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Kritik

„kopfkinogebeutelt“

Henning Kreitels neuer Gedichtband „im stadtgehege“
Hamburg

Ob es so gelungen ist, einen Gedichtband mit einer Einführung beginnen zu lassen? Da benennt der Weimarer Stadtsoziologe Frank Eckardt in der stark verknappten, kontrastiven Lyrik von im stadtgehege, dem zweiten Gedichtband des Berliner Autors und Fotografen Henning Kreitel, „Momente und Empfindungen, die von Ambivalenz und schwieriger Aneignungsfähigkeit zeugen“. Damit ist zum Einstieg erst einmal wenig gesagt, zumal die „emotionale Achterbahnfahrt“ oder der ausgemachte „Schwebezustand“ von Berlin-Gedichten aus den 2010er Jahren wohl für die Großstadtlyrik der Moderne allgemein gelten können. Nicht ganz zufällig verweist Eckardt denn auch auf Franz Hessel und Georg Simmel als namhafte Erforscher des Berliner Großstadtlebens. Wobei Flaneure wie Benjamin, Kracauer oder Balázs in diesem Kontext ebenfalls zu nennen wären.

Doch was sind das nun für Gedichte, die Kreitel vorlegt? „bis zum äußersten / mit hoffnung gefüllt“ – so gehen wir ins gut 100-seitige Gedichtgehege hinein. Kurze, teils nur aus einem Wort bestehende Zeilen veranschaulichen eine extreme, individualistische Verlorenheit:

straßenleere
geräusche
wahnvisionen
wackelnder schatten
wird länger
irritierte drehung

 

nur ich

Es ist erstaunlich, wie selten dieses Ich in den Gedichten als solches benannt wird, obgleich es spürbar bleibt – „kopfkinogebeutelt“, „beim blick durch glücksglas“, „angespannt / im stadtgehege“. Die Texte scheinen durch ein intuitives, sehr spontanes Benennen etwas zum Ausdruck bringen zu wollen, was durchaus an einen soziologischen Blick denken lässt: „ewige rauputzumgebung“ von – mehr erahnbaren als reell beschriebenen – Wohnblöcken, „noch kalte stadtlandschaft / mit ersten sonnenstrahlen“, in der eine „segway-gruppe / auf erkundungstour“ geht. Dazu passen „partyverbrauchte gesichter / mit verknitterten tattoos“, das drollige Bild eines „u-bahn-tetris“, aus dem sich Wortungetüme formen lassen, „menschenbausteine / kaffeeschlürfen / im rhythmus des fahrers“. Trostlosigkeit „mit duftender döner-box“ oder „allein zu haus / beim dating-appen“, was, kaum verwunderlich, in „verzweifeltes taschtuchschwängern“ mündet.

Mit dieser Mischung aus Kürze und Kumulation ist Kreitel dem Ton des Urbanen unserer Zeit ganz sicher auf der Spur, fühlbar etwa im allzu bekannten „phlegma am smartphone / mit spielgesenktem kopf / wortlos aneinander vorbei“. Allein, es macht die Zeit nicht besser, und hier stößt auch Kreitels Expressionismus an seine Grenzen. Den aus den titel- und kapitellosen Texten recht leicht zu generierenden Zitatencollagen urbaner Ödnis lassen sich gleichwohl ungewöhnliche Metaphern und Beschreibungsansätze entgegenstellen, die wie Ausbruchsversuche wirken: „starr-stelzende immobilien / in funkelnden betonkrebskleidern“ versuchen die Hässlichkeiten einer allgegenwärtigen Investorenarchitektur zu bannen. Da erklingt ein „gleisfiepsendes wiegenlied“ während der schon kanonisch modernen S-Bahn-Fahrten, da sieht man „lustentkernte kiezbewohner / im verflogenen kaffeeduft“, wie sie unter „aufgestockten edeldächern“ hocken.

Wie gelungen diese lyrisch-reduktiven Versprachlichungen im Einzelnen geraten sind, mag jeder Leser für sich selbst herausfinden. Auf alle Fälle zeugen die Gedichte von im stadtgehege von einem schönen klanglich-rhythmischen Gespür. Und es finden sich auch poetische Miniaturen, die etwa in einer „galaxie aus kaugummis / auf dem bürgersteig“ eine „klebrige kosmonautenlandung inmitten / unbekannter sternbilder“, ja eine „astronomie der straße“ erkennen. Aus dem Vielgetön realer und virtueller Stadtwelten ragt bisweilen sogar ein „einsamer amselgesang / in der hinterhofkastanie“ hervor, wenngleich „im rauch einer e-zigarette“.

Dass Kreitels manchmal ein wenig August Strammsch daherkommender Kurzstil etwas Schnappschusshaftes hat, unterstreichen die vierzehn im Band verstreuten Cyanotypien, ohne die eine Würdigung dieser lyrischen Stadterkundung unvollständig bliebe. In einer Notiz am Ende des Bandes bezeichnet der professionelle Fotograf Kreitel seine bläulich unscharfen, verwunschenen Rückzugsorte in Berliner Parks als „Steckdosen“ im Großstadtstress – wohl für den „hirngenerator“, der „unaufhörlich brummt“?

Henning Kreitel
im stadtgehege
mitteldeutscher verlag
2019

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