Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Aufbau_Mercedes Lauenstein Blanca
x
Aufbau_Mercedes Lauenstein Blanca
Kritik

"… warum dies so ist, kann man sich nicht erklären."

Hamburg

Nun gibt es ja Bücher, bei denen steht in der Rezension, tatsächlich oder zum Schein, sozusagen ihre Existenzberechtigung selber auf dem Spiel; die Frage, ob es – insbesondere in Hinblick auf die Endlichkeit des weltweit verfügbaren Papiers, der menschlichen Aufmerksamkeit und der Slots im Diskursraum zu einem gegebenen Zeitpunkt – wirklich nötig war, gerade das zu publizieren. Der Band von Hartmut Lange in der Matthes & Seitz'schen Reihe Die Fröhliche Wissenschaft ist kein solches Buch.

Wir können, was Lange in seinen drei Abschnitten schreibt bzw. sagt, haarsträubend falsch finden – und tatsächlich findet es der Rezensent haarsträubend falsch – aber der Platz des Ganzen in dieser Publikationsreihe, und seine kontextuelle Rezeption (als Buch gerade dieses bedeutenden Autors, als Eintrag ins Kontinuum gerade dieser Denktradition [Existenzphilosophie(en)], als Poetik tiutiscer Zunge gerade in der zweiten Hälfte gerade des zuhandenen Jahrzehnts) ist schlechterdings nicht in Frage zu stellen. Hartmut Lange lässt uns wissen, wo er nach achtzig Jahren Leben und ca. sechzig Jahren Teilhabe an der deutschsprachigen Literatur(geschichte) steht, und kommentiert mit einigen Stationen seines persönlichen Werdegangs auch ausgewählte Stationen der letzten hundert Jahre Kulturgeschichte. Wenn schon sonst nichts, so ist dieser Umstand schlicht vollständigkeitshalber zu verzeichnen; ist Verlag und Verfasser für das unkomplizierte Eintragen der entsprechenden Marker im Werk- und Denkkatalog zu danken.

Den Hauptteil des Buches bildet der Nachdruck eines Dramas von Lange, das 1975 in München uraufgeführt wurde: "Jenseits von Gut und Böse oder Die letzten Stunden der Reichskanzlei". Zu diesem Stück als ausführliche, Jahrzehnte im Nachhinein geschriebene und mithin selbsthistorisierende Einführung gelesen werden kann der titelgebende Aufsatz "Über das Poetische"; ein Gespräch Langes mit dem Jaspers-Kenner Matthias Bormuth über Existenzialismus, Kunst und Leben ("…das absolute Verschwinden vor Augen") ist wiederum zugleich für sich und als ausgedehnte biobibliographische Fußnote zu dem Stück zu sehen.

Ggf. zahlt es sich aus, an dieser Stelle noch rasch die grundlegende Relevanz und Brauchbarkeit des zentralen Theatertexts außer Streit und Frage zu stellen. Seine tragischen Protagonisten sind Nietzsche und Franz Liszt, als "Hochzeitsgäste" und Selbstmordzeugen für Hitler, Eva Braun und die Goebbels im Bunker zu Gast, und die Handlung entspricht einem Versuch, die ideologischen Bruchstellen der ganzen spätromantischen1 Philosophie- und Kunstwelt vom tatsächlichen Untergang ihrer direkten geschichtlichen Konsequenz her zu greifen zu bekommen. Will sagen: Es könnte sich auszahlen, das Stück mal wieder wo zu spielen oder anzusehen.

Das Drumherum hingegen … ach. Sagen wir so: Bemerkenswert konsequent und methodisch einwandfrei beschreitet Hartmut Lange den Weg vom vorsätzlich ergriffenen Sich-Doof-Stellen –

(…) Kunst ist (…) evolutionstechnisch ohne Belang. Aber sie entsteht trotzdem, und warum dies so ist, kann man nicht erklären.

(denn natürlich ist Kunst "evolutionstechnisch" von Belang und kann beschrieben werden, als Sonderform des Spiels nämlich, welches die Funktion hat, Gruppen zu stiften und Lernen zu katalysieren; es gibt dazu genug Literatur; aber wenn man, wie Lange, die Möglichkeit "bloß" rationalen Verstehens rundweg ablehnt, "kann man" sich das eben "nicht erklären")

– über die trotzige Behauptung der Wirklichkeit von, äh, etwas Metaphysischen (hier aufbewahrt in dem Wort "Vorurteil") –

Was bleibt, ist allerdings das Vorurteil, (…) dass mit dem Erkennbaren auch alle Realität endet und dass nur das Erkennbare, nicht das Unerkennbare, dem Wahrheitsgrund der menschlichen Existenz zugerechnet werden darf.

– bis hin zu der folgenden, Ekel und Angst erregenden Vision einer ("gewaltlosen") Suspendierung der Geschichte durch die ("philosophische") Volksgemeinschaft –

Heidegger (…) hatte anfangs (…) seine Philosophie auch als Beitrag zur Nationalistischen Bewegung verstanden und war, wie Benn, dem Versprechen, eine Idealismus und Materialismus überwindende Ausdruckswelt zu schaffen, gefolgt.

Wäre er doch Hitlers Lehrmeister geworden! Auschwitz und alle Eroberungskriege wären uns erspart geblieben, denn Heidegger (…) definiert auch den Nihilismus als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Natur und empfiehlt, denselben auf humane und produktive Weise auszuhalten. (…) sogar die Frage nach dem Nichts ist für ihn ein Grund, auf affirmative Weise entschlossen zu sein.

Affirmativ entschlossen ist auch das radikale Böse, auch die politischen Verbrecher dieser Welt maskieren sich allzu gerne mit dem Hinweis, dass der gesunde, der lebensbejahende Mensch ausschließlich am Gebot des Affirmativen ein Genügen haben kann. Aber bei Hitler ist das Affirmative ohne Transzendenz.2

– und von dieser Obszönität (als wäre der Massenmord dem Regime der wahnhaft auftrumpfenden  Gegenaufklärer bloß äußerlich, und als wäre ein Nazideutschland ohne "das mit den Juden" irgendwie OK gewesen) ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der vollends jenseitigen3 nationalen Entschuldungsphantasie, die wir in Langes Novelle "Die Heiterkeit des Todes" erblicken dürfen, zumindest, insoweit sie im dritten Teil des vorliegenden Buches von ihrem Autor korrekt beschrieben ist – [In ihr]

(…) werden ein SS-Mann und eine Jüdin, die er erschossen hat, nach seinem Tod zu einem Liebespaar. Sie bekennt: "Wo uns das Leben unglücklich macht, geschehen im Tod Zeichen und Wunder." Wäre das möglich, was ich mir in der Erzählung vorstellte – dass Leute sich im Leben verfolgen und im Tode lieben – dann gäbe es die Heiterkeit des Todes. Dann wünschte ich, keine Minute länger zu leben.

Wir können versuchen, in dem Konjunktiv der letzten beiden Sätze – "gäbe es", "wünschte ich" – die Reste von Langes literarischer und philosophischer Integrität zu sehen. Von solchen Übungen in verständnisinniger Hermeneutik abgesehen, ist "Über das Poetische" ein kenntnisreich ins Werk gesetztes (und mit der nicht unbeträchtlichen Ahnung und Erfahrung eines großen deutschen Schriftstellers konzise auf den Punkt gebrachtes) Stück ästhetik- und geschichtsphilosophischer Zurüstung zu jenem derzeitigen geschichtlichen Rollback, dem wir beispielsweise ihn hier – --> Link  – als Vizekanzler der Republik Österreich verdanken.

  • 1. Der Begriff "spätromantisch" ist angreifbar, das ist mir bewusst. Aber "protofaschistisch" ist hier doch noch zu unversöhnlich-reduktionistisch, "wagner'sch" zu kurz gegriffen, und mit "frühexistenzialistisch", "nihilistisch" oder "gegenaufklärerisch" bekommt man je nur Nebenschauplätze der Sache zu fassen.
  • 2. Hervorhebung von mir
  • 3. Pun very much intended!
Hartmut Lange
Über das Poetische
Matthes & Seitz
2017 · 171 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-482-4

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge