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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Zaubernusssträucher und Kanu-Birke

Hamburg

Im vierten Band von Henry David Thoreaus monumentaler Tagebuchausgabe beginnt es mit Einträgen Bruegelscher Winterbilder. Schneemassen, Stürme und Wolken verändern die Landschaft, und Walden Pond Bewohner Thoreau folgt ihnen wie ein durstiges Kind. Seine Einträge wechseln wild vom Beschreiben des Vorgefundenen zu Abschweifungen deviantester Art, "ich mag das unwissenschaftliche Wissen". Bücher wie Snorri Sturlusons Nordische Chroniken aus dem 12. Jahrhundert haben es ihm genauso angetan wie Landwirtschaftsberichte zu den Morgen-Land-Erträgen zu Concord. Wie Übersetzer Rainer G. Schmidt in einer editorischen Notiz feststellt, werden "die Einträge immer umfangreicher und interessanter [...] und entwickeln sich bisweilen zur Form langer Prosagedichte, die man ungern unterbricht."

Thoreaus Autorenethos vergewissert sich seiner selbst in Bemerkungen wie:

Tatsachen fallen vom dichterischen Beobachter wie reife Samen herab [...] In ein Tagebuch soll nie ein Scherz gelangen! Für den Ernsten gibt es nichts Lächerliches.

Wir erfahren von seinen Wanderungen, den Bergerklimmungen, den ab und an stattfindenden "Jobs" als Landvermesser und der Hingabe an sinnliche Reizerfahrungen, von denen, wie das interessante Nachwort von Ruth Young bemerkt, eine erstaunliche Affinität zum Hörerlerbnis Klang ausgeht. Mit seltener Offenheit drückt der Einsiedler seine Vorliebe sowohl für das omnipräsente Vogelkonzert, die Knisterungen von Wald und Wiese aus, als auch für die "Telegraphenharfe", das noch immer neue Instrument der einziehenden Telekommunikation, die Thoreau nicht müde wird zu beschreiben – und zwar als Klangmotor. Dies, und nicht nur sein genereller Nonkonformismus, habe ihn zu einem erklärten Inspirator und Geistesverwandten John Cages gemacht, der sich wiederholt auf ihn bezog und in dessen Konzeptkompositionen sich mehr als deutlich Hinweise auf die thoreausche spielerische Offenheit und Experimentierlust der Sinne finden.

Doch schließlich, wenn ein unerkennbares Lüftchen weht, wenn Bedingungen eintreten, die nicht leicht zu entdecken sind, schwillt sie [die Telegraphenharfe] plötzlich und unerwartet zur Melodie an, als hätte ein Gott sie berührt, und glücklich ist der Spaziergänger, der zufällig in Hörweite ist. [...] Natur schwelgt nie in Ausrufen, sagt nie Ah! oder Ach! Sie ist nicht französischer Herkunft. Sie ist ein schlichter Schriftsteller [...]

Neben den Beobachtungen der dinglichen Umgebung finden sich wie gewohnt interessante Porträts der Mitmenschen Thoreaus, die wie der Ko-Einsiedler Bill Wheeler, "mit Klumpen statt Füßen" und einem Besitz weniger "als Diogenes", wissend ihrem Ende im Winter entgegendämmern, um deren (unter Philosophie-Verdacht stehende) Gedankenwelt sie Thoreau beneidet; aber auch Kimball von Littleton, dem "Riesen", über den sich der Autor wiederum erstaunlich unoffen wundert, "dass dieser überhaupt dem menschlichen Geschlecht angehöre". Die Widersprüchlichkeit ist Teil eines nicht nur charakterlichen Habitus, sie ist präsent in beinahe jedem Eintrag dieses selbstinitiierten Mönches solitärer Keuschheit und Ich-Kirche außerhalb der Zivilisation.

Ich kenne einen Mann, der immer nur scherzhaft von der geschlechtlichen Beziehung spricht, obwohl sie ein Gegenstand ist, dem man sich nur mit Hochachtung und Zuneigung nähern soll. Wie kann die Liebe eines solchen Mannes beschaffen sein?

[...]

Wenn ich zu kühl für menschliche Freundschaft bin, so hoffe ich, dass ich nicht bald zu kühl für natürliche Einflüsse sein werde. Es scheint ein Gesetz zu sein, dass man keine tiefe Sympathie für Mensch und Natur zugleich haben kann. Solche Eigenschaften, die dich dem näherbringen, entfremden dich der anderen.

Auch Band IV der Reihe ist sorgfältig editiert, der Anmerkungsapparat ist ein schon fast frech gehaltener Kommentar auf Thoreaus absichtlich eckig gehaltene Mischung aus Borniertheit und prometheischem Lebenskunstwerk.

Henry David Thoreau
Tagebuch IV
Übersetzung:
Rainer G. Schmidt
Ruth Young
Matthes und Seitz Berlin
2019 · 368 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-173-1

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