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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Chinos und Rundhalspullover

Hamburg

Der letzte Roman des amerikanischen Oulipo-Mitglieds Harry Mathews Der einsame Zwilling hat es in sich. Er gehört der selbsternannten Gattung Kurzroman an, er wird treffend von der New York Times als „Taschen-Decamerone“ bezeichnet. Es handelt sich um einen mit extrem leichter Feder geschriebenen, gleichwohl hochstilisierten, raffinierten Schachteltext, der sich über mehrere lange Gespräche über die in ihnen enthaltenen Erzählungen abwickelt, die natürlich alle miteinander etwas zu tun haben. Solcherart ein Konversationskunstwerk, das zwischen Upperclass und vorgiebig klassenlosem Genießer-/ Künstlertum angesiedelt ist, bewirkt eine fast freche, angenehm affektierte Art des Erzählens bei Mathews, dass man lesend nicht merkt, was wirklich vorgeht hier, in dem langsamen Kartenaufdecken der Story um John und Paul, den beiden ungleichen Zwillingen, die „in sturer Abschottung“ voneinander in dem kleinen, manchmal recht surrealen Hafenörtchen leben.

Beide wohnten in ziemlich schäbigen Pensionen. Beide lasen die International Herald Tribune, die sie per Post erhielten, doch nie – jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit – irgendeine Art von Buch. Anhand ihrer Intonation und ihres Akzents ließen sie sich nicht auseinanderhalten, auch wenn sich das, was sie sagten, stark unterschied.

Auf der Spur sind ihnen eine Gesellschaft von Neugierigen, Involvierten, psychologisch Interessierten „Zwillingsforschern“, die sich amourös, glamourös und kriminalistisch angelockt, jeder Menge Gourmandisen hingeben, um Meeresfrüchte, Ale, Wein und eine Milliarde Spezialitäten gegenseitig sich aufzutischen, stets daran gelegen, mehr über diese zwei schillernden Einwohner zu erfahren. Nach klassischem Storytelling-Hinweis erbauen sie sich an einander erzählten Geschichten, die reihum mehr erfahren lassen vom Grad ihrer Involviertheit in den Topos, als auch ihre eigenen Pläne am jeweiligen Gegenüber aufblinken lassen. Eine typischer Dialogfetzen geht so:

„Und?“ „Sie wollen doch nicht meine ganze Geschichte hören.“ Berenice: „O doch, das wollen wir schon. Wir sind verrückt nach Geschichten, insbesondere nach Lebensgeschichten, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ „Ganz schön skurril. Okay. Meine entspannte Einstellung zum Sex ist eine direkte Folge meiner tragischen Kindheit.“

Die erzählten Geschichten wiederum imitieren bunt und mit eigenartig durchscheinender Lese-Lebensfreude angereichert, andere Geschichten oder Stimmungen von Henry James bis Niki de Saint-Phalle, Edgar Allan Poe oder in der Gesamtkomposition gesehen, natürlich am ehesten Georges Perec, den Oulipo-Kollegen und Freund Harry Mathews. Wie dessen Lebenswerk begnügt sich Der einsame Zwilling nicht damit, einfach zu erzählen, sondern die Möglichkeit, eine reale Willkür oder fiktive Zeitgenossenschaft permanent aufblitzen zu lassen, schöpferisch zu nutzen, dabei die selbstreflexive Ebene nie zu vergessen, doch genauso wenig in irgendeiner Form wirkende Zeigefinger oder Akademismen in den Vordergrund zu stellen. Der Roman, Im Original 2018 herausgekommen, ist auf mehreren Ebenen lesbar und passt hervorragend in Diaphanes‘ Reihe der forward fiction. Einer seiner vielen Höhepunkte ist die verwirrende Geschichte um den Diener Hubert und sein „Erweckungserlebnis“ im Park, bei dem buchstäblich eine Eisenstange seine Schultern verlässt.

Die Frühlingssonne war warm, die Luft still, vollkommen still. Es ging kein Hauch. Nicht nur zitterte kein Blatt oder Grashalm: Eine Art umgekehrter Wind schien die Luft ihres unsichtbaren Inhalts entleert und Blätter und Gras in einer Reglosigkeit fixiert zu haben, die so absolut war wie auf einem Foto. Ein Stück parkeinwärts fühlte sich Hubert in ein ähnliches Äquilibrium gesogen – er konnte sich noch ohne Weiteres bewegen, fühlte aber, ob er sich bewegte oder nicht, Päckchen einer undefinierbaren Substanz von sich abfallen, in die gewichtslose Luft hinein [...]

Der einsame Zwilling ist ein ungeheuer elegantes Stück Literatur, das wenig zu wünschen übrig lässt. Oulipo-Theorien und Schreibfreude made to last.

Harry Mathews
Der einsame Zwilling
Übersetzung:
Michael Mundhenk
Diaphanes
2020 · 124 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3035801385

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