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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Drüberfahren

Hamburg

Zunächst registrieren wir bei diesen Gedichten von Hans Thill die Bereitschaft, einmal eröffnete Muster in der Luft hängen zu lassen, etwas "mittendrin" abzubrechen – Sätze, Strophen, Sinnzusammenhänge, Redewendungen, Parabeln – und uns damit Strukturschablonen, wie auf Autopilot geschaltete Poesieroboter, in den Vorstellungsapparat zu setzen, der weiter vor sich hin arbeitet, wenn wir in Wirklichkeit mit dem jeweiligen Gedicht (oder kleinerem Stück Text) abgeschlossen zu haben glauben.

Außerdem finden wir viele paradoxe Formulierungen, bedeutungsverschobene Wendungen wie

ein Zug fuhr
durch die letzten Minuten der Stadt

– und viele Anlässe, bei denen Thill aus den Trennstellen von Zeilen- bzw. Strophenbruch Sinn und/oder Effekte erzielt:

Wenn du den Löffel in die Hand
nimmst, ist schon Krieg in den Gärten
und Brunnen werden unter Sand
gelegt.

Selbe Farbe, selber Preis: Du hast den
Sand im Haar und der graue Wind
müht sich, aber wirklich tief
schläft

der Älteste unter den den Toten. Das
Geld ist eine Maske, eine Verschwörung
der Gesichter. Du nimmst es in die
Hand

wie Wasser, das die Augen reizt.
Du bist ein Wanderer über diesen
Hügel, auf dem Weh des rätselhaften
Hungers. Du sagst wenig,

aber in Brocken. Wenn du den Löffel
wieder neben den Teller legst, ist
der Krieg nicht aus. Das Geld reift in den
Fässern des Schlafs und dein Haar

(…)

Es verhält sich auch so, dass in vielen, nicht allen, der Gedichte die Strophen nummeriert sind, sodass sie gegen das, was jeweils im Text selbst steht, den Anschein erwecken, sie wollten gelesen werden  wie "Kränze" vieler einzelner Zwei- oder Vierzeiler, und diese Zwei- oder Vierzeiler hätten auch für sich, als Miniatur, Gültigkeit … während doch das Syntagma des Gedichts über diese Nummerierungen einfach drüberläuft, "drüberfährt". (Wir denken ggf. an das Bonmot, dass die Kunst Sinn machen müsse, nicht jedoch das Leben …)

Überhaupt ist das mit der Gliederung so eine Sache. Spätestens in dem Abschnitt mit den Monaten – Lieder über Lieder betreffend Jahreszeiten und Zeitpunkte im Jahreslauf – bekommen wir das Gefühl, es sei dieses Gegeneinanderstellen von Text und Unterabschnitt das konstitutive Element, der Haupteffekt dieser Lyrik: hier die Würde der ungegliederten Momentaufnahme, das Innehalten beim Detail, da die narrative Gesamtheit, die sich dem Innehalten zugleich verdankt und es im Voranschreiten unterminieren muss.

Es entspricht diesem Antagonismus des formalen Details zur Gesamtheit, der es je angehört, natürlich auch etwas Inhaltliches, und zwar etwas Inhaltliches mit dem Potential zu einigem mood whiplash: In diesen Texten mit ihrer insgesamt eher entspannten Grundstimmung begegnen uns doch (einzeln unauffällige, aber) zahlreiche Bilder und Formulierungen, die auf Lynchjustiz verweisen – nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkrete Historie rassistischer Gewalt bestimmter Mehrheiten gegen bestimmte Minderheit. Das ist dann ungefähr der Punkt, an dem wir spätestens zu verstehen vermuten, was der Titel bedeutet:

Thills Textsubjekt ist "heiser" davon, wie weiland Archimedes über den Marktplatz zu krähen, endlich – "Heureka!" – die Lösung zu besitzen …  und heißt Anarchimedes. Nun habe ich gegoogelt, und es gibt keinen in Frage kommenden Altgriechen dieses zweiteren Namens, also nehme ich einfachheitshalber an, der Verfasser präsentiert uns da (sich als) anarchistischen, in geschichtsphilosophischen Debatten wie sozialen Kämpfen geschulten Vetter des berühmten Mathematikers von Syrakus … (und nicht etwa bloß als Nicht-Physiker bzw. Ingenieurskunst-Verweigerer). Es gehe in diesen Gedichten also, so Thill, um die Frage, was (er) sein Text-ich mit und in einer sozialen Mitwelt tut, der man die vernunftbasierten, herleitbaren Lösungen für alle die konkreten=geschichtlichen Schrecken von Ungleichheit, Obrigkeitsgewalt, Klassenherrschaft, Weltzerstörung lautstark in die Ohren brüllen kann, solange man lustig und bis man heiser ist – weil's nichts ändert.

Die Gesellschaft, oder die Macht, sie fährt übers einzelne Subjekt so sehr drüber wie das Gedicht, siehe oben, über die einzelne, die disparate Strophe. Wir als Leser sind gehalten, beide Perspektiven zugleich einzunehmen, gleichsam in der Schwebe zu halten – denn es ist in dieser Schwebe, in der sich Hans Thills Band tatsächlich abspielt.

Hans Thill
Der heisere Anarchimedes
Poetenladen
2020 · 112 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-948305-04-8

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