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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
Kritik

Zugefallenes gestalten.

Herta Müllers neue Collagen aus Text und Bild
Hamburg

Schere, Papier, Klebstoff – und viele Zeitungen und Zeitschriften: Mehr braucht Herta Müller nicht, um ihre Collagen zu produzieren. „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ heißt ihr neuster Band mit insgesamt 117 Beispielen für diese eigentümliche Spielart der kleinen literarischen Form. Die Collagen bestehen jeweils aus Bildelement und Text. Sie weisen Eigenschaften sowohl von Lyrik (Reime und Assonanzen, aber auch rhythmisierte, oft dipodische Sprache) wie auch von Prosa auf: letzteres etwa deshalb, weil die einzelnen Zeilen optisch in der Regel den Eindruck von Blocksatz hervorrufen. Das Ergebnis von Müllers Arbeit findet dann auf einer Postkarte Platz.

Solche Text-Bild-Collagen stellt Herta Müller schon länger her: Sie wurden in Buchform oder als Loseblattsammlungen veröffentlicht. Man kann sie in Ausstellungen bewundern oder einzeln als Plakate kaufen. Was weniger bekannt sein dürfte: Unter dem Titel „Este sau nu este Ion“ (2005) liegt auch eine Sammlung von Postkarten in rumänischer Sprache vor. Neben den Collagen existiert noch eine Art Paratext dazu: ein zweites Textkorpus, in dem Herta Müller ihre Collagen kommentiert. Das kann außerhalb des konkreten Bandes geschehen, etwa in Interviews, in Äußerungen bei Lesungen, in poetologischen Texten, in Essays usw. Oder aber die Autorin nimmt direkt in einem gegebenen Band selbst Stellung. Im vorliegenden Fall ist dies ein fünfseitiges Vorwort unter dem Titel „Das Echo im Kopf“, worin die Autorin noch einmal knapp, übersichtlich und gut nachvollziehbar schildert, wie sie auf diese Gattung gekommen ist und welche Bedeutung sie für sie hat.

Gegenüber dem letzten Band gesammelter Collagen, „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ (2005), sind die Texte tendenziell etwas kürzer geworden. Auch sonst lassen sich ein paar Unterschiede ausmachen: Fehlten im vorangegangenen Band Satzzeichen ganz, so druckt Müller nun hie und da ein Komma mit ab – und dies interessanterweise oft am Schluss einer Collage. Selten tauchen auch ein Bindestrich oder ein Fragezeichen auf. Wenn man genauer hinsieht, entdeckt man bei den einzelnen Wörtern nun jeweils unten und rechts einen grauen Schatten. Hier drängt sich die Frage auf, ob die Collagen nicht in der einen oder anderen Form am Computer bearbeitet worden sind. Das wäre nicht an und für sich ein Problem, stellte dann aber doch noch einmal neue Fragen zum Produktionsprozess und letztlich auch zum Verständnis dieser Werke.

Eine der reizendsten Fragen, die man an solche Collagen stellen kann, lautet: Wenn sich die Wörter quasi selber vorschlagen – worin liegt dann eigentlich die Arbeit der Autorin? – Nun, Herta Müller muss die Wörter immer noch aus einer inzwischen gewaltig angewachsenen Menge auswählen, sie dann anordnen und letztlich in eine Abfolge bringen, um die Entstehung von Bedeutung zu ermöglichen. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Autorin ihr Material ganz bewusst strukturiert: Sie schafft Assonanzen, bildet Reime aus, die allerdings meist nicht am Ende der Zeilen, sondern mittendrin zu stehen kommen. Müller wendet überdies syntaktische Verfahren an. Reihungen, Aufzählungen und Parallelismen, aber auch gliedernde Strukturen wie etwa „früher“ / „später“ oder Verortungen der Texte („gleich um die ecke“; „am weg“) tragen dazu bei, dass sich in den Collagen ein Narrativ entwickeln kann. Das Schreiben wurde in der Poetik immer auch als Handwerk verstanden: Bei Herta Müllers Collagen treten freilich andere Aspekte des Handwerklichen in den Vordergrund, und zwar das reale „Hantieren“ mit Schere, Leim, Papier. Das ist stets auch eine sinnliche, haptische Arbeit, was dann seinerseits wiederum die Lektüre durch die Rezipienten mitprägt.

Eine weitere Frage liegt nahe: Wie entsteht in solchen Collagen Sinn, Bedeutung? – Man läge falsch, wollte man Herta Müllers Collagen einfach als Produkte des Zufalls verstehen. Die ordnende Hand einer Autorin ist ständig zu spüren. Die Wörter mögen ihr zufallen, nicht aber die Bedeutung der einzelnen Postkarte an sich. Auch wenn sich die Wörter selbst vorschlagen mögen: Es hätte doch immer auch anders kommen können! Die Texte entstehen auch deswegen nicht aus dem Nichts, weil man durchaus Folien festmachen kann, einen konkreten Hintergrund, auf den sie sich beziehen. So beginnt eine Postkarte mit den Worten „Ach gezacktes Brombeerblatt“. Solche Anrufungen von Blättern sind typisch für die Doina, das rumänische Volkslied, über das Herta Müller übrigens an anderer Stelle geschrieben hat (nämlich im Essay „Welt, Welt, Schwester Welt“). Sie beschwören sogleich eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre herauf, auf der sich das Nachfolgende dann entwickeln kann.

Wovon aber handeln Herta Müllers neue Texte? – Da jede einzelne der 117 Collagen für sich ein abgeschlossenes Kunstwerk darstellt, kann man diese Frage nicht generell beantworten. Trotzdem erhält man eine Ahnung, wenn man die wiederkehrenden Themen auch nur ansatzweise, und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, auflistet: Heimat und Heimweh; Koffer, Reisen und Abreisen; Grenze, Beamter, Polizist; Einsamkeit, Melancholie und Fremdsein; Brot und Milch; Birnen, Kirschen, Pflaumen; Schaf, Schwalbe; Zeit, Tag, Nacht, Sonne und Mond; Stadt und Land; Schnee; Augen und Sehen; Mutter und Vater; Angst und Furcht. – Das sind im Übrigen fast alles Elemente, die man auch in Herta Müllers Romanen finden kann. Nicht immer sehr direkt, aber doch zumindest mittelbar geht es dabei auch um die Biographie der Autorin: ihre Kindheit im kommunistischen Rumänien, Diktatur und Totalitarismus, Erfahrungen wie Flucht und Unterwegssein. Hierzu ein Beispiel, wobei natürlich in der folgenden Wiedergabe das Bildelement sowie die farbliche und optische Komponente der Wörter zwangsläufig wegfallen müssen:

gegen den Hunger erzählte
die Mutter mir und dem
Bruder als Kind ein
großes Stück Brot das
überall aufhört und
nirgends beginnt

Eindrücklicher kann man den Mangel und den vergeblichen Kampf dagegen wohl kaum in Worte fassen! Man fühlt sich hier im Übrigen an den Roman „Atemschaukel“ (2009) erinnert, worin der Hunger ja eines der zentralen Themen darstellt.

Bedeutung erwächst bei Herta Müller auch dadurch, dass ihre Collagen oft eine gnomische Tendenz aufweisen, einen Hang zum Aphorismus, zu verallgemeinernden Aussagen. (Auch das verbindet diese Texte im Übrigen mit den Romanen). So beginnt etwa eine Postkarte mit den Worten: „Heimat ist ein zärtliches Gespenst“. Anderswo steht: „Flucht ist die siebenundachtzigste Version von Heimat“. In einer weiteren Collage findet sich der Gedanke: Heimat wohnt am Horizont. Betrachtet man alle diese Stellen gemeinsam, dann ergibt sich so etwas wie eine Annährung an das Konzept von „Heimat“. – Ein anderes Beispiel: Eine Aussage wie „Die hölzernen Sätze fingen an mit einem Umgehungsplan“ kann auch metapoetisch gedeutet werden. Solche Stellen sind allesamt Verdichtungen, Zuspitzungen, die dann zum weiteren Nachdenken anregen. Meist sind die Collagen im Präsens verfasst, was die Tendenz zum Spruchhaften zusätzlich befördert. Hie und da wird ein Text als ganzes zu einer Art Sentenz:

im Winter sind die
nackten Birnbäume
Geschwister
im Sommer
Einzelkinder

Das ist dann zugleich eine kondensierte Beobachtung der Natur, ein gehaltvolles Aperçu.

Manchmal haben die Collagen etwas Flirrendes, Flackerndes an sich. Im ersten Moment erahnt man ihren „Sinn“ eher, als dass man ihn mit dem Verstand erfassen könnte. Daher kann, ja sollte man Herta Müllers Collagen jeweils unbedingt mehrere Male lesen, und dies am besten einzeln, jedenfalls nicht in allzu großen Portionen: Stets fallen einem dann andere Einzelheiten auf, die neue Bezüge ermöglichen.  

Herta Müllers Text-Bild-Collagen kommen daher wie Erpresserbriefe. Das sind sie freilich nicht. Aber sie sind Einladungen zur Lektüre. Bild und Text spielen in ihnen zusammen, die Wörter haben unterschiedliche Größe, Farbe und Schrift. Die Collagen sind sinnlich, spielerisch und sprachschöpferisch („Heimwehgift“, „Jalousien-Dirigent“) und stets inspirierend. Grandios ist die Fähigkeit der Autorin zur Verdichtung, was ein letztes Textbeispiel unterstreichen mag. Darin ist alles komprimiert – Vergänglichkeit, Realität, Wahrheit, Erinnerung. Wer mag, kann hier gar einen Beitrag zu den aktuellen Diskussionen um Fake News erblicken:

Jeder Moment
balanciert eine Weile
zuerst verschwinden die
dokumentarischen Teile

Herta Müller
Im Heimweh ist ein blauer Saal
Hanser Verlage
2019 · 128 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26175-4

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