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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Nordisch verflochten mit Europa

Hamburg

Oft liegt uns nichts ferner als das direkt Angrenzende: diese Binsenweisheit gilt auch für die Lyrik. Fragen Sie sich mal, wie viele Gedichte Schreibende dänischer Zunge Sie kennen? Inger Christensen (1935-2009) mag Ihnen da einfallen, die "größte Lyrikerin Dänemarks", wie die Herausgeber schreiben, von den Älteren vielleicht noch Thomas Kingo (1634-1703), der barocke Kirchenlieddichter, oder Jens Peter Jacobsen (1847-1885), der freilich hierzulande für seinen Rilke inspirierenden Roman "Niels Lyhne" viel bekannter ist als für seine Gedichte. Dass auch berühmte Persönlichkeiten wie der Märchendichter Hans Christian Andersen oder der Astronom Tycho Brahe Gedichte verfassten, dürfte dagegen schon weniger tief durchgedrungen sein. Und die Vielzahl der Namen, die prägend für die Entwicklung der dänischen Lyrik waren und sind, ging wohl bisher weitgehend komplett an der Rezeption eines deutschen Publikums vorbei.

Diesem Missstand abzuhelfen haben Peter Urban-Halle, deutscher Skandinavist, Übersetzer und Literaturkritiker und Henning Vangsgaard, Germanist und Übersetzer aus Dänemark sich zu einer gewaltigen Aufgabe zusammengefunden: zu einer "Vorstellung der Lyrik eine ganzen Landes aller Zeiten, was als Projekt schon anmaßend ist", wie Urban-Halle im Nachwort zugibt, zugleich aber darauf hinweist, ___STEADY_PAYWALL___dass mit der dänisch-deutschen Doppelsicht auf die Gedichtauswahl ein eher ungezwungenes Element Eingang findet; dass es nicht in erster Linie um eine Kanonisierung von Texten geht, sondern um "die guten Gedichte [...] die uns weiterhin seelisch und intellektuell beschäftigen, packen, ergreifen". Das Endergebnis konnte Mitherausgeber Henning Vangsgaard leider nicht mehr erleben, er verstarb 2018.

"Licht überm Land" ist mit Anhängen fast fünfhundert Seiten stark. Wie sich dieser Überfülle an Material nähern? Einen interessanten Einstieg bilden die kleinen Biografien der Dichtenden am Ende des Bandes, die Urban-Halle und Vangsgaard zur Charakterisierung der von ihnen vorgestellten lyrischen Schar verfasst haben. In ihnen geht es weniger um die großen, prägenden Lebensdaten, Werke und Preise, sondern ganz häufig um kleine charakteristische Details ihres Lebens, Denkens und Schaffens, die neugierig machen auf ihre Gedichte - der Verweis mit Seitenzahl schließt sich an, und so finden interessierte Lesende auch zu Versen, deren Verfassende ihnen bis dahin unbekannt waren - und das dürften auch bei einem vielseitig interessierten deutschen Publikum die allermeisten sein.

Das Versprechen, den Entwicklungsweg der dänischen Lyrik seit dem Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert nachzuzeichnen, halten die beiden Herausgeber ein. Dennoch räumen sie den Epochen vor 1900 nur rund einhundert Seiten ein, auf dreihundert weiteren breiten sie die vielfältigen Ausprägungen der letzten einhundertzwanzig Jahre aus. Die Gewichtung ist eindeutig, und vielleicht ist das auch gut so, denn leicht hätte sonst eben doch der Eindruck entstehen können, das Werk habe in erster Linie den Transport einer festgezimmerten dänischen Nationalliteratur zum Zweck. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, "Licht überm Land" reiht sich in eine aufwändig produzierte Folge hanserscher Trans-Tellerrand-Literatur ein, die im letzten Jahr mit dem Band über die junge Lyrik Europas, "Grand Tour" betitelt, in ganz ähnlicher Aufmachung debütierte - auf weitere Werke dieser Art wäre zu hoffen.

Je näher die Auswahl der Gedichte der Gegenwart kommt, desto mehr weibliche Stimmen mischen sich auch unter die lyrischen Wortmeldungen - ähnlich wie in der deutschen Literatur gab es in den vergangenen Jahrhunderten nur vergleichsweise wenige Frauen, deren Werke Eingang in den männlich dominierten literarischen Kanon fanden; und wenn, so waren es vor allem gesellschaftlich herausragende Persönlichkeiten wie etwa Leonora Christina Gräfin Uhlfeldt (1621-1698), die Tochter König Christians IV. So finden sich die allermeisten Lyrikerinnen auch erst in den jüngsten Veröffentlichungen - durchweg mit großem poetischen Zugewinn für die Leserschaft.

Wie eng die traditionelle Verbundenheit der dänisch-deutschen Kulturräume seit jeher ist, belegen zahlreiche literarische und gesellschaftliche Verflechtungen. So wirkte Klopstock mit Unterbrechungen insgesamt 19 Jahre in Kopenhagen, der dänische Dichter Jens Baggesen (ebenfalls mit einigen Gedichten in Licht überm Land vertreten) erwirkte bei seinem König ein dreijähriges Stipendium für den schwer erkrankten Schiller, und auch Hebbel wurde eine zeitlang von dänischen Adligen unterstützt; andererseits hatten Andersen, Kierkegaard und Jacobsen ihre schriftstellerischen Durchbrüche in Deutschland. Goethes Erlkönig ist von einer mittelalterlichen Ballade, Erlkönigs Tochter, seinerzeit von Herder ins Deutsche übertragen, inspiriert. Und auch heute sind Themen und ihre lyrische Verarbeitung sich in beiden Sprachräumen durchaus nah: eine Generation Mitte dreißig, die ihre Väter als "backpfeifendes wirrwarr" empfindet (Bjørn Rasmussen, geboren 1983) und der eine Rose "schön wie eine Aufenthaltsgenehmigung" erscheint (Julie Sten-Knudsen, geboren 1984), hat offensichtlich so manche Entsprechung zu ihrer Altersgruppe auch im deutschsprachigen Europa.

Die Übersetzungen ins und aus dem Dänischen haben ebenfalls eine lange Tradition. Für den vorliegenden Band haben Urban-Halle und Vangsgaard sich neben bestehenden Übertragungen vergangener Zeiten auch der Mitarbeit einer erlesenen Gemeinde fachkundiger Geister versichert, zu der u.a. der Lyriker und Literaturwissenschaftler Heinrich Detering und die Skandinavistin und Sprachwissenschaftlerin Monica Wenusch zählen.

Vor welchen Problemen Übersetzende mitunter stehen, mag ein kleines Detail am Rande aus dem Gedicht Das Fenster von Lars Skinnebach (geboren 1973) illustrieren, dessen letzte beide Zeilen lauten: "som den næsten unsynlige forskel / mellem døden og døren", in Wenuschs Übersetzung: "wie der beinah unsichtbare Unterschied / zwischen Tod und Tür". Im Dänischen unterscheiden sich beide Worte tatsächlich nur um einen Buchstaben, im Deutschen stützt sich die semantische Plausibilität der Verse vor allem auf den metaphorischen Hintergrund und die Alliteration (die beide im Dänischen natürlich ebenfalls vorhanden sind). Winzige rezeptive Verschiebungen zwischen den Sprachen können so die Folge noch der bestmöglichen Übersetzung sein.

Manchmal hilft ja auch die Zeichensprache der Mathematik beim Verständnis fremdsprachlicher Gedichte, wie etwa im Falle von Simon Grotrian (geboren 1961), dessen "Schwäne durch Tränen gesehen" sich folgendermaßen präsentiert:

 

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Was ein solcher verschwenderisch ausgestatteter und mit nicht allzu viel Aussicht auf reißenden Absatz zusammengestellter Band leisten kann, mag man sich fragen. Die Antwort ist relativ klar:  den poetischen Aufschluss einer Nation, die ein kleiner, aber umso wichtigerer Teil Europas ist. Für 36 Euro erhält die interessierte deutschsprachige Lesegemeinde einen lebendigen Einblick in die lyrische Tradition und Moderne eines Landes, das zu Unrecht nur am Rande unseres Blickfeldes existiert.

 

Henning Vangsgaard (Hg.) · Peter Urban-Halle (Hg.)
Licht überm Land / Dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute
Hanser Verlage
2020 · 488 Seiten · 36,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26626-1

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