Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Literatur, die niemanden wegschickt

Hamburg

Hauke Hückstädt, der seit 2010 das Literaturhaus Frankfurt leitet, hat mit dem von ihm ins Leben gerufenen Projekt – der Anthologie „LiES! Das Buch“ – 15 Texte in Einfacher Sprache von 13 Gegenwartsautor*innen (Henning Ahrens, Nora Bossong, Mirko Bonné, Arno Geiger, Judith Hermann, Olga Grjasnowa, Anna Kim, Kristof Magnusson, Jens Mühling, Maruan Paschen, Ulrike Almut Sandig, Julia Schoch, Alissa Walser) versammelt.

Einfache Sprache, das vorweg, ist nicht dasselbe wie Leichte Sprache. Leichte Sprache wird nach vom Netzwerk Leichte Sprache genau festgelegten Regeln geschrieben und zertifiziert. ___STEADY_PAYWALL___Die Texte in LiES! wurden zwar ebenfalls regelbasiert geschrieben, aber nach nicht ganz so strengen Grundsätzen: Die Autor*innen haben sich die insgesamt zehn Regeln selbst gegeben, sie gehen zum Beispiel so:

„· Wir benutzen einfache Wörter.

· Wenn wir Sprachbilder verwenden, erläutern wir diese.

· Wir erzählen nur aus einer Perspektive.“

Ein bisschen ist das Buch so, als wäre man bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, nur eben in Einfacher Sprache. Jeder der Texte geht anders mit ihr um, zwischendurch vergisst man beim Lesen ganz, dass die Autor*innen sich innerhalb eines selbst gesetzten Raumes bewegen, weil er jedesmal völlig anders aussieht. Die Einfache Sprache in LiES! ist kein Gleichmacher, die Texte sind so verschieden wie die Autor*innen. Was allerdings (fast) allen Texten gemein ist, ist ihre Konzentration, ihr geschärfter Fokus auf das, was sie erzählen wollen. Krimis mit Realbezug sind dabei, Märchen, es geht um Missbrauch, es entsteht Lyrik, es wird vom Alltag erzählt und von absoluten Ausnahmezuständen.

LiES! möchte dabei niemanden wegschicken, inklusiv sein und für alle lesbar, auch für die etwa 20 Millionen Menschen in Deutschland, die aus verschiedenen Gründen nicht gut lesen können und von den allermeisten Autor*innen bisher nicht mitgedacht werden.

Sehr viele der Texte spielen in Frankfurt oder haben zumindest Frankfurtbezug, wahrscheinlich auch, weil LiES! unter anderem vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration gefördert wurde. Diese Frankfurt-Häufung hat beim Lesen mit der Zeit etwas leicht Hölzernes. Ich kann mir vorstellen, dass es die (von mir so vorgestellte) inoffizielle Zusatzregel („Und bringen Sie gern Frankfurt unter!“) nicht unbedingt gebraucht hätte, respektive ich wäre neugierig auf eine weitere Anthologie ohne Regionalbezug.

Die Einfache Sprache selbst wirkt beim Lesen beruhigend, sortiert die Gedanken. Die – relative – Schlichtheit führt dazu, dass man in hoher Schärfe mitlesen kann. Die Kurzgeschichten in LiES! lesen ist, als würde man in einem sehr stillen Raum Musik hören. Jedes Instrument ist einzeln wahrnehmbar, jede Zeile, jede Protagonistin, jeder Protagonist, jede Verschiebung im Ton.

Die Texte sind so divers wie, um im Bild zu bleiben, die Songs auf einem Mixtape. Judith Hermanns Kurzgeschichte „Falle“ zum Beispiel ist in ihrer Verknappung so atmosphärisch und genau beobachtet, dass sie für mich zu den schönsten der Anthologie gehört. Sie berichtet aus dem Leben einer Fabrikarbeiterin und bewegt sich dabei vollkommen mühelos innerhalb der zehn Regeln.

„Draußen ist es noch heißer.
Überall stehen die Fenster auf.
Man kann die Fernseher hören.
Die Autos rollen ganz langsam an die Zapfsäulen.
Die Leute tanken wie im Schlaf.“

„Hölder vor dem Puppenschrank“ von Mirko Bonné hingegen bricht an den Rändern immer wieder aus den Regeln der Anthologie aus, oder anders: Ganz so einfach sind diese anspruchsvollen „Anmerkungen zum Gontardschen Puppenhaus in Einfacher Sprache“ dann nicht, verwandeln sich zwischendurch in Lyrik, klingen dann wieder wie eine didaktische Erzählung: Das Gontardsche Puppenhaus für Kinder erklärt.

„Das geht dem Lehrer durch den Kopf.
Ein Kopf wie ein Puppenhaus.
Puppenschrank. Puppenkrank.“

Julia Schoch erzählt in „Ich verlasse dich“ 30 Jahre Beziehungsgeschichte auf 16 Seiten, inklusive einer Bestandsaufnahme: Wie viele Sommer, wie viele gemeinsame Reisen, wie viele Küchen wurden gekauft, Ausweise ausgestellt, wie oft war das Paar in der Notaufnahme, wie viele Partien Halma wurden gespielt, die Frühstücksbrote werden gezählt, die Infektionen, Friseurbesuche, Fotos, und:

„Nach neun Jahren habe ich zum ersten Mal
weggehört, als du beim Abendbrot von deiner
Arbeit erzählt hast.
Nachts im Bett weinte ich deswegen.
Ich dachte, es wäre das Ende. Aber es war
nicht das Ende.“

In Ulrike Almut Sandigs Kurzgeschichte „Die Nacht ist eine schwarze Schnecke“ schreibt sie über ein Thema, um das es auch in ihrem gerade erschienenen Roman „Monster wie wir“ geht: Sexualisierte Gewalt. Lionel, der zehnjährige große Bruder der Erzählerin, wird von seinem Stiefvater sexuell missbraucht, während die Mutter wegsieht, die Schwester das Miterlebte nicht einordnen kann und schließlich ein Au-pair auftaucht, der die Situation aufbricht und eingreift.

„Jetzt  liegen Mama und ich unter der Decke und
flüstern.
„Was machen die?“ frage ich
„Hausaufgaben“ sagt Mama.
„Warum reden die nicht?“
„Sie rechnen.“
„Aber warum heult Lionel?“ Keine Antwort.

Die Erzählweise der Kurzgeschichten mag Einfach sein, die Inhalte sind es nicht. In „Wo das Abenteuer wohnt“ von Anna Kim findet die sich als durch und durch gewöhnlich beschreibende „Frau Kleinau“, die alles vermeidet, was sie aufregen könnte, wieder zurück zu mehr Lebendigkeit.

Leere Bahnsteige mag Frau Kleinau. Sie beruhigen
ihr Herz.
Ihr Herz ist leicht beunruhigt. Vor allem
Überraschungen beunruhigen es.

Auf LiES! kann man sich so einlassen, wie Frau Kleinau auf neue Erfahrungen: Stück für Stück. Text für Text. Es wird – auch wenn manche der Kurzgeschichten sich eher an den Regeln abarbeiten statt sie zu integrieren – für alle Leser*innen etwas dabei sein. Wie bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, nur inklusiver und für alle, die Lust auf Gegenwartserzählungen haben.

Hauke Hückstädt (Hg.)
LiES! Das Buch
Literatur in Einfacher Sprache
PIPER Verlag
2020 · 288 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-492-07032-4

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge