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Eine Sammlung von Polemiken aus der Feder Balzacs zeigt, das Hadern mit der Presse hat eine lange Tradition
Hamburg

Was haben Politiker, Versicherungsvertreter und Journalisten gemeinsam? Sie üben allesamt Berufe aus, die von den Deutschen nur sehr gering wertgeschätzt werden.

Die Aufzählung hat auf den ersten Blick etwas Überraschendes. Schließlich könnte man vermuten, dass Politiker und Journalisten in einem gewissen Spannungsfeld zueinander agieren und man daher konsequenterweise entweder den einen Typus oder aber den anderen ablehnen müsste. Doch ist die Antwort hierauf spätestens seit dem Aufkommen von AfD und Pegida recht simpel: Nicht wenige Deutschen scheinen der Überzeugung anzuhängen, dass es sich bei Politikern und Journalisten insgeheim um Verbündete handle, denen es weniger um die Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit geht, sondern vielmehr um einen opportunen Pakt zum beiderseitigen Vorteil. Das Wort von der „Lügenpresse“ hat in den vergangenen Jahren unrühmliche Berühmtheit erlangt.

Vielleicht ist es für die Gescholtenen daher ein kleiner Trost, dass das Phänomen der als eine Art Volkssport betriebenen Medienschelte eine lange Tradition aufweist. Schön nachzulesen ist das jetzt in einem kleinen Bändchen mit Polemiken aus der Feder von keinem Geringeren als Honoré de Balzac, herausgegeben und übersetzt von Rudolf von Bitter und erschienen im Manesse Verlag. Die französischen Originaltexte sind gesammelt 1843 erschienen, und zuvor als Einzelpublikationen in diversen Zeitschriften und Zeitungen, denen sich Balzac, trotz aller Kritik am Medium, zeitlebens gerne als Autor bediente; sie liegen nun erstmalig in deutscher Übersetzung vor.

Balzacs Typenlehre der Journaille ist ebenso amüsant wie differenziert. Um ihre Vielgestaltigkeit zu unterstreichen und dem Leser den Weg durch das Dickicht der einzelnen Journalisten-Typen zu erleichtern, stellt Balzac seinem Text dankenswerterweise eine synoptische Darstellung zur Seite. Er selbst nennt es einen „Auszug aus der Naturgeschichte des Zweihänders in Gesellschaft“. Dieser reicht vom „geschäftsführenden Chefredakteur-Eigentümer-Direktor“ („possierliche[r] Graf Gernegroß des Journalismus“) über den „Lobhudler“ (auch bekannt als „Weihrauchschwenker“) bis zum Feuilletonisten („die fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender“) und „Mann fürs Grobe“ (Gattung: „Die kleinen Journalisten“).

Als ein besonders verachtenswertes Exemplar seiner Spezies wird der „Kämmerling“ porträtiert. Denn Kämmerlinge sind den Politikern, „was die bezahlten Claqueure einem Theaterstück sind“. Sie hofieren diejenigen Abgeordneten und Minister, die die politische Linie des Blattes vertreten, und ignorieren oder verunglimpfen die, die anderer Meinung sind. Die Übergänge zum Typus des Journalisten-Politikers – für Balzac eine eigene, kaum minder niederträchtige Gattung innerhalb der schreibenden Zunft – sind fließend und liegen auf der Hand.

Was Balzacs eigentliche Beweggründen gewesen sein dürften, seinen Hohn und Spott über die Presse auszugießen, lässt sich im Kapitel über die Feuilletonisten erahnen. Viel zu viele seichte Theaterstücke würden in den Zeitungen besprochen, erfährt man da, was daran liege, dass die Kritiker mit ihren Geliebten die Logen vom Theater umsonst zur Verfügung gestellt bekämen. Ernsthafte Literatur hingegen, an der ihre Verfasser „durchwachte Nächte und viele Monate“ gearbeitet hätten, werde ignoriert; und falls sich doch einmal eine Besprechung in ein Blatt verirre, falle diese in der Regel unsäglich aus. Der offenkundige Niedergang der Buchkritik ist für Balzac ein wesentlicher Grund für den Rückgang der Buchverkäufe – womit klar wird, dass ihn der Feuilletonist nicht nur in seiner intellektuellen Eitelkeit kränkt, sondern er ihn auch für geschäftliche Einbußen verantwortlich macht. Keine guten Voraussetzungen für ein entspanntes Verhältnis zwischen Großschriftsteller und Kritiker!

Balzacs kurze Abhandlungen zur Presse sind eine Fundgrube für pointierte Formulierungen und in ihrer Überzogenheit bisweilen satirisch gefärbte Zuschreibungen. Doch blitzt hinter der vermeintlichen Leichtigkeit der Texte immer wieder auch die verletzte Künstlerseele auf, der die Kritik am eigenen Werk sichtlich zu schaffen macht. Aber auch darin unterscheidet sich Balzac nicht von zahlreichen seiner prominenten Nachfahren – man denke nur an die Wehleidigkeit eines Günter Grass im Umgang mit seinen Kritikern.

So wird einem bei der Lektüre dieses kleinen Buches letztlich auch in Erinnerung gerufen, dass die Medienschelte der Elite seit jeher ein verbreitetes Phänomen ist. Insbesondere Kulturschaffende, aber auch Politiker sind schnell bei der Hand, pauschal auf die Presse einzuprügeln, wenn ihnen bestimmte Nuancen in der Berichterstattung nicht behagen. Jüngstes Beispiel dafür ist der an einer – nicht seiner! – „Biografie“ krachend gescheiterte Maxim Biller, der weite Teile der Literaturkritik der Nazi-Infiltration bezichtigte, nur weil diese es gewagt hatte, sein nach 200 Seiten unlesbares Buch zu kritisieren. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet Kulturschaffende und Politiker sind, die jetzt mit dem größten Unbehagen auf die grassierende Ablehnung der etablierten Medien in bestimmten Teilen der Gesellschaft reagieren. Sind sie selbst doch diejenigen, die diesen Trend seit jeher mit großer Selbstverständlichkeit und mitunter ebenso großer Selbstgerechtigkeit praktizieren.

 

Honoré de Balzac · Rudolf von Bitter (Hg.)
Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken / Die schrägen Typen der Journaille
Aus dem Französischen von Rudolf von Bitter
Manesse
2016 · 320 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-7175-2382-6

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