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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Subjekt in Nährlösung

Hamburg

Zwei nicht ganz unwichtige Terme nimmt sich Hans Blumenberg in seinem neusten posthumen Werkband Realität und Realismus vor. Vorausgeschickt muss werden, dass dies ein Konvolut verschiedener Aufsätze aus dem Nachlass der 1970er Jahre ist, der weder stärker redigiert worden ist noch eine Reihenfolge hat oder über den Status von bloßer Projektierung hinausgekommen wäre. Dass es sich dennoch um ein halbwegs lesbares (Neben-)Werk handelt, ist Herausgeber Nicola Zambon zu verdanken, dessen Editierung des Stoffs vorbildlich ist.

In einer Zeit vor der Digitalisierung entstanden, ist Realität und Realismus trotzdem alles andere als obsolet, gerade weil Blumenberg mitnichten___STEADY_PAYWALL___zeitbezogene Prognostik liefert, auch keine ontologische Herleitung eines wie ehedem rätselhaften Begriffspaares, sondern stattdessen in seinen Untersuchungen den wurzel-historischen Gebrauchswerten jenes Verhältnisses nachgeht und sie anthropologischen Nutzbereichen versucht zuzuordnen. Sicher sind mehrere Stellen der Essays redundant sich selbst gegenüber, beispielsweise in den Passagen die Platos Höhlengleichnis und die Engagements Descartes‘ und Leibniz‘ verhandeln, doch schält sich so über die Wiederholung eines an sich etwas verhaltenen Beginns über den ersten Term Realität so etwas wie eine Zwischen-den-Zeilen-Haltung Blumenbergs heraus, die in seiner ansonsten hochabstrakten und vor allem thesenlosen Argumentation zunächst nebulös scheint. Denn im Grunde genommen kommt Blumenberg über die Vollkommenheit und letztlich fast künstlerisch zu nennende Bildhaftigkeit der Intervention Platos, obwohl sich dieser bekanntermaßen gegen das „künstlerische Reproduzieren von Ideen“ gestellt hat, nicht hinaus, will dies allerdings auch nicht betreiben.

Was anderes, außer eine nicht objektiv, von „keinem großen Zeugen“, nachprüfbare Beschreibung von Zusammenhang wäre „Realität“? Blumenberg ergänzt die gefangenen „Kino-Besucher“ in Platos Höhle um das Bild des „in einer Nährlösung gehaltenen Subjekts“, dessen Erfahrungen irgendwo im Dazwischen stecken, und kommt in (rhetorischer) Weiterentwicklung der mittelalterlich-demiurgischen Theorien schließlich zu folgenden Antwort-Konstanten: Realität bestehe im Grad der Unabhängigkeit vom Subjekt, oder auch: in der Rücksichtslosigkeit gegen Subjektivität. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang seine zwischengeschalteten Bedenken zur oxymoronen „Wirklichkeit des Unsichtbaren“ („Bazillen, Kampfgas, Röntgen-Strahlung“).

Etwas direkter ergiebig ist Blumenbergs Behandlung des „Realismus“. Dieser einfacher gelagerte Begriff ist der eines Verhaltens, und Blumenberg nähert sich ihm anhand von Beispielen und Empfehlungen:

Realismus ist kein ständig möglicher Zustand des Menschen.
[...]
Realismus ist Ausnahmezustand, zum Beispiel als Lachen, Enttäuschung, Verlegenheit.
[...]
Vergangene Wirklichkeit kann schwerer auf jemand lasten als alles Gegenwärtige. Zukünftiges kann Wirklichkeit mit Sorge völlig erfüllen, obwohl es eben eine noch unbestimmte, noch zu vermeidende oder noch zu verändernde Wirklichkeit ist.

Bei dieser Beleuchtung zitiert Blumenberg Kants Sicht auf das Lachen als einen angeschlossenen, widerständigen Haltungsraum:

Das Lachen ist ein Affekt aus der [plötzlichen] Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.

Blumenberg ordnet den Realismus schließlich ein als in den Bereich Rhetorik gehörig, somit selbstverständlich auch besonders künstlerisch verhandelten Sicht-Aspekt. Und zwar absichtlich „gegen den Traum gewendet“, in dem jedoch, um den Bogen zur Realität zu schlagen, mit Leipniz aus den ersten Abschnitten gesprochen, absolut Erkenntnis zu gewinnen möglich sei. Die als anhaltend gesehene Verschränkung des Begriffspaares ineinander überlässt Blumenberg einem Gag aus der Feder Voltaires:

Jesus, Petrus und Judas hatten einmal nichts als eine einzige Gans zu essen. Das ist zu wenig, sagte Jesus, legen wir uns schlafen, und die Gans soll essen, wer dabei den schönsten Traum hat. Ich habe geträumt, sagt nachher Petrus, ich wäre im Himmel und zur Rechten Gottes. Und ich träumte, sagt Jesus, dass du zu meiner Rechten säßest. Ich, sagte Judas, habe geträumt, ich hätte die Gans gegessen. Und er hatte es.

Realität und Realismus ist einerseits ein leicht konfuses Nachlass-Schreiben, dem der kompositorische Rote Faden fehlt, andererseits liegt hier eine kristalline Prosa mit erheblichem wissenschaftlichen Stimmbewusstsein vor, dem man seine knapp 50 Jahre anmerkt, aber nicht negativ. Hans Blumenberg ist auch in seinen Nebenwerken robust, er jongliert mit Bekanntem, er teilt Inspiration.

Hans Blumenberg · Nicola Zambon (Hg.)
Realität und Realismus
Suhrkamp
2020 · 232 Seiten · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-518-58746-1

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