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Kritik

"Ich rede von der Cholera"

Hamburg

Tim Jung hat für Hoffmann und Campe ein Büchlein herausgegeben, das aus Heinrich Heines "Französische[n] Zustände[n]", die jener ab Dezember 1831 für die Augsburger "Allgemeine Zeitung" schrieb, diejenigen Abschnitte versammelt und aufbereitet, die direkt von der Choleraepidemie im Frühling 1832 handeln und also "Parallelen zur Corona-Krise" nahelegen.

Der Band bietet ein locker-feuilletonistisch zu lesendes, aber ___STEADY_PAYWALL___inhaltlich konzises Herausgeber-Vorwort, er bietet den Text selbst – knappe 30 Seiten – und er bietet das Faksimile der damaligen Zeitungsseiten, leider so sehr verkleinert, dass sie nicht ohne Weiteres lesbar sind.

Über Heines Text selbst ist wenig zu sagen. Der Mann war feiner Stilist, distanzierter Beobachter und als publizistischer Akteur im vollen Bewusstsein der Rolle, die er im Diskurs zu spielen hatte: öffentlicher Intellektueller und Unterhaltungskünstler zugleich, näher vielleicht, auch von seiner Selbsteinschätzung her, an Stephen Colbert oder Jon Stewart als an Egon Erwin Kisch … Klar liefert Heine Kontext, Lokalkolorit, Kolportage und Bewertung auf knappem Textraum, und sein trockener Humor im Angesicht der Seuche liest sich umso eingängiger, als wir Heutigen nicht unmittelbar vom unbetreuten Tod durch Cholera bedroht sind. Für sich genommen ist dieses Büchlein netter Lesestoff. An einem kurzen Feierabend (währen des drohenden Lockdowns der "zweiten Welle" im Herbst?) auszulesen, bringt es uns das Paris von 1832 in wenigen Worten greifbar vor Auge, mit oder ohne Cholera, und samt "unserem" Heinrich mittendrin.

Als publizistische Intervention ist das Ganze komplizierter: Man könnte Hoffmann und Campe (oder der Verlagsgruppe Ganske) vielleicht vorwerfen, mit einem einfachen Griff in die Archive Aufmerksamkeit schinden zu wollen – schnell mal eben irgendwas Historisches zu Corona aus dem reichen Fundus, ein unterhaltsames Mitbringsel für das post-Lockdown-Sozialleben der gebildeten Stände, ausgestattet mit hübschen Anknüpfungspunkten für allerhand Feuilletondebatten über Verschwörungswahnsinn, Gesundheitspolitik usw. – wie der Österreicher sagt: "Nutzt's nix, kost's nix." (Bzw. schon ein wenig, aber wohl nicht gar so viel.) Solche Kritik ignoriert, dass – da das Stück Heine ja tatsächlich höchst kurzweilig gelesen werden kann – an dem geschilderten Kalkül nichts Verwerfliches ist. Die Parallelen – Seuchenparanoia, Krisengewinnler, Fehlinformation, Quarantänealltag – sind schlechterdings gegeben, ebenso wie die klaren Kontraste – Hygiene! Internet! Fließend Wasser!

Auch klar sichtbar bleibt der Subtext einer "Verteidigungsschrift" des ganz alten deutschen Verlagswesens, dessen institutionelles Gedächtnis, wie hier ersichtlich, in Gestalt der Archive und Hausgeschichten von Reclam, Cotta, Hoffmann und Campe, Ganske usw. vor den Moment des nation building in Deutschland zurückreicht und mit diesem verknüpft ist: als konkrete Gestalt, welche die Historie der Pressefreiheit annahm, oder das Konzept der Meinungsfreiheit, oder die konkurrierenden Staatswerdungsdiskurse. Das deutsche Zeitungs- und Verlagswesen ist mit dem politischen Liberalismus in besonderer Weise verwachsen – ob in seiner zeitgenössischen Gestalt als teilverblödete Möchtegernmeritokratie im einundzwanzigsten Jahrhundert, gegen die das "fake-news"-Gebrabbel als emotional plausible Revolte des leider falschen Bewusstseins erscheint, oder ob in Gestalt des radikal vernünftigen Ideals aus dem neunzehnten Jahrhundert, welches damals den Zugang der Öffentlichkeit zu verlässlichen Informationen "theoretisch" er- und praktisch einforderte … Vielleicht höre ich da also das Gras der Geschichte wachsen, aber mir scheint, es wollte die ideelle Chefetage des deutschen Medienwesens jenen unterschiedlich verstrahlten Freund*innen "alternativer Nachrichten" und Feind*innen der "Merkeldiktatur" in jener "BRD-GmbH" zwischen den Zeilen fröhlich zurufen:

"Der Heine, auf den manche von euch sich so gern berufen – der war einer von u-huns!"

 

Heinrich Heine · Tim Jung (Hg.)
ICH REDE VON DER CHOLERA
Hoffmann und Campe
2020 · 64 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-455-01042-8

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