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Kritik

Im Irgendwo vom Jemand notiert

Hamburg

Das sind Notizen, flüchtige Aufzeichnungen aus einem Hotel, einem Café. Vertretene Stationen u.a. das Katzencafé in Vilnius, das Café Mud in New York, das Hotel Suputnyk in L'Viv, das Café Mathilde in Hamburg, Café Veselka in New York, das Theater-Café in Zürich, das Café Trieste in San Francisco – um nur erste Namen von den ersten Seiten aufzuzählen. Das geht so das ganze Buch von Heinz D. Heisl durch, manchmal ist es auch der Flug von nach, eine Bäckerei oder ein Ortsname in der Fremde, dem die zugeordnete Lokalität fehlt. Immer ist es irgendwo und irgendwer - wenn man den Gedichtüberschriften glauben möchte, gehen sämtliche als Unterkapitel eines einzigen Titels durch: „ich weiß nicht, von wem das ist; es könnte aber auch von mir sein“ plus eine laufende Nummerierung. Als Gedicht kenntlich gemacht durch formale Raffinessen:

Die Texte sind fast ausnahmslos kurz, im Durchschnitt 11-12 Verse lang, diese sind jeweils durchschnittlich 3-5 Worte lang, gestreckt über zwischen Wortglieder montierte Dreierpakte von Doppel:::punkten oder getrennt durch Schrägstriche, die als Satzzeichen Punkte oder Kommas ersetzen, ab und zu auch ein = Zeichen, das durchaus als „ist gleich“ fungiert. Die Doppelpunkt-Dreierpakete gibt es nicht nur als Trennzeichen innerhalb von Worten, sondern auch als Pausenzeichen mit links und rechts beigestellten Leerzeichen ::: zwischen zwei Satzgliedern, eingesetzt als Komma, als Pause. Und es gibt den klassischen drei Punkte-Ausklang „...“ am Ende von Texten, Versen, Aufzählungen im Sinne eines unbestimmten Weitersos. Dazu treten auf Umklammerungen () als gedachte Ergänzungen, Erweiterungen, Zusatzinfo. Fremdsprachige Einwürfe sind kursiv (nicht immer: Englisches rutscht überwiegend so durch). Es gibt keine Punkte.

  Wir haben leider Diebe im Haus, Heinz D. Heisl, Limbus Verlag 2018

Weitaus augenfälliger ist das Einmischen von GROßSCHRIFT in sonst normal funktionierende Groß- und Kleinschreibung, entweder durchgehend für ein komplettes Wort wie BLUT:::ROT, hier adjektivisch, das ist selten, zuallermeist genutzt für Substantive, oder aber auch nur teilweise für durch die Doppelpunkt-Triole getrennte Wortteile wie hier: Tulpen:::KÖPFE, EIS:::Fach, Kühl:::SCHRANK. Selten auch in weiter ausufernder Nutzung wie in diesen beiden Versen (Zeilensprung durch mich deutlich gemacht mit einem |): „BRAUCH:::TUMS:::gesichtig die | TRACHTEN::::RATTERmusik ::: blau“.

Durch diese Besonderheiten verbreitern sich die an sich mageren Verszeilen und es kreiert sich oft ein sprunghaftes Hin und Her zwischen Groß und Klein, Hauptsächlichkeiten und Beiwerk, und zerhaut den Lesefluss, zusätzlich durch die Doppelpunkt-Triolen innerhalb der Worte zerhackt und durch Schrägstriche dazwischen, dass am Ende aus einem „normalen lyrischen Text“ ein ungewöhnlicher Lesemoment wird, der zumindest formal irritiert und signalisiert: hier wird das Andere betrieben, bzw. Etwas anders betrieben.

Da der formale Schnickschnack am ehesten auffällt, habe ich ihn hier zuvorderst erwähnt. Optisch sehr ungewöhnliche Texte, die beispielsweise dazu einladen, die in Großbuchstaben gesetzten Worte und Wortteile im groben Überflug zu lesen, ohne den kleingeschriebenen Rest, so wie man einen Text vor einem Meeting überfliegt, und der Verfasser war so nett und hat wichtige Passagen fett hervorgehoben. In Gedicht Nummer 17 beispielsweise käme man zu folgendem Resultat: KOPF, MUTTER, VATER, GANG, NICHT, GUTES, BEVORZUGTER WEISE, HIRN, CHARAKTER, TISCH, TELLER – ein Text vom 28.07.2012, geschrieben im Hotel Rex in San Francisco. Für den gleichen Tag folgt ein Text mit folgenden großgeschriebenen Worten: MUTTER, VATER ALLER DINGE, TISCHT, TELLER, SUPPE, LÖFFEL, MÜNDERN, VERDRUSS, MORGEN, HEUTE, GESTERN, IRGENDJEMAND, LICHT.

Wenn man nicht überfliegt, sondern Vers für Vers durchliest, bleibt beständig die Irritation: warum macht der das? Muss das sein? Was gewinnt der dadurch? Die frühesten Texte stammen vom 15.06.2009 aus Paliano (eine Stadt in der Provinz Frosinone in der italienischen Region Latium) und die jüngsten vom 07.11.2017 aus der Bar des Radisson Bluy Royal Astorija Hotel in Vilnius. Seit acht Jahren sitzt jemand, wenn er unterwegs ist, bei einem Getränk im Irgendwo und notiert sich Texte in dieser kuriosen „Schreibweise“? Der Klappentext verspricht

Heinz D. Heisl bringt Momenteindrücke rasch aufs Papier, was mitunter ganz eigenen Spielregeln zu folgen hat, späteres Bearbeiten wäre in seinem Fall beinahe Verfälschung. Als Verfasser tritt er zurück und erhebt nicht den Anspruch, irgendein Schöpfer zu sein – das Leben soll durch seine Versprachlichung bewegen, bewegt werden, zu tanzen beginnen.

Jetzt bin ich doppelt irritiert: die vorliegende komplex beregelte Schreibweise ist eine schnell aufs Papier gebrachte Momentsache, spartanisch über viele Jahre mal hier mal dort – hin und wieder - praktiziert – immer dann, wenn der Job zu Aufenthalten und Langeweile (= an den Kaffeetisch) zwang, und mündet hier in bereits im Titel abgezählte Gedichte, 100 Stück, wobei die Zählung bei 99 abbricht und das letzte Gedicht (am 28.04.2015 im Meshuggah Coffee House in St. Louis entstanden) völlig überraschend statt „ich weiß nicht, von wem das ist; es könnte aber auch von mir sein“ heißt: „etwas vollkommen anderes; das ohne weiteres aber auch von mir sein könnte“.

Ich glaube es den Texten, dass sie schnelle Notate sind, eine Einladung an den Reisenden, Herumsitzenden, Wartenden, etwas festzuhalten, etwas zu verdichten oder zu bedichten – ich glaube aber nicht, daß dies in der vorliegend komplexen Art und Weise geschah, sondern dass gerade wegen der Flüchtigkeit der Texte, der Atmosphärenadhäsion, des luftigen Zugriffs, man im Nachhinein versucht hat diese Texte zu verkomplizieren und aufzuhübschen, sie nachträglich aus der alltäglichen, fast banalen Luft des Sitzen und Zuwartens, was passiert, „ins Moderne“ zu pushen – und das OBWOHL sie das gar nicht brauchen. Liest man die Texte unbeeindruckt von Schnickschnack & Co. sind es genau die Texte, von denen der Klappentext verspricht, der Verfasser trete zurück und erhebe „nicht den Anspruch, irgendein Schöpfer zu sein – das Leben soll durch seine Versprachlichung bewegen, bewegt werden, zu tanzen beginnen“. Die Texte haben eine Leichtigkeit, die nicht nur schliert, sondern tanzen macht. Doch genau diese Leichtigkeit wird vergewaltigt durch das formale Brimborium und das macht dann doch traurig beim Lesen, zu sehen, wie gute Texte runtergewirtschaftet werden, um irgendwelche Kriterien erfüllen zu wollen, die uns die modernsten Postmodernen (was heute bereits die rückständigeren Jetztler sind) als Post rüberreichen.

Schade. Es ist nicht notwendig mit formalen Besonderheiten zu winken, um vorne zu sein. Die Denke, man müsse die Lyrik hauptsächlich formal neu aufsetzen, damit sie im Heute bestehen kann, ist eine Verschiebung der Sprachenergien in Formenergien. Wer sprechen will, muss nicht stottern und sich den Text durch Zeichentriolen zerreißen, sondern er muss das zu sagen versuchen, was genau ihn/sie durch den Moment bringt. Die Momente im Heute sind per se andere als die Momente im Gestern, und selbst wenn sie gleich sind, gibt es andere Farben, Musiken, Klamotten, Getränke, Cafés. Heinz D. Heisl hat ein eigentlich leichtes, poetisches Buch zusammengestellt, sich es aber durch aufgepfropfte Formalitäten gründlich selbst versaut. Ein Beispiel: hier das Gedicht „ich weiß nicht, von wem das ist; es könnte aber auch von mir sein; achtzig“ von mir rückübertragen in eine völlig konventionelle Form:

der blasse Mond geht still drüben
am Bahnsteig reißen Stimmen
an der Nacht ein Zug
bläht sich auf und …
verschwindet der Wind tanzt
im alten Papierkorb (a crack
or a rustle) the hollow sound of my
own footsteps seemed to come
from another direction

Ja, der blasse Mond. Ok. Das klingt alt und verbraucht. Aber er war nun mal da. Und für jemand anderes wäre er vielleicht ein „Licht aus der Schwere“ gewesen, aber ansonsten funktioniert der Text und was bitteschön braucht da eine ähnlich formale Vergewaltigung, wie diese im folgenden Text:

ich weiß nicht, von wem das ist;
es könnte aber auch von mir sein; achtundzwanzig

wo ein GEDICHT steht ::: steht
kein HAUS / HEIMAT:::LOSE
Versuche; wo ein GEDICHT
steht ::: steht keine
FRAGE ::: ENDLOSE
ENDEN hängen im
RAUM / die MENSCHEN
nicken ab und
zu STEHT einer; wo
ein GEDICHT steht ::: steht
kein HAUS nur die
HAUT fällt einem auf
wo ein HAUS
steht ::: steht kein GEDICHT und
die FETTESTEN Inseln haben
moderne SÄTZE / womit SIE SICH
ÜBER WASSER HALTEN

03.10.2015 Café Ritter / WIEN

Auch dieses Gedicht braucht die formale Aufarbeitung nur bedingt und auch nur, weil es ohne sie eher schwächelt. Angenommen ich habe Recht und Heisls Leichtigkeit, das Tänzerische und sein Nicht-Vorhanden-Sein waren einmal da, dann sind sie meiner Meinung nach durch die Überarbeitung weg und da es ein schlecht gelungenes Gedicht ist, ist es nun durch Mimikry vertarnt zu einem Interessantum. Es sieht so aus, dass Gedichte per Selbstzensur in Richtungen überarbeitet werden, denen man mehr Zuspruch zutraut und das gewünschte Modernitätsattest. Wenn ja, dann bewegen wir uns aber im Kosmetikbereich und verarschen die Leser. Nichts (naja, fast nichts) ist gewonnen, wenn wir nicht in den Inhalten aktuell und „modern“ sind und bspw. durch sie gezwungen, andersformal und anderslokal zu sein.

P.S.:
Das obige Gedicht in seiner konventionellen Form:

Wo ein Gedicht steht, steht
kein Haus. Heimatlose
Versuche; wo ein Gedicht
steht, steht keine
Frage, endlose
Enden hängen im
Raum. Die Menschen
nicken ab und
zu steht einer; wo
ein Gedicht steht, steht
kein Haus nur die
Haut fällt einem auf
wo ein Haus
steht, steht kein Gedicht und
die fettesten Inseln haben
moderne Sätze, womit sie sich
über Wasser halten

*

Ich habe versucht aus diesen Sätzen etwas herauszupicken, und einen Abschlusssatz für diese Rezension daraus zu entwickeln, der ebenso ohne formale Zutaten auskommt, aber die Heislsche Grundidee des ganzen Buches wiedergibt:

Ein Ich schreibt diese
Gedichte beim Reisen
sie probieren ein
besonderes Zuhause:
das endlose Hängen
im Raum.

Und wenn ich (als ein mögliches Ich und nicht stellvertretend für Heisl) unbedingt Arbeit in die Form investieren möchte, sofern ich diesem Satz nicht traute, käme ich vielleicht hier heraus:

Geh, frag Triolen!

::: Ein Ich SCHREIbt diese
Gedichte beim rEISen
sie probieren ein, sie probieren aus
ein besonderes ZuhAUSe:::
das endlose Hängen
im Raum ::: Der Auf-
TRIEB - das Fett
der modernen Sterne:::
den AufTRAG entfernen.
Schrei / Eis / Aus / Trieb / Trag.

Und genau hier würde eine weiterer innerautorlicher Diskurs anheben, zeitlich nicht wirklich eingrenzbar (das kann bei manchen Gedichten über Jahre gehen): Muss das sein? Warum und wieso würde ich dieses so und nicht anders tun wollen. Was darin würde mich als Geschehnis überzeugen. Würde darin noch meine ursprüngliche Intention, zu sagen, dass Gedichte frei von mir im Raum hängen und ein entschlacktes Eigenleben führen (sollen), sichtbar sein, oder wäre diese komplett aufgefressen vom Zuviel des Ganzen, Zuviel des weniger Guten. Reicht die Raffinesse, die ich übe, um die Idee zu befördern oder schränkt sie das doch eher ein, und kettet Text und Idee additionell Subtexte und Subideen an, rüstet Behängsel nach, so dass am Ende das Gedicht selbst ein Musterbeispiel dafür wäre, wie man es NICHT machen sollte, wenn man die zugrundeliegende Poetologie ernst nimmt: plötzlich hängt nichts mehr frei, sondern ächzt unter der Last des Beiwerks.

Mit so einer Frage ist jeder Autor allein und nicht immer fallen die Antworten eindeutig aus. Im Falle von Heisls Texten möchte ich den Overload attestieren: sie wurden im Nachgang auf eine Weise beschwert, die ihnen nicht gut tut. Oder wie die Verkehrsordnung sagt: das zulässige Gesamtgewicht wurde überschritten. Sie scheinen auch einer romantischen Fehleinschätzung zu entstammen: man muß nicht in Vilnius, New York oder Paris sein – sondern unterwegs. Und unterwegs ist man im Kopf egal wo. Ich bin es bevorzugt im Zuhause. Und man muss nicht klischiert im Café sitzen, um Gedichte zu schreiben. Ich empfehle den Abwasch zu erledigen oder den Komposthaufen umzusetzen, um Stoff zu entdecken. Was auch was bringt: fremde Gedichte lesen und sich und sie einlassen.

24./25.05.2018 Bett, Schneidersitz, Klingenberg am Main.

Heinz D. Heisl · Erwin Uhrmann (Hg.)
wir haben leider Diebe im Haus / Gedichte
Limbus Verlag
2018 · 120 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-99039-125-9

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