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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Eine notwendig unvollständige Annäherung an ein Buch, das unerschöpflich ist

Hamburg

Eine Besprechung ist vielleicht auch eine Art der Übersetzung. Oder aber es ist gerade dieser Anspruch, der eine Rezension unmöglich macht.

Claudia Simma hat Hélène Cixous 2014 in Frankreich erschienenes Buch „Homère est morte...“1, für den Passagen Verlag2 umsichtig und stimmig übersetzt, trotz des Bewusstseins, dass gerade die besondere Herangehensweise von Cixous an Sprache und Schrift, die dem Klang häufig den Vorrang vor der Bezeichnung einräumt, und auf diese Weise immer wieder neue Verbindungen, neue Entdeckungen ermöglicht, nur unter Hinnahme vieler Verluste in eine andere Sprache übertragen werden kann. In Absprache mit Cixous hat Simma versucht, dem Verlust der besonderen Körperlichkeit des Textes mit Zeichen entgegenzuwirken, die neben erklärenden Fußnoten ein wenig von dem sichtbar machen sollen, was eigentlich an die französische Sprache des Originals gebunden ist. 

All diesen Fährnissen zum Trotz, ist es ein überwältigendes Buch und vielleicht sogar so etwas wie ein Grundlagenwerk zur Übersetzung. Der Übersetzung der größten und grundlegendsten Überfahrt überhaupt, derjenigen aus der sich alle weiteren Übertragungen ableiten, aus der sie hervorgehen; dem Übergang vom Leben zum Tod.

Und so ist „Meine Homère ist tot...“ Übersetzung, Ausgrabung und Verwandlung. Metamorphose. Eine Geschichte, die alle anderen Geschichten in sich birgt. Ein Buch, das nur eine Autorin schreiben kann, die es versteht, konzentriert überzufließen. Wenn das aber gelingt, und Hélène Cixous gelingt es, entsteht etwas, das nicht weniger ist als der Mythos von der Geburt der Schrift (als Überlieferung) aus dem Verlust eines geliebten Menschen heraus. Erzählt aus weiblicher Sicht.

Wobei in diesem besonderen Fall, der Tod eine unsichtbare, zugleich kriegerische und wohlwollende Macht ist. Und eine Frau.

„Meine Homère ist tot...“ erzählt die Odyssee, einer labyrinthischen und unvergleichlich existentiellen Reise. Die Heldin ist 103 Jahre alt, auf dem langen Weg in den Tod begleitet von ihrer Tochter, die die Hoffnung verliert und Worte findet, das Verschwinden notiert, immer wieder Mut schöpft, mit unermüdlicher Liebe der sterbenden Mutter nicht von der Seite weicht. Einer Mutter, der sie selbst Vater und Mutter wird, während sie gleichzeitig alles genau beobachtet, sich genauso wie die sterbende Mutter. Ebenso zärtlich wie grausam legt Ciros darüber Rechenschaft ab, wie die Sinne schwinden, der Wille zunehmend undeutlicher, unartikulierbarer wird, wie der Körper zerfällt und das Leben dennoch nicht weicht, auf sein Recht beharrt. Für dieses zuweilen quälende Protokoll findet Ciros Sätze, die ganze Geschichten enthalten: „Und dennoch weisen die Tage seit Sonntag 13. Januar eine starke Persönlichkeit auf“, schreibt sie, oder: „Im ’Theater der Welt’ gibt es eines meiner Leben das seine/meine Geschäfte verrichtet, während sich die Seele-Hélène in der gewundenen Furche der Sterblichkeit abmüht.“ Ciros findet eine nicht nur angemessene, sondern gleichsam öffnende, transformierende, Form für diesen intensiven, traurigen, sehr bewusst erlebten Abschied. „Das ist Tod, sagt mein Sohn. Ein jäher Sturz in Zeitlupe.“ Jeder Kleinigkeit verleiht sie Würde.

Und verschweigt nichts. Nicht die Zumutung, die es immer wieder aufs Neue darstellt, dem Tod, dem Sterben zu begegnen. „[...] man spürt jede von den abertausend letzten Sekunden nicht vergehen, sondern bersten, brechen.“ Nicht die Ohnmacht, nicht die Überforderung angesichts der Notwendigkeit und Unmöglichkeit lesen zu müssen, was der sterbende Mensch braucht und will. „Schlussendlich sage ich mir ich habe Botschaften in Empfang genommen, die ich nicht zu übersetzen weiß. Schlecht im Übersetzen. All diese Botschaften antworten mit Fragen. Ich mache einen kleinen Zug aus Eves Lied: Wohngehnwir wirgehnwohin wirgehnwohinwirgehn. Oder dann übersetze ich „folgsam“: „Eve verlischt“. Aber im selben Augenblick verlischt der Satz unter einer Bilderflut: [...]“

Diese Zumutung immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen, die zu groß sind, um sie allein fällen zu können, die einem aber niemand abnehmen kann.

Dennoch ist dieses Buch ein Buch über Schönheit und Schrecken, Angst und Liebe, Verantwortung und Überforderung. Und über die Schwierigkeiten Begleiterin zu sein auf einer endlosen Reise, deren Ausgang gewiss ist, während der Weg dorthin durch ein undurchdringbares Labyrinth führt. Es gibt keine klaren Pfade und Gedanken, alles ist irreführend und verirrt. Zur Ausweglosigkeit gesellt sich die Angst. Und die Tochter entscheidet das einzige zu tun, was man tun kann: „Ich durchquere die Angst mit ihr.“ [...] „ So gehen wir weiter, in Sturmböen, Schattierungen der Finsternis, ich habe Schlüssel sehe aber keine Tür, Wahrheiten schlagen zu, NOT-WENDIG! und ziehen sich wieder zurück.“

„Zuerst hört das Schreckliche auf schrecklich zu sein und wird vertraut. Man nimmt die Veränderung entgegen. Und dann vergisst man. Ich will nicht vergessen.“ Darum notiert Hélène Cixous die „Ereignisse“ der Tage mit Eve in ein Heft. Und findet immer wieder Worte für das womöglich am schwersten zu fassende Paradox des Lebens: „Das Leben stellt sich tot. Tod bewegt sich rastlos.“

Während die Mutter „ihren Sargkörper macht“ leidet die Tochter, während der Reise, aber mehr noch nach der Reise. Als Zurückgebliebene, allein gelassen mit der Endgültigkeit der Trauer und dem gleichzeitigen hartnäckigen Versuch „zu sehen, was die Toten verbergen.“ Einer Verzweiflung ausgesetzt, die stärker ist als die Realität. So dass die Trauernde sowohl sich selbst als auch die andere, die Sterbende, verliert in diesem „unheimlichen“ Zwischenreich zwischen nicht mehr leben und noch nicht tot sein. Bei Cixous klingt das so: „[...] so schnell so langsam verging ich, überging mich [...]“

Die Mutter, als Hebamme „Erfinderin“ der „schmerzfreien Geburt“, kann lange nicht sterben. „Wie kann man leben was nicht Leben ist, das kann ichnich, sagt sich meine Mutter. Leben kann sie. Aber das Andere? Das zu keinem Gelingen kommt, das sie wie besudelte Stofffetzen schleift.“ Und so bleibt Cixous gefangen, der ratlosen Rastlosigkeit ausgesetzt: „Was tun wir? Was sollen wir tun? Wir machen weiter, blind, und hüpfen von Angst zu Bange.“

Dieses Buch übersteigt meinen Horizont, das, was ich erfassen kann, und letztendlich muss es wohl so sein, bei einer Reise, die schmerzhaft lange durch das Grenzgebiet zwischen Leben und Tod irrt. Einer Reise von der es Erzählungen, Mythen, Berichte gibt, und die für jeden so einmalig ist, dass niemand sich darauf vorbereiten kann. Weder auf das eigene noch auf das Sterben der anderen.

Das eigene „ich“, das Selbstbild, Glaubwürdigkeit und Vernunft verlieren sich so sehr im uferlosen Sterben der anderen, dass nur noch das Papier Glaubwürdigkeit beanspruchen kann, nicht länger das Selbst: „Ich verliere mich jeden Tag aus den Augen, schreibe ich am 18. Juni ich irre, bin nicht die ich gestern war, lenke mich über das Heft, das Papier ist glaubwürdig, ich nicht. [...] Ich täusche mich, sage ich zu meiner Tochter. Ich bin zweifelhaft geworden. Der Zweifel breitet sich aus, überall steigt sein Geruch nach Verbrechen auf.“

Gegen Zweifel und Ich-Verlust hilft nur Schreiben. Schreiben, um weitermachen zu können, um zu verschwinden im Schreiben, um dann zurückkehren zu können, zum veränderten Schreiben, dem Schreiben, das der Schrift Fragen stellt. Dem Aufgezeichneten verschrieben sein, und ihm aus exakt diesem Grund misstrauen.

Dem in diesem Paradox verborgenen nachzuspüren, es sichtbar zu machen, ist, wie in jeder von Cixous Schriften, Auftrag und Ziel des Schreibens. So auch bei dieser einer unerschöpflichen Schöpfung, eingerahmt in die Notizen Eves, der Hebamme der schmerzlosen Geburt, bis zu ihrem schmerzhaft langem Sterben. Schreiben, um das Verhängnisvolle eines Abschieds (der nicht eintritt, während er längst eingetreten ist, der sich verschleiert und unsichtbar macht in seiner Klarheit) nicht nur auszuhalten, sondern sich dieser Erfahrung hinzugeben.

Und das alles in einer poetischen, bildreichen, kraftvollen Sprache voller Leidenschaft und Aufrichtigkeit. Eine Schrift, die imstande ist, den Leidenden aufzurichten, den unsichtbaren und unerträglichen Weg durch das Labyrinth von Stillstand und Unumkehrbarkeit nachzuzeichnen. Immer wieder gelingen Cixous brillante Formulierungen bei der Beschreibung von Schmerzpunkten. Gerade weil ungewiss bleibt, ob die Beschreibung den Schmerz lindert, überschreitet, oder vertieft. Die Schrift überführt den Schmerz in eine Form. Eine Form, die die Erkenntnis beinhaltet, „dass man nicht ohne Liebe lesen kann. Weist man den Text ab, kommt er dir nicht näher. Man muss gastfreundlich zu ihm sein.“3

Aber wie reich wird diese Gastfreundschaft belohnt, mit Inspiration, Irritation, zuweilen auch Überforderung. Am Ende aber überwiegt das Glück über die Schönheit der Sprache. Trotz allem. Allem zum Trotz.

  • 1. Abermals ein Buch über ihre Mutter, Eve, die sie in diesem Werk beim Sterben begleitet. Eve, die als Hebamme gearbeitet hat,  ist 103 Jahre alt geworden, das Buch speist sich schließlich sowohl aus Aufzeichnungen Eves, als aus denen ihrer Tochter. Cixous nennt Eve ausdrücklich als Co-Autorin.
  • 2. Nahezu jährlich erscheint eine Übersetzung von Hélène Cixous Schriften seit mittlerweile 12 Jahren im Passagen Verlag. „Meine Homère ist tot...“ ist bereits das 17! Buch von Cixous, das im österreichischen Passagen Verlag erschienen ist.
  • 3. Hélène Cixous in einem Interview mit Nils Markwardt in der Zeitung „Freitag“.
Hélène Cixous · Peter Engelmann (Hg.)
Meine Homère ist tot...
Übersetzt von Claudia Simma
Passagen Verlag
2019 · 208 Seiten · 25,60 Euro
ISBN:
9783709203248

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