Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Poedu - Virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche
x
Poedu - Virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche
Kritik

Kinder aßen den Sand

Hamburg

Im Poetenladen Verlag erscheint Der heisere Anarchimedes, der neue Gedichtband des verdienten Hans Thill. Dessen mögliches sprachliches alter ego, der Anarchimedes, zwischen Genialität, Anarchie außer Puste, liefert in dem vielkapiteligen Buch eine Menge fantastisch-verschmitzter Sprachkunst, die in den besten Fällen unwiderstehlich zusammenfällt, der man sich nicht entziehen kann, frech und immer einen Schritt voraus. Die aber genauso gut nicht zusammenfallen kann und sprunghaft,disparat nebeneinander zu Boden geht, ohne dass sich das Gefühl jener frischen, verschobenen (Sprach-) Welt auftut. Wenn Thill die Schrauben anzieht, entsteht eine diebische Größe. Daneben sind durchwegs inspirierende Kurzvignetten, Zeilenwunder am Werk, die auch die weniger gelungenen Gesamtgedichte durchsetzen.

Man nimmt ein paar Blätter und baut eine Hand,
die Gedanken lesen kann

Thill zerlegt seine Gedichte in äußerst mobile Komponenten, Verspolymere in immer neuen Aggregaten und Zuständen. ___STEADY_PAYWALL___Sein Verfahren wirkt so transparent, dass man das Gefühl bekommt, selbst die Reihenfolge ändern oder umstellen zu können, ohne dass dieser Anarchimedes seine Meta-Gestalt verlieren würde. Dabei sind die Gedicht vielkörperig, nicht selten mit beinahe Zählzwang die Mini-Strophen unterlegt, um dann in einander überzugehen, einzelne Komponenten direkt wieder aufzunehmen. Fast überall schleichen sich Stichworte wie Brot, „der stille Wein“, Geld, Orte, Ereignisse, hastige Referenzen ein, erzeugen ein heiseres Rauschen. Nicht selten Endzeitstimmung: „Die Säuger kriechen ins Meer zurück“.

13
Uns gehört nicht viel, aber wir
können tragen. Wir haben Stühle.
Wie die Vögel säen wir unseren

14
Brei in den Wind. Wo andere
ihren Tag zerkauen, nehmen wir
den Staub

15
zwischen die Zähne.
Jetzt ein kühles Brot backen.
Es muss

16
heißen: Seelenwachs. Das
bisschen Everest, das bisschen
Fidel Castro.

Als besonders verdichtet mögen die Gedichte aus dem Kapitel Linguistikherbst zählen. Hier tritt ein versehrtes, historisches Element in einen Reigen der Monate ein. Aufruhr, Aufbegehren, Unruhe arrangieren sich zu einem Zyklus, der mit dem Klingen von Oktober oder Juli deutlich eingeläutet wird. Wie aus einem Setzbaukasten, der nicht ohne einander kann, konstruiert Thill „mit zehenbrechender Ungeduld“ einen Kippkalender aus abstrakt und konkret auf die Buchsseiten.

Nichts im Haus erinnert an den
Oktober, der nachts in einer verlassenen Bar
beginnt, wo die Leute zu Stühlen
aufgestapelt schlafen.

Mein Zimmer ist keines Monats
Kamerad, ein Tag erscheint ihm schon zu lang.
Ich wurde hastig gezeugt, vor einer
Waldtapete mit Kuckucksuhren.

Ich denke rasch, wie eine Ratte im Erdreich
verschwindet [...]

Der heisere Anarchimedes beherrscht sein Handwerk. Er zeigt sich überraschend in herangezoomten Details, und doch lieben es die Gedichte, immer wieder den entscheidenden Schritt zurück ins Wähnende zu unternehmen, ihren Auftritt wehenden Wegs abzublasen und das Schon-vorbei-sein aus dem Schatten zu genießen. Nach ein paar Durststrecken im Buch kommen mit Ihr Dörfer aus Mücken und Mein Vater war zwei abschließende Knallkörper gegen Ende, die den Band noch einmal hochreißen, konsequent und von krasser Stimmigkeit. Ein launisches Buch.

Hans Thill
Der heisere Anarchimedes
Poetenladen
2020 · 112 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-948305-04-8

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge