Fixpoetry

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Kritik

Lyrische Destillationen

Hamburg

Jahrelang hat sich Holger Benkel mit Tiersymbolik beschäftigt. Dabei spielte, nicht nur anfangs, Brehms Tierleben eine große Rolle. Auf mehreren Hundert Seiten versuchte er, eine Kulturgeschichte der Vögel und Insekten und ihrer Mythen zu schreiben. Später aber gab es Versuche, diese Aufzeichnungen zu moderieren – etwa in lehrhaften Dialogen. Erst mit der Umformung dieser prosaischen Notizen in seine typische Lyrikform destillierte Benkel aus der biologischen Beschreibung die wesentlichen Bezüge zum Menschenleben.

Den Lyriker faszinierten manche Tiernamen und auffallende Ähnlichkeiten mit mythischen Gestalten – so gibt es einen ägyptischen Mistkäfer, einen erfolgreichen Sisyphos, der Mistkugeln rollt, die sein eigenes Gewicht überbieten. Auch Insekten und Vögel, die sich nicht mit alten Mythen assoziieren lassen, erinnern an existenzielle Situationen in einem Menschenleben. Wir sehen: Die Vogel- und Insekten-Gedichte sind doppeldeutig zu verstehen – real und bildlich: Es geht um Seelen. Und so schließt sich dieser fein bebilderte Gedichtband an den letzten an, der den Titel „seelenland“ (2015) trägt.

Bereits Benkels 1995 veröffentlichter Prosaband heißt „reise im flug – träume und begebenheiten“. Es gehe darum (so Benkel in einem Brief an mich vom „28. tag des weißdornmonats 2018. auf der suche nach der farm der toten.“), die irdische Schwere aufzuheben im Flug. In überwirklichen Sphären könne die Seele Asyl finden. „mystiker wollen durch seeleninnenräume fliegen. die meisten fliegenden wesen aber waren totenseelen.“ In das mir gewidmete Exemplar schrieb er: „der eigentliche wahnsinn besteht darin, die realität für keine illusion zu halten.“ Ich denke inzwischen, das ist nicht ironisch gemeint. Totsein ist genauso eine Realität wie Leben. Das wahre Leben, befreit von der Schwere des Daseins im Tagleben, findet die Menschenseele erst im Tod. Im Gedicht „auferstehung“ (S. 41) heißt es:

fliegt der vogel auf aus der öffnung im grab
führt er die schatten der toten zur sonne
wandern sie fortan in schwarzem licht

Holger Benkel berührt mit solchen Aussagen, die sich vor allem in seinen Briefen finden, religiöse Glaubenssphären, doch behält er – bei aller deutlich sichtbaren Nähe zu den Weltreligionen – Distanz und Eigenständigkeit. Sein poetisch formulierter ‚Totenexistenzialismus’ will frei bleiben von Kirche, Priestertum und Glaubensgesetzen. Die Poesie behauptet ihre Autonomie in einer eigenen Prozesshaftigkeit. Benkel schreibt in seinem Brief an mich: „metaphorik ist, zumindest ursprünglich, gesteigerte naturwahrnehmung. wenn heutige lyriker häufiger biologische motive verwenden, so könnte das auch eine reaktion auf die dominanz der technologien sein.“ Er denkt hier etwa an den süddeutschen Lyriker Werner Weimar-Mazur, der in seinen Gedichten Vögel und Fische, Säugetiere und Insekten, Pflanzen und Steine als subtile Attributive menschlicher Existenz verwendet. Derlei gab es in der Dichtung immer schon – wenn  auch nicht in der von Benkel und Weimar-Mazur demonstrierten Intensität.

Die 64 realmythologischen Gedichte sind wie zwei Schachbretthälften angeordnet – erst die Vögel, dann die Insekten.

Nicht in jedem Gedicht wird ein Vogel oder ein Insekt thematisiert. Das erste Gedicht („abbilder“) gleicht einer Ouvertüre, in der die eigentlichen Themen angeschnitten werden: Das lyrische Ich betrachtet die Menschheitsgeschichte; sie zeigt den Menschen als ein selbstbetrügerisches Wesen, das sich mit der Errichtung einer „moral vom genital bis zur genetik / ...“ selbst richtet:

maschinen gleich mit recht und rechnern
öffnet er sein raubtiergebiß der logik / ...

Homo homini lupus! Glieder und Sinnes-Organe – Augen, Ohren, Hirn und Hände – entwickelt er zu gigantischen Prothesen, mit denen er nicht nur Wohlstand, sondern auch (Selbst-)Vernichtung betreibt.

Ein paar Beispiele für den spielerischen Umgang mit der mythologischen und metaphorischen Vielfalt: Der Adler als Ikaros als Phönix (S. 5); als Wappentier, das im Krieg verendet („kriegsvogel“), S. 6; der Hahn tagsüber als Lichtrufer, Brandwarner – Erdbebenkünder nachts („hahnenschrei“, S. 9); die Amsel als Todkünder („amselmännchen“, S. 13); der Storch (S. 20) zieht „die geburten  / herauf aus dem wasser unter der erde / trägt er sie im herbst wieder fort / wird er selbst zum menschen“ – und da denken wir auch an Hauffs „Kalif Storch“.

Im Gedicht der „taube“ (S. 33) scheint Platons Höhlengleichnis auf. Und – abseits von Brehms und allen Tierbeschreibungen – stößt der Leser auf Gedichte mit philosophischen Mythen:

            ei

            zeugt sich das leben selbst
            im dunkel der unsichtbaren bleibe
            entwächst die erde dem eiweiß
            wie der himmel dem dotter
            hängen eier rot an den bäumen
            steigen tote auf im saatfeld
            graben kinder nach den schalen

Der Kreislauf der Natur wirkt (im Gedicht der „tauben“)wie ein Schöpfungs-Witz:

sitzen sie in käfigen gemästet mit nudeln
weizen gerste hirse erbsen bohnen
liegen sie auf tischen geformt zu pasteten
gebraten gesotten gebacken und gewürzt
mit pfeffer koriander zwiebeln dattelkernen
pflaumen kirschen eidotter honig wein und öl
düngt ihr kot längst die äcker

Die „seelenvögel“ (S. 42) sind die Sirenen, die wir seit Homers „Odyssee“ kennen. Noch im Tode bleiben sie verführerisch und finden Verwendung – der letzte Vers demonstriert sarkastisch die Morallosigkeit des Schicksals. So eng liegen Tod und Verführung beisammen! Hier geht es nicht nur um menschliche Schicksale oder Seelen, sondern auch um Ideen und um Macht und Gefahr des forschenden, abenteuernden und wagenden Geistes, der auch zu tun hat mit der Poesie – die Kränze spielen an auf den Sieg der Musen über die Sirenen. Und so gesehen meint der Seelendichter Holger Benkel, dass das eigentliche Leben nicht erst im Tod beginnt, sondern schon in der Freiheit der Kunst da sein kann und das physische Leben überwölbt: „... will ich nur noch zeichen sehen / die nichts nutzen also frei sind“, heißt es im ersten Vogel-Gedicht („abbilder“, S. 1). 

            singen vogelfrauen lockend reden sie trügerisch
            mit sanfter stimme wird ihr gesang nicht übertönt
            versprechen sie die seligkeit des todes spielen sie flöte
            wachsen ihnen hände aus den flügeln tragen sie menschen
            in den krallen saugen sie blut liegen weiße knochen
            auf ihrer insel sitzen sie klagend über den toten
            schlagen sie sich gegen die brust zerraufen die haare
            und zerkratzen ihre haut am ende bergen sie die seelen
            wie kinder im grab schauen sie traurig und kokett
            bindet man aus ihren federn kränze

Mit der lyrischen Destillation alter Tiermythen, teils in ihren verschiedenen Versionen und mit eigenen Intuitionen moderiert, bereichert Holger Benkel die Poesie unserer Zeit. 

Die Insekten kommen wie alle Tiere „aus dem wasserleib der erde“, und „mit der zeit warfen insekten / wenn sie wachsen wollten ihr skelett ab / wie seelen den körper bei der letzten häutung ...“ („landgang“, S. 44) – da ist er wieder, der Seelengedanke, die Doppelgestalt von Welle und Korpuskel, diese physikalische Dialektik des Seins als Tod oder Endlichkeit im Gegenüber von Nichts oder Raum und Zeit.

Zehn Gedichte sind den Bienen gewidmet, denn sie haben eine besondere Ähnlichkeit mit dem Menschen als zoon politikon. Das Gedicht „rauschtrank“ (S. 55) sieht den Honig als Nahrung und Kunstwerk; fehlt er dem Leben, dann „saugen dichter ihn / aus der eigenen leiche / in der wüste ihrer seele“. Diesen Gedanken vom Selbstkannibalismus (oder moderater formuliert: von der Selbstausbeutung) gibt es schon in Benkels erstem Gedichtband, „kindheit und kadaver“ (Magdeburg 1995), in dem Gedicht „apfelessen“ (S. 89) sehr indirekt; viel deutlicher in dem Aphorismus: „auf der reise in die andere welt müssen wir uns von uns selbst ernähren. aber am ende ist jedes tiefere einfühlen kannibalisch.“ (Gedanken, die um Ecken biegen. Aphorismen von Holger Benkel. Edition Das Labor, Bad Mülheim 2013, S. 49)

Es folgen Gedichte über Ameisen, Schmetterling und Raupe, Libelle, Zikade, Mistkäfer, Spinnen, Tarantel, Ohrwurm, Heuschrecken, Termiten, Fliegen und Mücken, Wanzen und Läuse. (Dem Biologen wird auffallen, dass die Spinne zu den Gliedertieren gehört – sie wirkt eben auf die meisten Menschen wie ein Insekt.)

Die Holzschnitte von Sabine Kunz greifen einige Gedichttitel auf. Auf dem Buchdeckel befindet sich ein Vogel im Käfig - der „Fink“ („fängt man ihn / singt er geblendet im käfig“). Vielleicht spielt der Käfig nicht nur an auf den Verlust der Freiheit, sondern auch auf die Form, die der Inhalt bedingt. Der Fink vertritt hier womöglich die Nachtigall als Künstlerin, wie sie in so manchen Fabeln und Märchen vorkommt. Der Käfig wäre dann sogar ein Symbol der geistigen Freiheit, die sich nur dem Gedanken und seiner Form unterwirft. Jeder Mensch aber bleibt zugleich im Käfig seines Körpers gefangen – und so ist sein Lebensgesang geblendet, er sieht in sich und außer sich nicht alles, er muss ahnen, spekulieren, erfinden und dichten.

Das Bild „Flieger“ zeigt den Sonnen-Wagen, gezogen vom Pegasus – ein schöner Einfall, der zur poetischen Lebensphilosophie Holger Benkels gut passt. Es ist der denkende Mensch, der sich sein Leben baut – und in diesem Gedanken steckt ein gutes Stück Bejahung eines Lebens im Diesseits; er wird in vielen Gedichten der Erlösung durch den Tod dialektisch gegenübergestellt.

Weitere Motive sind: Pfau, Rabe, Rauschtrank, Ameise: ein Gesicht im Gesicht, über die gemeinsame Stirn krabbeln Ameisen; Libelle, Käfer: auch als eine auf dem Kopf stehende Maske lesbar; im ersten Gedicht der Insekten-Abteilung heißt es dazu : „... erscheinen uns tiere / mit menschlichen gesichtern ...“ Diese Surrealität griff die Künstlerin auf.

Die Bilder sind in derben, klaren Linien geschnitzt, schwarze Flächen dominieren, in wenigen Bildern gibt es vereinzelt dunkelblaue Stellen, die figuralen Partien sind klar konturiert und wirken prägnant. Besonders ausdrucksstark erscheinen der Pfau, der fast wie ein Ornament in einem Rundbogenfenster seine Gegenständlichkeit aufhebt, ebenso der Käfer und der über einen schwarzen Himmel ziehende Pegasus-Wagen mit schwarzer Sonne, weiß (chamois) umflutet.  

An die Wiederaufnahme der Tragödie „Fin de siècle“ in unser Menschheitsprogramm haben wir uns ja alle so sehr gewöhnt, dass uns unsere Angst wie ein Plagiat einer früheren Angst vorkommt, sodass wir unter dem Zwangsdiktat der neueren Kunst nach einer neuen Angst suchen und nach einer neuen Hoffnung, vielleicht in dem Glauben, es hegelt sich unser Leben mit neuen Begriffen schon hoch.

Holger Benkel würde sagen, am besten lebten wir noch als Tote ... Also vor unserer Geburt oder nach unserem Tod. Wahrscheinlich ist Letzteres das Beste, weil man’s dann hinter sich hat und beruhigt tot sein darf ohne Angst, noch einmal leben zu müssen, jedenfalls dann, wenn der physische Tod endgültig war. Das weiß keiner, auch Benkel nicht, auch er ist dazu verdammt zu glauben. Er glaubt ja nur metaphorisch, denke ich, so wie er fast nur als Bild lebt. Anders gesagt: Seine Gedichte sind große Expressionen einer unglaublichen Sehnsucht nach Erlösung vom Leben oder, was die Leser betrifft, nach Erlösung in einem besseren Leben. Dann ist der Tod auch nur ein Bild in allen seinen Gedichten. Immerhin lebt Holger Benkel in seinen Gedichten, in seiner Sprache; seine manischen Inversionen (in der Syntax der Verse) deutet er ja als Vermeidung der Herrschaftssprache, er spricht sich in einer Erlösungssprache in einer befreiten Syntax an. Schwer zu glauben. Aber ich akzeptiere, dass er sich in seiner Syntax befreit fühlt. Es sind meist Konditionalgefüge: Wenn - Dann. Wenn A gilt, dann gilt B. Logischer – und hermetischer geht es gar nicht.

Hinzu kommt noch, dass er in Fabeln dichtet. Es sind Tierfabeln vom Menschen als das gefährlichste und gefährdetste Tier. Mit den Bildern vom Mensch, der in den niederen Arten, den Insekten etwa, gespiegelt wird, erreicht Benkel eine unglaubliche Reduzierung menschlicher Komplexität aufs Elementare, zumal die Tiere nicht - wie bei den antiken Dichtern - menschliche Züge aufweisen und im vereinfachenden Zerrbild Molièrescher Charakter-Komik erscheinen, sondern, ganz von Komik und Tragik befreit, auf den Kern gebracht werden: Existenz, die selbst nie Kunst wird, sondern sich vollzieht jenseits aller ethischen Fragen. Nur in der philosophischen oder literarischen Reflexion über das Leben kann Kunst entstehen: twilight garden ... Ob Holger Benkel damit wirklich etwas poetisch Neues sagt, ist sekundär. Primär ist: Er sagt es anders als andere bisher. Und darin liegt die Größe seiner Gedichte.

Holger Benkel
fliegende wesen
Mit 9 signierten Originalholzschnitten auf Japanpapier von Sabine Kunz. Fadenheftung. Erschienen in der Weberknecht-Edition (von Uwe Albert), Magdeburg
2018 · 84 Seiten · 25,00 Euro

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