Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Ostragehege, Zeitschrift für Literatur und Kunst
x
Ostragehege, Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Hannah Blücher, Beruf housewife

Hamburg

In einer Zeit der Flüchtigkeit, in der nur mehr wenige Menschen Briefe schreiben, weil ihnen diese Art der Kommunikation zu langsam, aufwändig und antiquiert ist, überrascht es, dass mehr und mehr in Buchform gefasste Briefwechsel in den Handel kommen und offenbar auch gekauft werden. Was fasziniert die Leser_innenschaft an solchen Zeugnissen aus einer anderen Epoche, in der bedachtsam beschriebenes Papier in ein Kuvert gesteckt werden musste, man vielleicht noch eine besondere Briefmarke aussuchte, um die Adressat_innen damit zu erfreuen? Und der Gedanke drängt sich auf: Was wird von der Korrespondenz unserer Tage übrigbleiben, die schnell in den Computer getippt, mit einem Tastendruck in die Welt geschickt und genauso einfach wieder gelöscht wird?

Hannah Arendt hat in ihrem bewegten Leben mit vielen Menschen Briefe gewechselt. Und da sie auch eine akribische Sammlerin war, die sich ihrer Bedeutung als Philosophin und Publizistin früh bewusst war, hat sie ihre gesamte Korrespondenz aufbewahrt. Zahlreiche ihrer Briefwechsel sind mittlerweile erschienen, etwa jene mit Karl Jaspers, Uwe Johnson und Martin Heidegger. Es fällt auf, dass bislang, mit Ausnahme ihrer engen Freundin, der Schriftstellerin und Feministin Mary McCarthy, alle Adressaten Männer waren. Und so interessiert es zu erfahren, wie Arendt mit Freundinnen umgeht, was die Frauen einander zu sagen haben und wie und welchen Stellenwert Arbeit und Lebensumstände im beiderseitigen Austausch einnehmen.

Nimmt man das knapp 700 Seiten dicke Buch zur Hand, schleichen sich zunächst Irritationen ein. Ein Cover dient Verkaufszwecken, eine Binsenweisheit und man benutzt Arendt und Klischees, um die Blicke von Kund_innen auf das Buch zu ziehen. So prangt auf dem Einband der Name der Philosophin und ein Bild, das sie in jüngeren Jahren zeigt. Ganz klein und in zartrosa Schrift sind unter dem Buchtitel die Namen der fünf Freundinnen abgedruckt. Das ist altbacken, findet die Rezensentin, die als Gestalterin für Bucheinbände gewiss nicht angefragt werden wird, aber sich als Kundin ein Foto von Hannah Arendt aufs Cover wünschte, dass die bereits mitten im Leben Stehende abbildet und damit etwas anderes als bloß unverbrauchte Schönheit. Und auch für die Beziehung von Freundinnen wäre endlich einmal eine andere Farbzuschreibung wünschenswert als dieses ewig gleiche, weibliche Zartrosa, das einer wie mir in diesem Zusammenhang schon zum Hals heraushängt.

Auf dem Cover ist auch das Wort „Briefwechsel“ angeführt. Doch was ist ein Briefwechsel eigentlich? Üblicherweise gehören dazu zumindest zwei Personen, die sich Post schicken. Dass dies hier extra betont werden muss, ist der Tatsache geschuldet, dass im ersten sogenannten Briefwechsel mit Anne Weil, einer langjährigen Freundin Arendts aus Jugendtagen, zwar viel Anne Weil vorkommt, doch Arendt fehlt in diesem, mit rund 170 Seiten deutlich zu langen Teil, weil nur ein einziger ihrer Briefe erhalten blieb, der in diese Ausgabe aufgenommen werden konnte. Hier die emsig sammelnde Arendt, die alle Briefe aufbewahrte, dort die Freundin, die Arendts Briefe verloren gehen ließ – dieses Muster trifft auch auf den mit rund 100 Seiten etwas kürzeren „Briefwechsel“ mit der Journalistin Charlotte Beradt zu. Er gerät deutlich zu monologisch, denn es ist nur ein einziger Originalbrief Arendts erhalten. Auch der Briefwechsel mit der amerikanischen Lektorin Rose Feitelson, die maßgeblich an der englischsprachigen Überarbeitung der beiden Werke „Origins of Totalitarianism“ und „The Human Condition“ beteiligt war, bleibt einseitig. Denn es existieren nur zwei Briefe Arendts, die neun Texten Feitelsons gegenüberstehen.

Nur in den in diese Ausgabe aufgenommen Briefwechseln mit Helen Wolff und Hilde Fränkel kommt Hannah Arendt selbst ausgiebig zu Wort, denn ein Großteil dieser Korrespondenz ist erhalten geblieben. Auch zur Verlegerin Helen Wolff verband Arendt mehr als nur die Arbeit an gemeinsamen Buchprojekten. Die Freundschaft mit Hilde Fränkel jedoch, die nur wenige Jahre dauerte und mit deren Tod endete, hebt sich von den anderen schon dadurch ab, dass sie weder auf gemeinsamen beruflichen Interessen, noch auf einer gemeinsam verbrachten Jugendzeit, wie mit Anne Weil, beruhte. Es sind Briefe, die zwischen 1949 und 1950 gewechselt wurden, als Hilde Fränkel schon unheilbar an Lungenkrebs erkrankt war. Wir lesen Zeugnisse der Anziehung, der Aufrichtigkeit und unverstellten Wahrheiten, in dem unter anderem Minderwertigkeitskomplexe offen angesprochen werden können. Und es ist Arendt, die im Jänner 1950 jenen poetischen Satz an ihre Freundin schreibt, der nun Titel des vorliegenden Buchs ist.

Hannah Arendt hat in ihrem Denktagebuch festgehalten, dass Freundschaft zu den „tätigen Modi des Lebendigseins“ gehört. Dazu bedarf es der Bereitschaft, sich als Freundin zu riskieren und den Spielraum zwischen Intimität und Distanz immer wieder neu auszuloten. Die Philosophin habe, wie die beiden Herausgeberinnen schreiben, ein großes Gespür dafür gehabt,

was es heißt, den späteren Generationen nicht nur eine Welt von Gedanken zu hinterlassen, sondern auch die Briefe, in denen das Flüchtige, das zwischen Menschen passiert, Eingang findet und bleiben kann.

Die hier vorgelegten Briefe umspannen den Zeitraum von 1941 bis zu Arendts Tod 1975 und fügen dem schon vorhandenen Hintergrundrauschen zu Arendts philosophischem und politischen Arbeiten einige interessante Frequenzen hinzu. Sie oszillieren zwischen dem Privaten und Öffentlichen, thematisieren die zeitgeschichtlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts oder den langen Entstehungsprozess ihrer Hauptwerke genauso wie berufs- und alltagspraktische Fragen. Die Freundinnen eint, dass sie entwurzelt waren und die Wirklichkeit von Emigration und Immigration kannten. So gelang es Helen Wolff, Hilde Fränkel und Charlotte Beradt ebenfalls, aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Amerika auszuwandern. Rose Feitelson war Kind einer russisch-jüdischen Familie und wurde schon in New York geboren. Nur Anne Weil war, wie Arendt zunächst auch, aus Deutschland nach Frankreich geflohen und dann dort geblieben. Die kurze, die Freundschaft prägende gemeinsame Zeit im Fluchtland findet sich in den Briefen wieder, etwa in den Anreden („Mon cher Petit“, Chérie). Weils frühe Briefe nach Amerika sind Zeitzeugnisse, die vom Leben während der Kriegszeit in Europa berichten, vor allem aber von der Mangelzeit danach, als Arendts Care-Pakete bitter nötig waren. Weil blieb für die Philosophin zudem eine wichtige Erstleserin ihrer Texte.

Was das Buch besonders lesenswert macht, sind die Erläuterungen der beiden umsichtigen, akribisch recherchiert habenden Herausgeberinnen Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz. Das Vorwort und ihre den fünf Briefwechseln vorangestellten Kommentare, die in das Beziehungsgeflecht der Freundinnen einführen, es wertend in einen Kontext stellen und anhand von Zitaten aus den Briefen illustrieren, sind allein schon ein interessante Lektüre. Um das Fehlen von Arendts Briefen zu kompensieren, haben die Herausgeberinnen zudem vereinzelt Kurzpassagen aus Arendts Denktagebüchern oder Ausschnitte aus anderen Briefwechseln, etwa mit ihrem Mann Heinrich Blücher oder mit Mary McCarthy, hinzugefügt, um Arendts Haltung zu den Freundinnen anhand von Aussagen der Philosophin zu verdeutlichen. Briefe waren für Hannah Arendt ein Dialograum und stifteten Zusammenhänge. Die hier vorgelegten Beispiele des Miteinander-Sprechens machen eine weibliche Zugewandtheit unterschiedlicher Intensität anschaulich, die zartinnig und herzlich gelang, mal nüchtern, dann wieder voll Überschwang war, aber auch fordernd und geschäftsmäßig sein konnte und diese Freundschaften über lange Zeiten der Trennung und weite Distanzen lebendig erhielt. Zudem waren Briefe für Arendt vor allem auf Reisen geradezu existentiell notwendig, denn sie bewahrten die Entwurzelte davor, verloren zu gehen.

Hannah Arendt · Ursula Ludz (Hg.) · Ingeborg Nordmann (Hg.)
Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen
Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff
Piper
2017 · 638 Seiten · 38,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05858-2

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge