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Kritik

„Verbannt und Verloren/Waren daheim.“

In der Sprache vereint: Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Eine Rekonstruktion ihrer Beziehung von Helmut Böttiger
Hamburg

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Diese Zeilen aus Corona (1948) von Paul Celan bilden das Zentrum für das poetische Zwiegespräch zwischen ihm und Ingeborg Bachmann, wie Literaturkritiker und Autor Helmut Böttiger in seiner umfassenden Studie herauszustellen versucht. In seiner Absicht, die Beziehung zwischen den beiden Dichtern der Nachkriegszeit nachzuzeichnen, halten ihre Gedichte als Illustrierung der von Krisen durchschüttelten Liebesgeschichte her. Der Briefwechsel Herzzeit zwischen Bachmann und Celan von 1948 bis 1967 bildet dabei das Gerüst, an dem Böttiger die unterschiedlichen Lebensphasen rekapituliert. 

Kennengelernt haben sie sich 1948 in Wien, sie als zweiundzwanzigjährige Studentin der Philosophie, er bereits als anerkannter Lyriker. Über die ersten sechs gemeinsamen Wochen in Wien weiß man nicht viel, nur in einem euphorischen Brief an ihre Eltern berichtet Bachmann, dass sich der junge Celan in sie verliebt und ihr Zimmer in ein Mohnfeld verwandelt habe. Diese erste glückliche Phase währt aber nicht lange, sind in Wien die Zeugnisse des weiter existierenden Antisemitismus und der nationalsozialistischen Ideologie doch noch zu deutlich, weshalb Celan nach Paris übersiedelt. Bachmann wird ihn besuchen, nach einem Monat müssen sie sich aber schon eingestehen, dass ein gemeinsames Leben nicht möglich ist.

Erst sieben Jahre später, 1957/1958 treffen sie sich zufällig bei einer Kölner Literaturtagung wieder; es muss es eine rauschhafte Begegnung gewesen sein, die besonders bei Celan Spuren hinterlassen wird. Er überschüttet Bachmann kurz danach mit überschwänglichen Liebesbekundungen und das Gedicht Köln, am Hof (Herzzeit, es stehn/die Geträumten für/die Mitternachtsziffer/(...)/Verbannt und Verloren/Waren daheim) entsteht. Aber auch diese Augenblickseuphorie ist nur von kurzer Dauer, Bachmann ist es diesmal, die der Realität Vorschub leistet und Celan beschwört, seine Frau Gisèle Celan-Lestrange und den gemeinsamen Sohn Eric nicht zu verlassen.

 Ich liebe dich und ich will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer.

Solche Zeugnisse einer inneren Zerrissenheit finden sich bei Bachmann mehrfach. „Aus dämonischen Gründen“ schienen sie nicht zueinander zu finden und wenn doch, nahmen sie sich „gegenseitig die Luft weg“. Gerade weil beide Leben und Dichtung als Einheit dachten, konnte ihre Zuneigung in der Realität keine Entsprechung finden und allein in der Poesie überleben. Zu groß war wohl auch das biographische Gefälle: Bachmanns Vater war Mitglied der NSDAP, unter der Celans Familie ermordet wurde. Ihre Schuldgefühle wird sie bis zum Ende nicht ablegen können, in Malina findet sich in der Legende „Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran“ eine Hommage an ihn, die auch an die Schicksalsschläge seiner Familie erinnert: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

Böttiger gelingt es auf sehr ertragreiche Weise, das dichterische Œuvre Bachmanns und Celans als Zwiegespräch zu lesen. Die Gedichte In Ägypten (Celan), Corona (Celan), Die gestundete Zeit (Bachmann) und Dunkles zu sagen (Bachmann) sind hier von zentralem Interesse. Er interpretiert sie als literarische Korrespondenz und kommt zu dem Schluss, dass sie eine „Privatmythologie“, eine „Geheimsprache der Liebe“ in ihr Werk miteinflechteten. Dieser innerlyrische Dialog ist von einer Sprache der Dunkelheit durchdrungen, das Gedicht Corona bilde den Schlüsseltext, den „Geheimcode der Liebe“. Man mag über eine solche Ausdrucksform dann doch etwas schmunzeln, liegt sie doch allzu fern von dem Sprachvokabular Bachmanns und Celans. Böttiger bedient sich in seiner Aufarbeitung einem einfach lesbaren Duktus, seine Thesen sind, trotz der eingehenden Gedichtanalysen, keine wissenschaftlichen Exegesen – und das müssen sie auch nicht.

Sein umfangreiches Wissen über die Gruppe 47 und das literarische Milieu der fünfziger und sechziger Jahre in Deutschland und Österreich ist dafür von umso größeren Wert, scheitern beide Dichter doch letztlich auch an den ersten Erscheinungsformen des gerade entstandenen „Literaturbetriebes“. Bachmann und Celan begegnen ihm nur mit großem Widerwillen, zu sehr leiden sie an den mitunter grausamen Auswüchsen, die Bachmann als eigene „Todesart“ deklariert. Für Celan ist schon der geschäftsmäßige Umgang von Literatur der Praxis der Gruppe 47 befremdlich, hat er doch in seiner rumänischen Heimatstadt Czernowitz und inmitten der surrealistischen Bohème in Bukarest einen behutsameren, persönlicheren Umgang mit der Poesie kennengelernt. Böttiger zeigt aber auch andere, widersprüchlichere Seiten Celans auf, lässt Stimmen von ehemaligen Bekannten zu Wort kommen, die ihm eine „narzisstische Eitelkeit“ attestieren und ihn etwa sagen hörten: „Ich nehme die Frauen wie Zigaretten, die ich ausrauche und wegwerfe.“ Sein widersprüchlicher Charakter wird dabei sehr genau entfaltet, nimmt er beispielsweise trotz hoher Sensibilität für antisemitische Strömungen Kontakt zu ehemals bekennenden Nationalsozialisten wie Ernst Jünger, Armin Mohler (Freund und Sekretär Ernst Jüngers), Rolf Schroers und nicht zuletzt zu Martin Heidegger auf.

Bei allem Respekt vor Böttigers detaillierter Recherchearbeit, wünscht man sich aber hier und da einen etwas vorsichtigeren Ton in seinen Formulierungen. So sieht er das frühe Wiener Leben von Bachmann vor allem durch die „neckisch-schlüpfrige Beziehung“ zu Hans Weigel definiert und glaubt zu wissen, dass sie zu einer Art Fetisch der Gruppe 47 wurde, gar in der „Figur der Circe (aus Homers Odyssee) assoziativ gefangen war“, weil sie eine Tagung am Cap Circeo organisierte, der Ort, an dem eben jener Mythos stattfand – solche Assoziationen scheinen dann doch etwas weit hergeholt. Die Stärke des Buches liegt vor allem in der literarischen Gegenüberstellung Bachmanns und Celans, deren Verbindungslinien von einem tiefen Dunkel gefärbt sind und die sich letztlich auch in ihren bis zum Lebensende schwierigen psychischen Dispositionen niederschlugen.

Helmut Böttiger
Wir sagen uns Dunkles / Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan
DVA
2017 · 272 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-421-04631-4

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