Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

„auch ich wäre lieber optimistisch“

Hamburg

„Wir Juden“ ist der letzte Teil einer umsichtig gestalteten Edition im Piper Verlag, die sich den Essays von Hannah Arendt widmet. Herausgegeben wurde er von Marie Luise Knott und Ursula Ludz, zwei ausgewiesenen Kennerinnen des Werks der Philosophin und Autorin, Publizistin und politischen Theoretikerin Arendt, die nicht nur in ihren Postskripta editorische Auskünfte erteilen, sondern jede einzelne der 21 „Schriften“ kundig mit Erläuterungen begleiten.

„Die vorliegende Essaysammlung beansprucht ... Vollständigkeit“, schreibt Ludz in ihrem Nachwort. Knott jedoch räumt ein, dass für die Textsammlung auch andere editorische Ansätze denkbar gewesen wären. Denn aufgenommen wurden alle von Arendt veröffentlichten Schriften größeren Umfangs,___STEADY_PAYWALL___ die sich mit der Judenfrage beschäftigten und bereits verstreut in Zeitschriften oder Sammelwerken erschienen sind. Nicht berücksichtigt wurden u.a. Texte aus dem Nachlass sowie Zeitungsartikel wie etwa jene 52 Beiträge, die Arendt 1941-1945 für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung „Aufbau“ schrieb und die bereits in der postumen Sammlung „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“ (Hrsg. Marie Luise Knott, Piper Verlag 2000, 2019) enthalten sind; ebenfalls nicht berücksichtigt wurden verschiedenste Notizen, Kurzbesprechungen, Leserbriefe sowie Vorabdrucke späterer Veröffentlichungen Arendts.

Die Essays entstanden in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahrzehnten, die meisten in den 1940er Jahren. Arendt, geboren 1906 in Hannover, war nach kurzer Inhaftierung durch die Gestapo 1933 nach Paris geflohen. Nach mehrwöchiger Internierung im berüchtigten Auffanglager Gurs emigrierte sie 1941 nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod 1975 lebte. So lagen als Zeugnis der erzwungenen Länder- und Sprachwechsel nur fünf der Essays im Original auf Deutsch, einer in französischer und 15 in englischer Sprache vor und wurden für diesen Band zum Teil neu ins Deutsche übertragen.

„Wir Juden“ beinhaltet sehr unterschiedliche Texte, durch die sich als roter Faden die Judenfrage zieht, konkreter „die moderne Judenfrage“, die aus der Aufklärung datiert, wie Arendt im ältesten hier aufgenommenen Essay „Aufklärung und Judenfrage“ aus dem Jahr 1932 erläutert, der als „Prolog“ dem Band vorangestellt ist. Die philosophische Denkerin hat erst Ende der 1920er Jahre begonnen, sich im Rahmen ihrer Arbeit über Rahel Varnhagen mit der Judenfrage zu beschäftigen, wie sie 1964 im Fernsehinterview mit Günter Gaus offenbarte. Initialzündend waren u.a. auch Vorträge von Kurt Blumenfeld, seinerzeit Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, den die Studentin 1926 hörte. Ihr Forschungsinteresse galt besonders einem begrenzten zeitlichen Rahmen, den man mit der Epoche der Aufklärung auf der einen und dem Jahr 1950 auf der anderen Seite markieren kann. Aus späteren Jahren liegen nur mehr drei weitere Essays zu diesem Thema vor. Inhaltlich kreisen die Texte um das Paria-Dasein der Juden, um Antisemitismus, Assimilation, Zionismus und die jüdische Diaspora und immer wieder um Fragen der persönlichen Verantwortung.

Aus heutiger Sicht besonders beeindruckend sind jene Texte, in denen sie geschichtliche Zusammenhänge aufzeigt, etwa in ihrem Essay „Privilegierte Juden“, erstmals publiziert 1946, einem historischen Abriss über „Ausnahmejuden“. Sie erzählt einerseits von den „Privilegierten des Reichtums“, dem Aufstieg sogenannter „Hofjuden“ (in Preußen „Generalprivilegierte Juden“ genannt) aus dem Ghetto und der Entwicklung ihrer Macht bei Hof, andererseits von den „Privilegierten der Bildung“ und der Entwicklung jüdischer Salons als Zentren des geistigen Lebens, womit sie u.a. wieder bei Rahel Varnhagen anknüpft. Erhellend, ja lehrreich ist, wie sie in anderen „Schriften“ ein weites Spektrum an Themen beleuchtet, etwa die Ideen und Motive Theodor Herzls einer kritischen Analyse unterzieht, die neuere Geschichte Palästinas aufrollt, Probleme in Israel durch das Aufeinandertreffen von Zuwandernden und Flüchtlingen aus unterschiedlichen Ländern und Kontexten aufzeigt, den (kolonialen) Interessen und der Bedeutung der Großmächte in Palästina nachspürt, einem Land, „das zu den Angelpunkten imperialistischer Interessen gehört“, sowie den gewachsenen Einfluss des amerikanischen Judentums und die Wichtigkeit ihrer Spendengelder anführt. Arendt beleuchtet kritisch die Gründung des Staates Israel, widmet sich den jüdisch-arabischen Konflikten in Palästina und ringt ums Verstehen, denkt Wege, Lösungen für beide Völker in diesem kleinen Land an. Arendts Weitblick erstaunt, denn ihre luziden Ausführungen sind 45 Jahre nach ihrem Tod, noch immer dringlich und lassen die schwierige Gemengelage im Nahen Osten besser verstehen. Man wünschte sich gelegentlich eine scharfsinnige Denkerin wie Hannah Arendt, die der heutigen Situation in Palästina kritisch-analytisch nachforscht und Aspekte bzw. Wege einer möglichen jüdisch-arabischen Zusammenarbeit beleuchtet.

Das zweite große Thema in „Wir Juden“ ist Arendts beeindruckende Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem Faschismus, die zum Teil bekannt und oft zitiert, aber angesichts des Erstarkens „neu“rechter Bewegungen ungebrochen aktuell ist. Interessant sind zudem ihre Auseinandersetzungen mit jüdischen Schriftstellern bzw. mit einigen ihrer Werke, etwa Franz Kafka, Stefan Zweig oder Heinrich Heine.

Muss man nun dieses weit über 400 Seiten starke Buch gelesen haben? Nein, man muss nicht, vor allem dann nicht, wenn man Anstrengungen scheut. Aber wenn man es tut, sich viel Zeit nimmt, um den Gedankengängen Arendts zu folgen, dann geschieht es mit Gewinn, weil sie Fragen aufwirft, zuweilen mit sarkastischem Unterton kommentiert und immer wieder Sätze und Antworten anbietet, an denen man hängen bleibt, die das eigene Denken anregen.

 

 

 

Hannah Arendt · Marie Luise Knott (Hg.) · Ursula Ludz (Hg.)
Wir Juden. Schriften 1932 bis 1966
Piper
2020 · 464 Seiten · 34,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05561-1

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge