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Kritik

Herrschaftlich entrückt

Hans Pleschinskis Roman über den späten Gerhart Hauptmann
Hamburg

Vor fünf Jahren hat Hans Pleschinski mit „Königsallee“ einen wunderbar-unterhaltsamen Thomas-Mann-Roman vorgelegt. Es ging darin um ein ebenso fiktives wie zufälliges Zusammentreffen des Großautors mit Klaus Heuser, dem frühen Subjekt platonischer Begierde, 1954 in Düsseldorf. Mann hatte Heuser 1927 auf Sylt kennengelernt und ihn sogar zu sich nach München eingeladen, wo er ihm, wie Peter de Mendelssohn in seiner Biographie schreibt, „viel Zeit und Aufmerksamkeit“ widmete. Heuser selbst hatte davon allerdings nicht allzu viel mitbekommen und war 1936 nach Indonesien emigriert.

„Königsallee“ wurde von der Kritik freundlich aufgenommen und war auch beim Lesepublikum ein Erfolg. Dies dürfte Pleschinski dazu bewogen haben, in seinem neuen Buch daran anzuknüpfen. Oder es zumindest zu versuchen. Allerdings geht es diesmal nicht um Thomas Mann, sondern einen anderen deutschen Nobelpreisträger, Gerhart Hauptmann. Mann und der 13 Jahre ältere Hauptmann waren sich zeitlebens in einer distanziert-bewundernden Rivalität verbunden. Man beäugte sich gegenseitig und war für gewöhnlich recht gut darüber unterrichtet, woran der jeweils andere gerade arbeitete. Auch in „Wiesenstein“ taucht der Name des mittlerweile sowohl politisch wie örtlich Entrückten – Thomas Mann lebte 1945/46, dem Zeitraum der Romanhandlung, an der amerikanischen Westküste – immer mal wieder auf.    

Die Handlung von „Wiesenstein“ setzt ein mit der Zerstörung Dresdens im Februar 1945. Der 83-jährige Hauptmann war vor Ort und überlebte den alliierten Feuersturm. Es folgte der Rückzug in die Villa Wiesenstein, ein in Niederschlesien gelegenes, burgähnliches Anwesen, das sich Hauptmann im Jahr 1900 von dem Architekten Hans Grisebach hatte errichten lassen. Heute beherbergt es ein Gerhart-Hauptmann-Museum.

Begleitet wurden der Dichter und seine zweite Ehefrau von einer kleinen Entourage aus Getreuen, darunter der Privatsekretär, der seinerseits an einer Hauptmann-Biographie arbeitet – ein geschickter Kunstgriff Pleschinskis, lassen sich so doch etliche Passagen aus Hauptmanns früherem Leben in die Handlung einweben – und ein Masseur. Das Buch endet mit der Beisetzung Hauptmanns auf dem Inselfriedhof von Hiddensee am 28. Juli 1946. Die Trauerrede hielt Johannes R. Becher, der den Schriftsteller noch kurz zuvor in Wiesenstein besucht hatte, um ihn – allerdings vergebens – für sein Vorhaben einer sozialistischen Kulturpolitik zu gewinnen.

Mit „Wiesenstein“ hat sich Pleschinski ein ambitioniertes Programm vorgenommen, das aber nur in Teilen zu überzeugen vermag. Der Roman will zu viel auf einmal sein: ein Porträt Hauptmanns, eine Zeitbetrachtung der aufwühlenden Ereignisse bei Kriegsende in Schlesien, mit dem Vormarsch sowjetischer Truppen und dem Überlebenskampf beziehungsweise der Flucht der deutschen Bevölkerung, sowie nicht zuletzt eine umfassende Werksbesichtigung. Die Integration der einzelnen Teile gelingt Pleschinski allerdings nur bedingt. Spätestens beim Versuch der Einbeziehung der literarischen Arbeiten Hauptmanns sowie der Tagebuchnotizen von dessen Frau verliert der Roman seine Balance. Die seitenlangen Passagen und Zitate wirken bisweilen wie aus dem Text gefallen und stören den Lesefluss.

Das ist schade, denn als Charakterstudie Hauptmanns, eingebettet in den sehr speziellen historischen Rahmen vermag der Roman sehr wohl eine Sogwirkung zu entfalten. Der komplexe Charakter Hauptmanns, seine späte Weltentrücktheit, kommen ebenso zum Ausdruck wie die moralische Zerrissenheit, in der er sich befand, schwankend zwischen der Selbstanklage, dem Naziregime, dessen verbrecherisches Wesen er frühzeitig erkannt hatte, nicht entschieden entgegengetreten zu sein, und der Rechtfertigung, Schlimmeres – und sei es nur im Kleinen – verhindert zu haben.

Auch im Orkan russisch-polnischer Vergeltungsmaßnahmen bei Kriegsende blieb Wiesenstein eine Oase der – wenngleich angstvollen – Ruhe. Sogar den herrschaftlichen Lebensstil vermochte man über die Zeit zu retten. Wo kurz zuvor noch Nazigrößen ihre Aufwartung gemacht hatten, finden sich nun die Vertreter der neuen Ordnung ein. Hauptmann genoss das kalkulierte Wohlwollen der Obrigkeit; sein Werk und sein Ruhm schützten ihn und die Seinen vor der Außenwelt, sowohl vor als auch nach 1945.

Im Grunde hatte Hans Pleschinski alle Komponenten für einen großartigen historischen Roman zur Hand. Dass ihm dieser mit „Wiesenstein“ letztlich nicht gelungen ist, liegt in erster Linie an seiner eigenen, überambitionierten Messlatte.

Hans Pleschinski
Wiesenstein
C.H. Beck
2018 · 552 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-406-70061-3

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