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Kritik

Wider die Tristesse des Wahrscheinlichen

Hamburg

Toru Okada, der dreißigjährige Ich-Erzähler der Mitte der 1980er Jahre spielenden Romanhandlung von Haruki Murakami, gerät nach und nach in eine veritable Lebenskrise: er hat seinen ungeliebten Job gekündigt, nacheinander verschwinden zuerst sein Kater und dann seine arbeitsame Ehefrau Kumiko, deren politisch und wirtschaftlich mächtiger Bruder Noboru Wataya setzt ihn unter Druck, sich scheiden zu lassen. Gleichzeitig begegnen ihm eine Reihe von Menschen, die seine Wahrnehmung der Welt gehörig ins Wanken bringen: die etwas naseweise sechzehnjährige Nachbarin May Kasahara, die hellseherischen Schwestern Malta und Kreta Kano, ein ehemaliger Offizier, der im Zweiten Weltkrieg traumatische Kriegserfahrungen gemacht hat, ein heilerisch veranlagtes Mutter-Sohn-Gespann namens ___STEADY_PAYWALL___Muskat und Zimt und der redselig-schleimige Herr Ushikawa, der als Kontaktperson zum einflussreichen Noboru Wataya fungiert. Toru Okada, von May scherzhaft "Herr Aufziehvogel" genannt, wandelt durch Traum und Wirklichkeit seinem Ziel entgegen, Kumiko zurückzugewinnen. Visionen und reale Welt durchdringen sich immer tiefer in einem Plot von langsam sich aufbauender Spannung, in welchem unter anderem ein ausgetrockneter Brunnen, ein Baseballschläger, ein blauschwarzes Gesichtsmal und dunkle Familiengeheimnisse eine Rolle spielen.

Murakamis Lesepublikum wird sogleich hineingezogen in eine überaus fein gesponnene, vielsträngig verzopfte Romanhandlung, die jedoch an keiner Stelle künstlich oder umständlich erscheint. Probleme der gesellschaftlichen und persönlichen Gegenwart, der Aufarbeitung japanischer Kriegsschuld, erotische Traumhandlungen, die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Jetztzeit und Zukunft sowie die Existenz von parallelen Weltgefügen verwebt der Autor zu jener unnachahmlichen literarischen Eigenart, die ihn immer wieder für den Nobelpreis ins Gespräch bringt. Und genau an dem Punkt, an dem die Lesenden es kaum noch für wahrscheinlich halten, glänzt das Buch mit einem veritablen Showdown.

Was zuerst anmutet wie eine schlichte Wiederauflage, ist in Wirklichkeit etwas ganz anderes: Aus dem etwas flapsig "Mister Aufziehvogel" getauften und auf Deutsch lediglich in gekürzter Fassung aus dem Amerikanischen übersetzten und im Jahre 1998 bei DuMont erschienenen Roman wurden, stilistisch offenbar deutlich näher am japanischen Original "Nejimaki-dori kuronikuru", "Die Chroniken des Aufziehvogels". Die erfahrene Japanologin Ursula Gräfe, u.a. verantwortlich für die Übertragungen des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburō Ōe ins Deutsche, hat für die Neuveröffentlichung dagegen ohne Umwege direkt aus dem Japanischen übersetzt. Das räumt mit allerlei Ungenauigkeiten und den für die ursprünglich rund dreihundert Seiten kürzere Version notwendigen Interpolationen auf. So windet sich beispielsweise die aus dem Amerikanischen übersetzte Fassung um die allegorische Bedeutung des Aufziehvogels herum, der von einigen der Protagonisten immer nur als schnarrendes Geräusch wie der einer Federspannung akustisch wahrgenommen wird: dessen von Ursula Gräfe "als Kraft, die die Welt in Gang hält"1umschriebene Funktion, die als wiederkehrendes Motiv etliche der verschiedenen Geschichten miteinander verknüpft, erscheint aber ganz wesentlich für ein tieferes Verstehen des Buches. Über Murakamis Bedeutung hatte schon das alte Literarische Quartett seinerzeit leidenschaftlich gestritten, ein Umstand, der nicht zuletzt auch auf die damals üblichen Zweitübersetzungen aus dem Amerikanischen und ihre doch offenbar stark verengende literarische Bandbreite zurückzuführen war. Jenen amerikanisierenden "Fast-Food-Stil"2, welchen Sigrid Löffler seinerzeit (allerdings auf einen anderen Roman des Autors bezogen) monierte, mag man zumindest in der Neuausgabe des "Aufziehvogels" wohl kaum nachvollziehen können.

Was den Protagonisten Toru Okada kennzeichnet, ist sein Aus-der-Welt-Fallen, seine zunächst unbewusste, später immer stärker reflektierte Weigerung, der japanischen Funktionsgesellschaft anzugehören und dienlich zu sein. Durch Traum, geduldiges Warten und wachsendes Erkennen agiert er erst für sich selbst kaum merklich, dann immer willentlicher wider die Tristesse des Wahrscheinlichen. Wahrscheinlich ist, dass er keinen vernünftigen Job mehr finden wird. Wahrscheinlich ist, dass seine Frau ihn tatsächlich aus eigenem Antrieb und unwiderruflich verlassen hat. Aber da ihm in dieser Phase seines Lebens Menschen - vor allem Frauen - begegnen, die mit so unwahrscheinlichen Attributen ausgestattet sind und so unerwartbare Dinge tun, bekommt für ihn die Dimension des Phantastischen eine immer größere Greifbarkeit. Die Handlung, gleichwohl immer in der Moderne der 1980er Jahre in Japan spielend, spitzt sich beinahe märchenhaft zu, Kumiko wird zu so etwas wie der gefangenen Prinzessin im Turm, ihr düsterer Bruder zu dem bösen Zauberer, der sie gefangen hält. Und Toru sieht sich immer mehr auf einer Befreiungsmission.

Murakami erzählt dies alles mit einer ausgefeilten Metaphorik, die sich unter anderem aus den Bereichen der Natur, der Architektur und der Musik bedient, deren Verweise jedoch oft zunächst ins Leere zu laufen scheinen. Was der Autor immer wieder geleistet hat und dies - nicht zuletzt auch sehr wirkungsvoll durch die behutsame, respektvolle Übersetzung Ursula Gräfes - auch wieder mit seinem "Aufziehvogel" exemplarisch unter Beweis stellt, ist ein essentielles Moment guter Literatur: der Balance von Ursache und Wirkung nachzugehen, eine einzig mögliche Lösung jedoch konsequent zu verneinen. Oder mit Toru Okadas Worten:

"Die Dinge hingen auf ein komplizierte Weise zusammen wie ein dreidimensionales Puzzle. Aber ich wusste ja, dass die Wahrheit nicht unbedingt aus Fakten bestand und Fakten nicht unbedingt wahr sein mussten."

Was ist möglich? Was ist denkbar, zumal im Rahmen des Literarischen? Es geht einmal mehr nicht um die konkreten Antworten, es geht um die Schönheit der Fragen. Es geht um die Akzeptanz durch den modernen Menschen, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, dass Wahrheit immer perspektivisch ist und sich diese Perspektiven für die handelnden Personen im Roman wie im Leben mitunter ganz unvermittelt verschieben.

Haruki Murakami
Die Chroniken des Aufziehvogels
Neuübersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Dumont
2020 · 1005 Seiten · 34,00 Euro
ISBN:
978-3-8321-8142-0

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