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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
Kritik

Mystiker des Alltäglichen

Hamburg

„Die Stimme eines anderen sein
wie ein blaues Mädchen mit der Kindheit sprechen“

Wer ist der Schriftsteller, der in seinem Gedicht „Stimme eines anderen …“ die Unzulänglichkeit der Worte des Dichters mit entwaffnender Offenheit anerkennt? Des Dichters, der sich selbst zu seinem „verrückten Schweigen“ und seiner „verrückten Sprache“ bekennt, die ihm sowohl Segen als auch Fluch sind?

Mit Die Ecken deiner Stille (Elif Verlag) liegen Haydar Ergülens Gedichte erstmals in deutscher Übersetzung vor. Doch über den Dichter erfahren wir erst mal sehr wenig, wenn wir den schmalen, luftig gestalteten Band aufschlagen: Kein Vor- oder Nachwort, keine Kurzbiographie, keinerlei editorische Notiz – nur knappe Angaben zu seiner Person im vorderen Klappentext. Die Suche nach deutschsprachigen Quellen erweist sich als schwierig. Immerhin wissen wir, dass Ergülen 1956 in Eskişehir im Nordwesten der Türkei geboren wurde. In Ankara studierte er Soziologie. Heute lebt er in Istanbul, also nicht allzu weit von seiner alten Heimat entfernt. Neben Essaybänden veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Lyrikbände. Heute gilt der mit diversen nationalen Lyrikpreisen ausgezeichnete 63-Jährige als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Dichter der Türkei.

So weit, so wenig informativ. Dann stolpert man aber über diese kleine, interessante Anekdote, dass er einiges unter dem Pseudonym Hafiz veröffentlicht haben soll: So wird jemand genannt, der den Koran auswendig kann. Gleichzeitig ist Hafiz aber auch der Ehrenname des legendären, weltbekannten persischen Dichters des 14. Jahrhunderts, der Goethe zu seinem West-Östlichen Diwan inspirierte. An falscher Bescheidenheit scheint es Ergülen nicht zu fehlen.  

Vielleicht ist es aber gar nicht so unvorteilhaft, sich mit wenig biographischem Wissensballast ans Werk zu machen, denkt man sich dann als Rezensent*in. Immerhin ist es so möglich, sich auf Ergülens neuen Lyrikband ohne vorgeformte Meinung einzulassen, also auf einen Titel, dessen Versprechen von introspektiver, intimer, dialogischer Verskunst schon in den kleinen Gedichtzyklen eingelöst werden, die den zweisprachigen Band eröffnen. 

Früher war das Gedicht wie mein Hund
es fühlte, wenn ich traurig war
und kam zu mir

Jetzt ist mein Gedicht ein alter Hund
weder mit seinen Ohren hört er
noch mit seinem Herzen

Das Tier als der bessere Mensch: dieses Motiv taucht gleich an mehreren Stellen in Ergülens Gedichtband auf. Es klingt zunächst nach bitterem Bilanzziehen, nach einer Abrechnung mit der Menschheit. Doch das lyrische Ich ist kein Eremit, der den Menschen abgeschworen hat, im Gegenteil: seine Hand bleibt ausgestreckt. Trotz all der Zusammenstöße und Distanzen - wörtlich und im übertragenen Sinne - bleibt er seinen Mitmenschen zugewandt. Interessant ist hier, wie er mit ihnen in Kontakt tritt. Für Technologie und Urbanität ist in seiner Welt kein Platz, dort regieren Handschrift, Papier und Lexikon. Es ist eine fast archaische Welt - vielleicht die der Großelterngeneration -, in der Reisende mit Schiffen unterwegs sind und Markthändlern wie Briefträgern eine besondere Rolle zufällt. Fast beiläufig ist in einem Gedicht von „Il Postino“ die Rede, einem italienischen Film aus dem Jahr 1994, der in den 1950ern spielt; die Nostalgie nach der Kindheit und ihren Symbolen springt einem geradezu ins Gesicht. „Wie schön wäre es, gäbe es eine Briefmarke von dir“. Das lyrische Ich schreibt noch Briefe, erinnert sich wehmütig an die Suppe seiner Großmutter, und spätestens hier muss man einsehen, dass bei Ergülen – dem selbsternannten Hafiz - von Größenwahn nicht im Geringsten die Rede sein kann.

Nicht allein diese familiären Szenen sind für die an Biographie interessierte Leser*in aufschlussreich. Auch Ergülens Umgang mit den großen metaphysischen Themen verrät viel über seine sehr spezielle Form lyrischer Innerlichkeit und über sein großzügiges Weltbild. Der Schöpfer und seine Schöpfung seien eins, besagt das vadet-i-vucut, eine islamische Mystik, die Ergülen ebenso in seine Lyrik inkorporiert wie Anspielungen auf Nietzsche („Gott ist tot!“), das christliche „Aus Erbarmen mit den Menschen ist Gott gestorben“ und das atheistische Bekenntnis „weil der Mensch Gott erschuf“. In Ergülens lyrischem Mosaik scheinen verschiedenste Glaubensrichtungen und Ketzereien gleichberechtigt nebeneinander zu stehen, doch das soll nicht täuschen. Der Dichter stellt seine Lyrik trotz einiger Referenzen auf Sufis nicht in den Dienst irgendeiner Metaphysik, er schreibt Diesseits-Lyrik. Alltagsgegenstände, Wetterlagen und stille Landschaftsflecken nutzt er als mystisch-alltägliche Kulissen, vor denen er die Begegnungen und Entzweiung von Verwandten und Liebenden inszeniert:

„der Nebel hatte sich noch nicht erhoben von meinem Herzen / warst du es oder ein Blumenfeld, ich konnte es nicht unterscheiden.“

Es lohnt, sich Ergülens Gedichtvorträge auf lyrikline.org anzuhören, und die deutsche Übersetzung erst einmal außer Acht zu lassen. Seine leicht nasale, beruhigende Stimme hat eine warme Klangfarbe; sein fließender Vortrag passt zu dem Eindruck, den man von seiner Arbeitsweise hat. Denn Satzzeichen verwendet er sehr sparsam, nichts ist stockend, abgehackt, fragmentarisch. Dadurch wirken seine Gedichte wie aus einem Guss geschrieben, ohne Punkt und Komma, ohne Selbstzensur und Selbstbegrenzung.

Als Nicht-Türkischsprecher ist es so gut wie unmöglich einzuschätzen, ob diese agglutinierende Sprache dem Dichter Freiheiten gewährt, wo die deutsche Sprache einengt - oder inwiefern sie seinen Ausdrucksmöglichkeiten Grenzen setzt, wo das Deutsche Spielraum lässt. In der deutschen Textversion der Übersetzerin Özlem Özgül Dündar, die 2018 ihren ersten eigenen Gedichtband veröffentlichte, klingt Ergülens Lyrik jedenfalls elegant und schnörkellos. Ergülen ist ein Romantiker, der den Überschwang seiner Gefühle mit einem Verzicht auf Sprachakrobatik ausgleicht. Lieber setzt er auf Unmittelbarkeit und einprägsame Bilder:

diese Augen sind unser Gedicht
unser warmes Brot
aus der Kindheit bis heute geblieben
sind diese Augen Kind und Vater

So heißt es in „Eine bittere Schuld“: ein Langgedicht, das so zerstückelt wirkt, dass erst das Impressum Gewissheit darüber gibt, dass es sich tatsächlich nicht um eine Sammlung von Kürzestgedichten handelt. Etwas verwirrend ist zunächst auch, dass nicht alle Gedichttitel einheitlich in Kapitälchen gesetzt sind, wie etwa „Die Handschrift ist ein Schwätzer“: eines der Langgedichte, die klar einen roten Faden erkennen lassen. Das lyrische Ich ist hier ein Dichter, dem seine Hand Orientierung und Kapital zugleich ist, zugleich aber auch ein überaus verletzlicher Körperteil („meine Hand, mein armloser Kapitän“). „Ein anderes Haus als aus Papier besitze ich nicht“, schreibt er – eindringlicher und schöner kann man kaum ausdrücken, was wohl viele Dichter*innen und Schriftsteller*innen empfinden: das Schreiben ist ein Zuhause, eine Heimat.

An anderer Stelle schreibt Ergülen auf sehr sinnliche Art und Weise über Zweifel, Scham und Zerrissenheit des lyrischen Ichs, das als Kind nicht zwischen Liebe und Olive unterscheiden konnte. Als Erwachsener ist er imstande, mittels poetischer Sprache Bilder von Abenddämmerung auf dem Dorf, Olivenpflücken, dunkler Himmel zu erzeugen - nur die Gefühle von damals sind nach wie vor da: „das Papier ist immer noch so unbeschrieben wie meine Kindheit“. Ein wortloser Dichter - ein Paradoxon. 

Aber auch die Wortlosigkeit des Dichters, sein „verrücktes Schweigen“ hat etwas Grundehrliches, Bodenständiges. Seine unprätentiösen Verse sind aber nicht nur sympathisch, sie beruhigen auch. Denn solange es Menschen gibt, denen Dichtung so wichtig und nährend ist wie das tägliche Brot, solange besteht noch Hoffnung.

Haydar Ergülen
Die Ecken deiner Stille
Zweisprachige Ausgabe – aus dem Türkischen übertragen von Özlem Özgül Dündar
Elif Verlag
2019 · 112 · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-20-2

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