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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
Kritik

„wenn die Luft allzu frisch ist“

Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland
Hamburg

„Hebräisch / ist Blätterrascheln mit Chet und Ajin / im Dickicht antiker Bäume.“ Der das schreibt, Mati Shemoelof, ist selbst ein arabisch-jüdischer Dichter, der in Berlin lebt, wie die meisten der dreizehn Autoren – die Mehrzahl davon weiblich –, deren Gedichte die Sammlung „Was es bedeuten soll“ (parasitenpresse, Köln 2019) umfasst. Hebräisch bzw. Iwrit ist die Literatursprache dieser jungen bis mittelalten Diaspora aus israelischen Schriftstellern, Übersetzern, Performern und Wissenschaftlern. Viele von ihnen leben schon länger in Deutschland, andere erst seit kurzem. Die ständige Auseinandersetzung um die eigene Sprache und Identität ist ihnen allen gemeinsam. „Man muss sie rückwärts sagen / damit sie fremd klingt für die Sprache, aus der sie stammt“, schreibt etwa die Autorin Yael Dean Ben-Ivri über die „Einsamkeit in einem fremden Land“. Tomer Dotan-Dreyfus, der jüngste Dichter der Anthologie (* 1987), begegnet der Fremdheit spielerisch: „auf Deutsch gibt es ‚mundgeblasen‘“, heißt es im Gedicht „Poerotik“, „doch das / ist oftmals weit entfernt von / Ero- / tik“. Shemoelof hingegen verwandelt die eigene mehrsprachliche Herkunft in ein Plädoyer für Menschlichkeit. „Erinnerst du dich wie nach der Sintflut / die Tiere wieder zu sprechen anfingen?“, fragt er im Gedicht „Krise“. „Jedes einzelne von uns ist eine eigene Sprache …“

Gundula Schiffer, selbst Judaistin und als Hebräisch und Deutsch schreibende Lyrikerin, Teil der von ihr und Adrian Kasnitz besorgten Auswahl, weist in ihrem Nachwort auf die „zweite Tonspur“ der biblischen Tradition hin, der das heutige Iwrit entstammt, auf die häufig dialogische Sprechweise und die große Bandbreite von Stilen und Themen der Autorinnen und Autoren. „Poesie was bewirkt sie in mir?“, fragt Michal Zamir in einem ihrer unprätentiösen Gedichte. „Im Kopf nichts als Worte / das Haar voll Regentropfen / ist es im Körper noch warm / funkelt das Pflaster.“ Die religiöse Motivik ist bei Yemima Hadad zu spüren, während Zahava Khalfas und Asaf Dvoris Texte eher familiäre, oft hochemotionale Erfahrungen zur Sprache bringen. „Aufopfernd, autodidaktisch, fleißig, / mit einem großen (schmerzenden) Herzen“, heißt es etwa in Dvoris „Curriculum Vitae“ über „Scheherazade“, in der man ohne große Mühe die Mutter erkennt. „Ich renne zwischen Sprachen, Orten / Stottere Fremdworte“, versucht Khalfa ihre Situation zu artikulieren. „Ich sehne mich nach Bewegung. / Nach einer großen Umarmung / von einer Frau, die auch Mutter ist.“

„Dann schieß doch auf mich“, ruft Ronan Altman Kaydar provokant dem Leser im ersten Gedicht des Bandes entgegen und evoziert damit eine Stimmung, die man aus Fernsehbildern islamistischer Attentate zu kennen meint, die mittlerweile nicht nur in Israel stattfinden. „Die Beerdigung beginnt: der Rasen meiner Kindheit“, schreibt Asaf Dvori in einer berührenden „Erinnerungsskizze“ über seine eigene Anwesenheit „zwischen Blut und Geschichte“. Die unterschwellige Gewalt artikuliert sich offen in den Texten der in Kiel lebenden Dichterin Tali Okavi, wenn sie über „Nico“ schreibt, den seine Mutter „wie eine Wassermelone auf dem Boden zerschlug“, oder vom „Gekreisch der Kinder mit der Scherpilzflechte“. Oder wenn es in Tomer Dotan-Dreyfus’ Gedicht „Übersetzen ist Steinewerfen“ heißt: „und hast du deine Toten beerdigt / fliehen wir nackt aus deinen Straßen“.

Es ist interessant zu sehen, wie Gundula Schiffer, die maßgebliche Übersetzerin und einzige in Deutschland aufgewachsene Autorin, Position bezieht: „ich kam zur Welt, ein Wort / im Fleischeinband“, beginnt das erste ihrer Gedichte, „Glaube, Name, Bindung hab ich nicht“. Ihr Verhältnis zum Hebräischen ist sprachlich-künstlerisch, wenn sie, wie in „Das nackte Gurren“, aus Lautmalerei Sinn stiftet: „Komm, lass uns: ‚lagur‘, wohnen in Worten / ‚lagur‘, wohnen, wie wahr: gurren / … auf den Mauern Jerusalems aus Sang“. Sie macht etwas Ähnliches wie die israelischen Autoren, doch ist ihre Position naturgemäß nicht, wie bei Altman Kaydar, die „Schlange, wo man auf die Genehmigung / wartet“ („Im Ausländeramt“), und sie stimmt auch nicht um dasselbe Jerusalem wie Maya Kuperman „den Trauergesang der Migranten“ an.

„Ich glaube, ich bin, / hier, in diesem Land, durchgeknallt“ – diese Sentenz von Admiel Kosman, dem ältesten Autor der Sammlung (* 1957), ist durchaus wörtlich zu verstehen. „Was es bedeuten soll“ ist schon deshalb ein lesenswertes Buch, weil die Gedichte, oft aus sprachlichen Mischformen entstanden, bislang auch im Original noch unveröffentlicht sind – als Anregung und Einladung, eine jahrhundertealte Tradition zurückkehren zu sehen, als „neue hebräische Dichtung in Deutschland“. Um den eingangs erwähnten Mati Shemoelof einmal in Gänze zu Wort kommen zu lassen:

Hebräisch
ist Blätterrascheln mit Chet und Ajin
im Dickicht antiker Bäume
ihre Wurzeln steigen in Gebeten zum Himmel auf
und in Bußgebeten senken sie sich
herab, Ameisen versuchen Wurzeln einzupflanzen
in die Erde der Dichtung, doch die Wurzeln weigern sich
Flüsse voll Blut zu trinken, wenn die Luft allzu frisch ist.

Gundula Schiffer · Gundula Schiffer (Hg.) · Adrian Kasnitz (Hg.)
Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland
aus dem Hebräischen übersetzt von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz
parasitenpresse
2019 · 134 Seiten
ISBN:
978-3947676491

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