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Kritik

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Hamburg

Dass wir uns mit Heft 2/2017 der Neuen Rundschau eventuell ein wenig schwer tun, das hat nichts mit den aufgebotenen Gedichten zu tun.

Nun muß, wer redaktionelle Verantwortung in der Neuen Rundschau trägt, nicht extra drüber nachdenken, ob er das Ablaufen der Literaturgeschichte noch kommentierend abbildet oder schon aktiv mitbetreibt; die Kontinuität dieses ehrwürdigen Vehikels des lesenden deutschsprachigen Bürgertums führt dazu, dass bei editorischen Entscheidungen, die hier getroffen werden, die Frage nicht mehr lautet, "Gehört das jetzt zum Kanon?", sondern "Warum gehört das jetzt zum Kanon?" Das hat nichts damit zu tun, dass wir dem jeweils zustimmen müssten, sondern bloß mit realitätsgerechter Wahrnehmung des Betriebs; und es wird an dieser Stelle erwähnt, weil es mit Verantwortung zu tun hat: So nehmen wir tief durchatmend zur Kenntnis, dass Heft 2/2017 (je, ich weiß, wir sind spät dran) mit seiner Themenstellung "Lyrikosmose4" keine Optionen in den Lyrik-Kanon einschleust, die wir prima facie doof finden müssten. Die Devise scheint zu lauten "don't rock the boat" – keine unangenehmen Überraschungen also im Lyrikteil, weil: Keine Überraschungen.

Das Prinzip, nach dem die Ausgabe zusammengestellt ist, besteht darin, vier

in Deutschland arbeitende Lyriker

(nämlich Carolin Callies, Olga Martynova, Jan Volker Röhnert und Dong Li) abzudrucken und einzuladen, dass sie zu ihren Texten passende Lieblingsreferenztexte anderer Autoren nominieren, von denen aus dann wiederum andere usw. Das füllt ca. 120 Seiten stringent mit Lyrik; dazu gibt es eine "Sternenkarte" der Referenzen, Querverbindungen und Nennungen. Bzw. es sollte sie geben: Im Rezensionsexemplar war sie nicht zu finden; ersatzweise halten wir uns an die nützlichen Registervermerke unten auf den Seiten. Unterwegs begegnen wir u. a. alten Amerikanern, auch einigen Grenzgänger_innen ihrer jeweiligen Schreibsprachen, weiters einige Autor_innen, die stellvetretend für bestimmte Positionen dissidenter alt- und neu-Ost-Literaturen gedacht werden können/müssen, schließlich ein paar obligate Fixstartern aktueller deutschsprachiger Dichterei.

Im Großen Ganzen fällt eine Blickrichtung vieler Texte aufs Geschichtliche-Geopolitische auf. Konkrete, klar konnotierte Orte, an und in denen diverse Hoffnungen der industriellen und/oder politischen Moderne sich aufgebaut oder entsorgt finden, kommen im Lyrikteil überdurchschnittlich oft vor. Wäre mal an der Zeit, eine Monographie des Bergbaus zu Tage in der deutschsprachigen Lyrik zu schreiben, mag man sich beim Blättern denken, oder: ein Nachschlagewerk "Ost-/Südosteuropäische Geographie für deutsche Dichter" … Dass die allererste Erwähnung eines bestimmten Ortes uns allerdings

über den Gräbern von Mezek

dem Geschrei von Bienenfressern lauschen lässt (in der dritten Zeile eines überaus gelungenen Langgedichts von Jan Volker Röhnert) – mithin über Ruinen aus dem vierten Jahrhundert, in einer möglichen Grenzgegend zwischen west- und oströmischer Einflusssphäre eine Vogelgattung kontempliert wird, an deren Schwarmverhalten sich Schädling-Nützling, Kulturland-Einöde, Empathie-Abgrenzung und ähnliche Dichotomien besonders gut hochziehen lassen – das setzt uns bei der ganzen folgende Lektüre auf eine bestimmte Fährte (und die mag dem Einzelfall gegenüber unangebracht-ungerecht sein, aber wir werden sie gerade deshalb nicht mehr los, weil der Lyrikteil dieser Neuen Rundschau so gekonnt aus einem Guß dargereicht ist): Kulturelle Grenzen, Migrationsbewegungen, Besiedelung und Bewirtschaftung leer gedachter (und eben nur: gedachter) Räume als Naturkonstanten, als Geschichtskonstanten … das Bewohnen der, sagen wir, "Traumzeit" europäischer Geographie als schlechterdings unhintergehbare Konstante bestimmter jeweils verhandelter Indiviuationen, Biographien … Diese naturhaft empfundene Geschichtslandschaft bleibt, als eine Art Gegenteil eines Goldgrunds, denn auch bei uns, wenn wir bei Dong Li (übersetzt von Ron Winkler) lesen

  wir fahren an hell's gate vorüber, früher

von den goldgräbern als vorhof zum eigenen massengrab betrachtet
orte irgendwo und irgendwann im geisterglimmen
silber hier dort borax
der twenty mule trail in die mojave weißer schnee

oder bei Michal Ksiazek

Solchen wie uns stecken sie in Bialystok das Haus in Brand

… von Odessa und Petersburg bei Oleg Jurjew, Lemberg (!) bei Renate Schmidgal, dem impliziten zeitgenössischen Ungarn bei Kinga Tóth ganz zu schweigen … Und es fällt uns auch auf, dass just der erwähnte erste Beitrag des Lyrikteils und der letzte (von Uwe Kolbe) explizit Vergil herbeizitieren; als wollte uns die Zusammenstellung, wie sie vorliegt, sagen:

Erstens: Die Lyrik auf der Höhe ihrer Mittel muss nicht schweigen von den Migrationsströmen, der Verarmung und Polarisierung der Gesellschaften und überhaupt allem, was je unter "sozialer Wirklichkeit" firmieren kann – Zurkenntnisnahme des Entsetzen ist möglich. Zweitens aber: Das findet alles in Hinblick auf die mehrtausendjährige Geschichte der Zivilisation statt, lässt sich einordnen und verstehen und hat so alles seine Richtigkeit …Wir ziehen da, wie der geneigte Leser bemerkt haben wird, unter der Hand eine Parallele zwischen dem deutschen Bildungsweltbewohner 2017 und dem römischen Landadeligen in seiner Villa, zirka 400 a.d., da das Imperium bereits zerbröselt ist, Franken-Goten-Legionäre, wohin man schaut, aber die Kommunikationswege der Eliten, ihre Protektionsnetze und ihr Bildungskanon grade noch funktionieren … Oder ziehen wir diese Parallele gar nicht selber, sondern bekommen sie rübergeschoben als Subtext einer Selbstwahrnehmung – wessen? – bei der Lektüre der Neuen Rundschau? … (Der Rezensent wird seit zwei Jahren oder so nicht mehr den Satz bei Daniela Seel los, "Das Römische Reich endet nie" …)

Alles zusammen … und wir reden da nur von den Gedichten. Weder reden wir von den aktuellen Kapiteln der Moby-Dick-Serie, noch von E. Geislers lesenswertem Aufsatz über César Vallejo; nicht vom Gespräch Michael Brauns mit Monika Rinck, bei dem die Poetologie noch einen Dreh weiter in der Vergangenheit geerdet wird; reden leider auch nicht in angemessener Breite von dem so kenntnisreichen wie erschreckenden Plädoyer Jörg Bongs über die "Deutsche Leitkultur", der weit ausholt, der auch viel interessantes Material bereitstellt, aber der bei dem Bekenntnis zum Liberalismus, auf das er hinausläuft, leider kein Klischee auslässt und den fundamentalen Fehler der "Debatte" ignoriert, auf die er sich bezieht – dass nämlich das Formulieren einer "besseren" deutschen Identität nie mehr sein kann als das Ringen um die richtige geschichtliche Warte, von der aus die Exportinteressen Deutschlands in Ost- und Südosteuropa (… oh … Moment mal … siehe oben, Lyrikteil …); wir reden schließlich auch nicht über die Beiträge von F. Fellini sowie Hergé, die Thomas Steinaecker zu einem Reader über das "unvollendete Kunstwerk" zusammengestellt hat) … Alles zusammen also:

Viele lesenswerte Gedichte, die wir auch so nicht anders auf den Schirm bekommen hätten, abgedruckt in nachvollziehbaren Nachbarschaften; paar Anlässe zum Philosophieren über die Begriffe Kanon und Ideologie … sollte man schon lesen.

 

An der Ausgabe beteiligte Autor_innen:  Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Michael Braun, Carolin Callies, Larry Fagin, Lars Friedrich, Frederico Fellini, Eberhard Geisler, Georgi Gospodinov, Hergé, N. H. Herbert, Matthias Baader Holst, Lukasz Jarosz, Yu Jian, Oleg Jurjew, Uwe Kolbe, Michal Ksiazek, Dong Li, Léonce W. Lupette, Olga Martynova, Mathias Mayer, Fiston Mwanza Mujila, Ron Padgett, Nadesha Radulova, Monika Rinck, Jan Volker Röhnert, Armin Schäfer, Renate Schmidgall, Leander Scholz, Thomas von Steinaecker, Robert Stripling, Kinga Tóth, Ron Winkler.

Übersetzer_innen: Elke Erb, Daniel Jurjew, Elisabeth Müller, Ron Padgett, Steffen Popp, Wang Ping, Jan Volker Röhnert, Renate Schmidgall, Johann Heinrich Voß, Ron Winkler, Mariya Yanchevska

Herausgeber ohne Innen: Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexander Roesler, Oliver Vogel. Redaktion: Sophie von Heppe

Hans Jürgen Balmes (Hg.) · Jörg Bong (Hg.) · Alexander Roesler (Hg.) · Oliver Vogel (Hg.)
Neue Rundschau 2017/2 Lyrikosmose4
S. Fischer
2017 · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-10-809110-1

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