart oder an KI übertragen, anders lassen sich die Fehler nicht erklären. Ich verstehe nicht, wie ein Verlag mit einem Autor so umgehen kann. Um die starken Worte zu belegen, zitiere ich nur einige Funde, einen kleinen Teil des wirklich ärgerlichen Befundes:

(…) so rief Augustinus seinen Mitbürger (…) zu, (…) (S. 210)
Ganz offensichtlich sägt der neufeudale Kapitalrentier munter am Ast, auf dem es sitzt. (S. 203)
Nicht zu Beispiel: (S.197)
(wir erinnern uns an Herrn Gumbrechts „elegant duftenden Seifenblase“ (S. 189)
Plötzlich tauchte der totgeglaubte Klassenbegriff wieder auf (die Ulrich Beck noch als „Zombie-Kategorie“ deklariert hatte), (…) (S. 186)
Dass Trump Wundertaten (…) versprach, ließ bereits vermuten, dass etwas Faules im reichsten Land der Welt war. (S. 185)
Weitere zehn Jahre vergingen, dann wurde die Parole von Rechten übernommen und tatsächlich nur noch völkisch zu verstehen. (S. 171)
(…) und tatsächlich sehen die an das Plakat vorbeiziehenden Pendlermassen nicht so aus, als ob sie irgendeine Macht über ihr eigenes Leben hätten. (S. 159)
Hauptsächlich handelt man mit elektronischen Markenproduktionen aus Südostasien, die, spottbillig weil sie steuerfrei, Millionen ärmere Abnehmer erreichen – selbstredend ganz im Sinne der Hersteller. (S. 155)
In der grassierenden Melancholie wollte er (…) ein Sicht-nicht-abfinden-Wollen (…) (S. 134)

Ich belasse es dabei. Gelungen ist die Einbandgestaltung von Dirk Lebhan: Ein Kompositwesen aus Pudel und Wolf in Blau als Symbol einer Metamorphose auf postgelbem Untergrund.

Der große Vorteil des Buches ist, dass seine apodiktischen Aussagen zu eigenem Nachdenken anregen, der größte Nachteil die fehlende klare Struktur, die Auslassungen und der arrogant wirkende Blick, der die vielen Einzelheiten und Einzelnen übersieht. Eine neuartige Metamorphose sehe ich nicht, das Leben besteht aus Veränderungen. Schon gar keine Verdrängung von Kunst im engeren Sinne (Literatur, dramatische Künste und bildende Kunst), im Gegenteil: es gibt so viele Möglichkeiten der Entfaltung, dass sich die Ergebnisse kaum überblicken lassen, nicht zuletzt auch hier im Netz.

Ich weiß nun aber nicht, was im Verlag geschehen ist, könnte es sein, dass der falsche Text zu dem so vielversprechenden Titel geriet? Oder las den Text einfach der Wolf und nicht der Pudel?

 

[1] http://guillaumepaoli.de/
https://www.youtube.com/watch?v=Yq_6BBOuM04

[2] Was ist Gentrifizierung?
https://www.youtube.com/watch?v=-Omt033zLNA

Wie stellt sich die Groth-Gruppe einen Ihrer Kunden vor?
https://www.youtube.com/watch?v=awoYRiFlkzE

[3] V. d. M. = vor der Mutation

[4] https://www.bildindex.de/document/obj20649172/mi02063c05/?part=0
https://www.bildindex.de/document/obj20704391/mi02015g03/?part=0

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Zentralbank#/media/File:F...

[6] https://www.youtube.com/watch?v=Zzuxaci0IGI

[7] Wenn wir schon von Indien sprechen: Man höre sich einmal indischen Rock an und freue sich über die im Video transportierte Lebensfreude in den 10 vorgestellten Top-Bands Indiens, wie sie das Video vorstellt:
https://www.youtube.com/watch?v=UqzKkvmhF9E

[8] https://www.youtube.com/watch?v=Rp8ZrPQwTS4
https://www.youtube.com/watch?v=H9E_qmtk4sk

https://www.youtube.com/watch?v=8RgAMsZIOdw

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Jaeger

[10] Deutlich hörbar in der Videowiedergabe bei Minute 22:47.
https://www.youtube.com/watch?v=WWwy4cYRFls

[11] http://www.einblickausblick.de/arbeiten/ansicht.php?nr=048
Die Arbeit in der Kunsthalle stellt eine Variation der im Netz sichtbaren Form dar. Das Kunstwerk ist nicht mobil und muss sich immer den neuen Gegebenheiten der Ausstellungsräume anpassen. Auf dem Foto sind die Aufschriften voller Ironie und Witz leider nicht lesbar.

Guillaume Paoli
Die lange Nacht der Metamorphose
Über die Gentrifizierung der Kultur
Matthes & Seitz
2017 · 220 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-474-9

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