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Kritik

Es gibt das Mad-Max-Land – es liegt im Schnee

Hamburg

Zunächst ist das Konzept des Verlags round not square das Auffallendste: wie nicht anders zu erwarten, wird das Buch auf den Kopf gestellt, beziehungsweise einer seiner Urformen zugeführt, der Rolle. Oder Bulle oder "Kultschrift". Für die herkömmliche LeserIn eine Herausforderung. Der Raum muss passen. Am besten ist man im Besitz von zwei Stiften oder Haltern mit Griff, oder man hat einen langen Tisch oder Flur zur Hand. Lässt man sich drauf ein – es gibt eine beigelieferte Anweisung, was die Rolle verträgt etc. ("das Buch einfach in der Bahn halten..."), sie ist mit einem cleveren Magneten verschlossen – stellt sich tatsächlich ein anderes Leseerlebnis ein. Auf vielen Metern Rolle entfaltet sich ein Panorama, hier Provintsiya von Hendrik Jackson und Heinrich Völkel, eine Reise zu den russischen Mittelgroßstädten Uljanowsk, Wolgograd, Tscheljabinsk, Astrachan und Archangelsk, "alles außer Moskau oder Petersburg ist Provinz". Durch das Nichtblättern, sondern eben freirollen oder weiterrollen, vollzieht sich das Mitreiseerlebnis in gänzlich anderer Form als gewohnt. Es ist körperlicher, die Rolle rollt mit der BetrachterIn, gibt frei, so viel man eben will, die Neugier auf die nächsten Inhalte ist anders gelagert als beim klassischen Seitenvorblättern.

Die Stimmung der aus Fotos, Gedichten und Reiseprosa gebildeten Rolle ist angenehm milchig. Nichts wird überbetont oder gezeigefingert. Es ist, wie es ist. Winterlich, neblig, spurenvoll. Völkels Bilder, ruhig und unaufgeregt, doch mit dem Willen in Räume zu dringen, so sind starke Portraits von Menschen, Wartenden in Fluren, leeren Kinos und Autos enthalten, bringen die Reise treffend in die Kamera. Außerdem gibt es sounds und Töne aus den Reisezielen, von Jackson collagiert, zu finden auf der website des Verlags. Seine Reiseprosa ist ebenfalls zurückhaltend und willenvoll, ergänzt sich hervorragend zu den Bildern. Wir lernen einen riesigen Landstrich kennen, zwischen Schnee, uferlosen Flüssen und Nebel. Mit Geschichte, Denkmälern und überraschenden Techniken der Industrie und der Kultur, immer jeweils mit einem Überraschungsmoment versehen – dass man gerade das, was man sieht, an dieser Stelle genau nicht erwartet. Jacksons Gedichte sind spärlich verteilt und gehen mit übrigem Text und Bildern etwas ein, das gut zusammenläuft. Pastichen zu Grünbein, Chlebnikov u.a. Manchmal schneidet die Reiseprosa in die Gedichte und umgekehrt, vielleicht hätte eine Textsorte auch gereicht, doch insgesamt ist die Rolle ausgewogen und liest/ schaut sich mit Gewinn (solange entsprechende Vorkehrungen getroffen). Round not square etabliert ein interessantes Format, es erfordert Hingabe, Provintsiya ist der perfekte Inhalt.

 

[...] 1000 Kilometer
dem Zaren entgegen gefahren. salzige
Skulpturen, der aufgebrochene Schädel

des Mammuts. riesige puffernde Reifen, Blech, Warlords stechen
gelbliche Eisbatzen, aneinander festgefrorenes
Tränengewölle, weiße Splitterplatten, Brocken
und Äste in flockigem Schneereif

ins Blau des Himmels gezeichnete schwarze Schaltpläne
der weiße Fürst feiert auf den Prospekten seine Ahne
Platinschraffuren, Heldenorgeln, in die Höhe
gefrorene Rinnsale und Historie

Heinrich Völkel · Hendrik Jackson
Provintsiya
round not square
2017 · 35,00 Euro

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