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Kritik

Transit, Ripper, Panikraum

Hamburg

Dieser Gedichtband umfasst, nebst "Interludien", drei lange Arbeiten, bei denen man nicht recht weiß, ob man von "Langgedichten" sprechen soll, von "Kapiteln" oder "Gesängen" … Gemeinsam ist ihnen jedenfalls, dass sie die Diskurs- und Realgeschichte(n) ihrer Gegenstände übereinanderlegen, also: auch außersprachliche Gegenstände haben.

"Russland-Transit", der erste dieser Abschnitte, umfasst Reisegedichte aus russischen Städten; einige mit Anmerkungen, die das Zustandekommen der verarbeiteten Privatdiskurse zum Gegenstand haben; und irgendwoher anders, wer weiß woher, kenne ich zumindest dieses eine Tagebau-Gedicht noch, "Tscheljabinsk", samt seinem bei Ernst Jünger (!) entlehnten Motto –

Das nächste Jahrhundert gehört den Titanen; die Götter verlieren weiter an Ansehen. (…)

und erinnere mich noch gut an meine Überraschung beim ersten Hören/Lesen angesichts dieses Ineinsfallens von allersowjetischst-optimistischem Gestus mit (ca.?) postmoderner Ironie:

dort die schaufelumkrümmende Hand, den Schnee wegräumend
dort die den Hammerschaft locker umfassende Hand, Eiszapfen abschlagend
dort die winkenden Hände, das Flugzeug einweisend
hier die Hand zum schattengebenden Schirm geformt. in der Sonne blinzelnd
hier die Finger spitz die Seiten des Passes blätternd
hier die Hände verknäult um ein richtiges Wort
 

und dann kam der August, o August und alles war hin
leuchtend betäubte Augen von Schnee oder Sprühregen, herabrieselnd

der Dichter Jannis Grantz an der Ziehanlage kontrolliert mit dem Auge Durchmesser und Oberflächenqualität des Sechskantprofils
die Dichterin Tatjana Semjan setzt die High-Speed-Spindel in Gang (Nutenkopf), rotierend mit 49.000 Umdrehungen pro Minute
die Dichterin Rimma Agliullina zieht mithilfe der Berstlafette das Berstgestänge zurück, die Altrohrleitung durch das Berstwerkzeug borstend und mit dem Aufweitkörper radial in das umgebende Erdreich verdrängend

der Dichter Alexander Bukasew justiert den rotierenden Glättdorn über die frei drehbare Stange auf der Auslaufseite des Schrägelwerkzeugs

(…)

Freilich steht man bei diesen "Transiten", wenn man dann mal die ganzen, umfangreichen Texte gelesen und das bloß-Sinnliche, das unmittelbar Narrative an ihnen absorbiert hat, vor der Frage, auf welche bestimmten historischen bzw. diskursgeschichtlichen Details oder Anekdoten sich dieses Sinnliche und diese Erzählsprengsel konkret beziehen. Zum Glück gilt: wo man in diesem Kapitel dann doch einen Anhaltspunkt bekommt – Kant'sches in Kaliningrad z. B., und immer die wie erwähnt angemerkten Privathistorien – erscheint das Verhältnis von Material zu manifestem Text vertrauenerweckend tragfähig, und wir überlassen uns Jackson dementsprechend gern auch anderswo.

(Ein längerer Exkurs wäre mal fällig, um dem Verdacht nachzugehen, dass diese ganz reibungslose Ubiquität schierer Information, die wir seit der digitalen Revolution erleben, die soziale Funktion der sog. schönen Literatur auf ähnliche Wiese verändert, wie es die Porträtfotografie mit der Malerei tat – wenn wir nicht zumindest die Option hätten, "Tscheljabinsk" zwischendrin zu googeln, gingen Formen wie die von Hendrik Jackson mit Vorliebe verwandten ins völlig Leere einer vergeblich unterstellten Allwissenheit.)

An "Jack the Ripp", dem zweite Großkapitel, missfällt mir persönlich seine heiter gestimmte Drastik, gegen die aber künstlerisch nichts zu sagen ist – es geht halt um das, was auch drübersteht, und es werden viktorianische Prostituiertenmorde als Spielvorgabe patriarchalen (Werte-Aus-)Handelns abgearbeitet. Die "einfachen", allesamt streng dreistrophigen Texte des Abschnitts erscheinen ein wenig küchen-, oder besser hollywoodpsychologisch – ob das Affirmation sein soll oder meta-mäßig lustig, macht für's Lesen kaum einen Unterschied – auch wenn sie ihren Gegenstand vor zunehmend geweitete (weltanschauliche, emotionale, wissensgeschichtliche …) Horizonte binden, und das sprachlich treffsicher. (Passend zur Küchenpsychologie sei die Frage erlaubt: Wählt Hendrik "Jack's Son" diese Zentralfigur absichtsvoll auch, um an ihr das ererbte Patriarchat ganz individuell exorzieren zu können?) Die Zwei "anhänglichen Kapriolen" des Kapitels klingen dann ganz anders. Sie erscheinen ungefähr als die Theorie zur demonstrierten Praxis, betreffend Gesellschaft und (bzw. "als") Forensik; und das abschließende "Pastiche in Cotten'scher Manier", ähem, es ist ein solches, und man darf schmunzeln.

Teil drei, der Titel gebende "Panikraum", ist eine inhaltlich geradezu barock anmutende (jedoch strikt im Prosagedicht-Stil des 21. Jahrhunderts abgefasste) Vanitas-Meditation; ein lyrischer, beinahe narrativer, jedenfalls auch gelehrter Katalog der Todesängste. Alles hier sitzt – wenn es auch vielleicht gar zu gemütlich in der inszenierten Unschärfe zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor sitzt, dem Ort einer lustvoll-"philosophischen" Betonung wirklich echter Echtheit der vordeklinierten Paniken. (Das wird von Jackson lobenswerterweise z. B. auch genutzt, um mit "dem Verfasser als Marktteilnehmer" auch das Verhältnis von textintrinsischem Kunstanspruch und extrinsischem Marktmechanismus in den Blick zu kriegen; die Panik als verwertbarer Gegenstand und so).

Insgesamt: erscheinen (mir) zwei dieser drei "Panikräume" ein wenig gar zu virtuos-elegant ausstaffiert, wenn man ihre Gegenstände bedenkt; aber das ist eine reine Geschmacksfrage, bzw. Jammern auf unleugbar hohem Niveau, und zuviel des Guten ist immer noch besser als zu wenig.

Hendrik Jackson
Panikraum
Umschlaggestaltung: Andreas Töpfer
kookbooks
2018 · 96 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3937445915

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