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Kritik

Ränke, Ranküne und Royals

Hilary Mantels fulminantes Finale der Trilogie um den Staatsmann Thomas Cromwell
Hamburg

Zwei öffentliche Enthauptungen bilden den Anfang und das Ende des Romans, die Anne Boleyns im ersten Kapitel und - als Spiegelbild - die des Protagonisten Thomas Cromwell im letzten. Wie gelingt es einen Stoff in einen Thriller zu verwandeln, dessen Ende allseits bekannt ist? Und wie gelingt es, einen Bösewicht der englischen Geschichtsbücher in eine der bemerkenswertesten Figuren der Epoche zu formen, welche die Leser auf mehr als 2000 Seiten Trilogie für sich einzunehmen vermag? Die ersten beiden Teile des Cromwell-Zyklus (Wulf Hall, 2009, dt: Wölfe, 2010 und Bring Up the Bodies, 2012, dt: Falken, 2012) wurden nicht nur als literarisches Phänomen gefeiert, sondern trafen auch den Nerv des Publikums. Die Hilary-Mantel-Leserschaft geduldete sich acht Jahre, stand am Erscheinungstag des finalen dritten Teils in den britischen Buchläden Schlange und der Tower of London wurde am Vorabend der Buchpremiere mit dem Cover von The Mirror and the Light illuminiert.

  Hans Holbein: Thomas Cromwell, mit freundlicher Genehmigung der Frick Collection

Ein wenig hat der Erfolg sicher mit der anhaltenden Faszination für diese historische Epoche zu tun. Der sexbesessene Heinrich VIII. mit seinen sechs Frauen, deren Schicksale in einem Abzählvers (divorced, beheaded, died, divorced, beheaded, survived), Romanen, Opern, Musicals, Filmen und Netflix-Serien verewigt sind. Dank der brillanten Porträts von Hans Holbein, Heinrichs Hofmaler, haben wir die Gesichter der historischen Protagonisten mit all ihren Falten, Warzen und Narben vor Augen. Holbeins Heinrich VIII., breitbeinig, arrogant und mit Schamkapsel, ist in vielen Köpfen der Prototyp eines Königs. ___STEADY_PAYWALL___ Es liegt auf der Hand, dass die Figur Hans Holbein zur Staffage des Romans gehört, oft die Kluft zwischen Realität und Repräsentation ironisch kommentierend.

Dame Hilary ist eine forsche Erzählerin. Sie packt den Leser am Schlafittchen und schleudert ihn tief in ihre Imagination, in die brutale, blutige Vergangenheit. Das dynamische erste Kapitel, der Nachmittag nach Anne Boleyns Enthauptung am 19. Mai 1536, wirft den Leser in die Tudor-Welt mit allen sensorischen Wahrnehmungen – penetrant, stechend, beißend, derb. Thomas Cromwell ist unter den Zuschauern, er ist auf dem Zenit seiner Karriere. Der Sohn eines Schmieds, ein Self-made Mann, der als Teenager das gewalttätige Elternhaus verließ, sich in Italien und Holland verdingte, Geld verdiente, die Rechte studierte und Anhänger der Reformation wurde, steigt nach seiner Rückkehr in England zum wichtigsten Berater Heinrich VIII. auf. Mit politischen und juristischen Winkelzügen hilft er, des Königs Ehen aufzulösen, die lästig gewordene Anne Boleyn bringt er aufs Schafott, sucht parallel Ehefrau Nummer drei aus und führt das Land – dies ist seine eigentliche Mission - in die protestantische Reformation. Gegen religiösen Fanatismus und fest verwurzelte Hierarchien kämpfend wuchtet der Modernisierer das Land aus dem Mittelalter in die Frühneuzeit. Als Heinrichs dritte Königin, Jane Seymour, tatsächlich den so wichtigen männlichen Thronfolger gebiert, scheint Cromwell unbezwingbar, ein Teil des königlichen Haushalts, mit vornehmen Titeln und Posten dekoriert. Der Mann von ganz unten wird zum Baron von Wimbledon, schließlich zum Earl of Essex. Genau dies verschmerzen seine Feinde nicht und setzen zur finalen Kabale an. Der englische Hochadel hasst den Emporkömmling, in der streng stratifizierten Gesellschaft hat Cromwell keinen Stammbaum, keinen Familiensitz, auf den er zurückgreifen kann. Genauso wenig ist er ein Mann des Volkes. Er macht aus seiner Verachtung für Reliquienverehrung, Wundertaten, die im Volksglauben verankert sind, keinen Hehl, nimmt an, die Menschen wären froh, von den Götzen befreit zu werden. Doch das Volk funktioniert nicht rational und erhebt sich gegen Ikonoklasmus und die Auflösung der Klöster.

Als Jane Seymour im Wochenbett stirbt, folgt das Verhandeln um Ehefrau Nummer vier. Der Reformator Cromwell, dem an einer Allianz mit deutschen protestantischen Fürsten gelegen ist, setzt sich mit seiner Kandidatin Anna von Kleve durch. Die Heirat wird ein Misserfolg, der König und die junge Braut finden sich gegenseitig abstoßend, die Höflinge debattieren den (Nicht)Vollzug des königlichen Beischlafs. Heinrichs Mann für alle Fälle findet sich des Verrats und der Häresie angeklagt im Tower eingesperrt, wissend welches Ende er nehmen wird. Mantel erzählt konsequent im Präsens und positioniert den Leser exakt hinter Cromwells Augen. Wir zoomen in verschiedene Schichten seines Bewusstseins und erleben - bis auf ein paar wenige Szenen, etwa Jane Seymours plötzlichen Tod - die Realität durch seine Gedanken, durch die Beobachtung seiner selbst und seiner Welt. Erst im vorletzten Kapitel (‚Spiegel‘), als die Ereignisse aus der Sicht der Ankläger rekapituliert werden, offenbart sich, welche Ränke die ganze Zeit vonstatten gingen. Man kennt den Ausgang, dennoch pocht das Herz beim Lesen, Wahrhaftigkeit und Eindringlichkeit der letzten Seiten lassen verstohlen eine Träne wegwischen.

Thomas Cromwell ist eine grandiose literarische Schöpfung, die man nicht vergisst. Er ist kein Superheld, aber ungeheuer clever, witzig, hat sich durchgeschlagen, hat dunkle Charakterseiten, ist vielleicht ein Mörder, tritt in Verhandlung mit der eigenen Vergangenheit, wird von den Geistern der Toten heimgesucht, von eigenen Fehltritten, eingegangenen Kompromissen gepeinigt. Heinrich ist das Monster, das er zu kreieren half. Heinrich ist sein Spiegel und sein Licht. Selbst wenn das Mauerwerk im Tower getüncht wird, die Gesichter der Toten scheinen durch.

Die sorgfältige Rekonstruktion alltäglicher Details der Tudor-Welt, die Maskenbälle, die Menüfolgen (erstaunlich variantenreich!), die Tapisserien und Textilien erschaffen einen Bildteppich des Lebens im 16. Jahrhundert. So schauen wir Holbein beim Porträtieren über die Schulter, den Hofdamen beim Besticken der Taschentücher, wenn die Initialen der toten Königin durch die der zukünftigen ersetzt werden müssen. Gewiss, es gibt Details, die die Story nicht vorantreiben. Ein ausländischer Potentat sendet Cromwell einen leibhaftigen Leoparden als Geschenk, um sich einzuschmeicheln, irrelevant für die Story, dass wir erfahren, was es kostet, dieses Haustier zu halten. Doch lassen uns genau diese Vignetten die Tudor-Welt erspähen, die sinnliche Textur, aber auch die beiläufige Grausamkeit des Alltags erfühlen. Weder sentimentalisiert Mantel noch zensiert sie, die Figuren bekommen keine unserer Wertvorstellungen oktroyiert, sondern wir müssen uns mit dieser vorwissenschaftlichen, gottesfürchtigen Fremdartigkeit engagieren. Mantels Instinkt für Comedy ist famos, wenn sie etwa die ausgeklügelten Vorschriften der Kirche ausrollt, an welchen Tagen des Jahres Geschlechtsverkehr erlaubt ist (fast das halbe Jahr ist tabu!), wenn man beiläufig erfährt, warum ein Adliger für Analverkehr mit dem eigenen Diener eine geringere Strafe erhält als mit dem Diener eines anderen Adligen oder auch nur bei der bildhaften Vorstellung von den königlichen Füßen in Samtpantoffeln, die dabei aussehen wie Schweinchen, die zum Markt watscheln.

Wir bewegen uns in den Jahren 1536 – 1540, eine Zeit der Rebellion, “England is collapsing in on itself, like a house of straw”. Spiegel und Licht – die Vergangenheit reflektiert durch unsere lebhafte Gegenwart und sich in dieser widerspiegelnd? In den letzten vier Jahren ist die Analogie zum originalen Brexit, Englands rigorose Lossagung von Rom, oft zitiert worden. Wer sich dieser Tage in Boris Johnsons Kabinett bewähren will, tut sicherlich nicht schlecht daran, Cromwells Tagebuch „The Book of Henry“ zu studieren, sein Leitfaden zum Umgang mit der kapriziösen, erratischen und eitlen Macht. Der multilinguale Europäer Cromwell legt sich mit den zwei mächtigsten Familien des Kontinents an, mit François Ier und Karl V., plädiert aber für eine Konföderation des protestantischen Europas und ist bestrebt mit Heinrichs vierter Ehe Allianzen zu schmieden und Handelswege offen zu halten. Für Heinrich ist es ein Quell des Frusts, dass nur eine Frau ihm geben kann, was er dringend braucht: einen Stammhalter plus einen Ersatz. An heir and a spare. Wie verrückt mutete es an, dass wir uns 500 Jahre später noch immer auf den Körper der weiblichen Mitglieder des Königshauses fokussieren! Hilary Mantel zog den Grimm der Boulevardzeitungen auf sich, als sie 2013 in einem Vortrag zum Wesen der Monarchie davon sprach, dass wir zwar die Köpfe der Damen nicht mehr abschlagen, sie aber dennoch opfern. Kate Middleton, als Herzogin von Cambridge, „designed to breed“, genau wie Anne Boleyn und Marie-Antoinette von der königlichen PR Maschinerie und den Klatschpresse zu Gliederpuppen gemacht “designed by a committee […] with a perfect plastic smile”, deren Raison d‘être die Fortpflanzung und die Dekoration der Zeitungen ist. Das Echauffieren der Regenbogenpresse über Harrys und Meghans selbstgewähltes Exil scheint nicht kilometerweit entfernt von der vox populi zum Treiben am Königshofe in den 1530ern zu sein. Genauso glaubt man ein Déjà-vu zu erleben, wenn man aus der Tudor-Welt in die Corona-Berichterstattung blinzelt und vernimmt, dass die viel jüngere Partnerin des Prime Ministers einen Stammhalter geboren hat, nachdem der erste Mann des Staates auf der Intensivstation beinahe das Zeitliche gesegnet hätte. Wäre es Häresie gewesen, Mutmaßungen über seinen Tod anzustellen? Ach ja, die Pest ist im 16. Jahrhundert allgegenwärtig:

"The plague is in Kingston and Windsor. Movements are restricted. Even a duke must manage with only six men to guard and serve him. Strangers are barred. Delivery men must quit the precincts as soon as they have dropped off their loads, and the royal nursery be scrubbed out twice a day."

Zwei Mal hat Hilary Mantel den Booker Prize gewonnen, etwas was keinem anderen britischen Autor gelungen ist. Ich bin geneigt, ein paar Pfund darauf zu setzen, dass ihr mit dieser komplexen, einfühlsamen Illumination von Macht, Religion, Sex, Loyalität, Freundschaft, Staatswesen, internationalen Beziehungen im Oktober der Hattrick vergönnt ist.

Tower of London am Vorabend der Buchpremiere mit dem Cover von The Mirror and the Light illuminiert. Foto: (c) copyright HarperCollins, 2020

Hilary Mantel
THE MIRROR & THE LIGHT
4th Estate
2020 · £25
Hilary Mantel
Spiegel und Licht
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
Dumont
2020 · 1104 Seiten · 32,00 Euro
ISBN:
978-3-8321-9724-7

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