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Kritik

Um ins Exil zu gehen, wie jeden Tag

Hamburg

Horst Samson ist 1954 in Weiler/Salcâmi geboren. Seine Eltern, die aus dem Banat stammten, waren dahin deportiert worden. Sein literarisches Debüt feierte er 1976. 1984 erhielt er Schreibverbot und wurde vom rumänischen Geheimdienst Securitate mit Mord bedroht. 1987 emigrierte Samson nach Deutschland.

Soweit einige Eckdaten, die ein Schlaglicht auf den politischen Hintergrund des Autors werfen, mit denen man vielleicht einige inhaltliche Positionen, die in den Gedichten aufscheinen, begreifen und begründen kann, und auch die Sprachskepsis, die sie durchweht. Nicht begründen kann man damit allerdings die handwerkliche Brillianz mit der die Texte gearbeitet sind. Die Arbeit mit Vers und Satz ist zuweilen filigran und hart zu gleich, als wollte die Kunst gegen die Bedeutung ankämpfen, die das Wort im Gebrauch angenommen hat. Es ist Sprachrettung, die hier betrieben wird.

Im Gedicht Phonokratie heißt es:

 

Die Rede redet,
Pausenlos redet die Rede,

Redet ins Nichts – das Nichts

Ist wahr! -

Die Gedichte des Bandes Kein schweigen bleibt ungehört sind von Mitte der Achtzigerjahre bis Anfang der Neunziger entstanden, sie sind das künstlerische Zeugnis einer Emigration aus der einen und die eines Ankommens in einer anderen Welt, wobei das Wort Ankommen angesichts einiger Gedichte eher wie ein Euphemismus klingt. Deutschland bleibt ein fremdes Land.

 

Krieger von Amt zu Amt,
Erledige einen Akt nach dem anderen,
Bin mein eignes Geräusch.

 

Überhaupt der Klang der Sprache, was bringt er mit sich? Deutsch in Rumänien erscheint mir wie eine Inselsprache in einem vorgeschobenen Außenposten des Romanischen, natürlich umgeben von anderen Inselsprachen wie Ungarisch, in einer Gegend,  in der man eigentlich Slawisches sprechen vermutet. Aber vielleicht ist dieser mein Gedanke ja Resultat eines Prozesses, der durch Ordnungspolitik, Krieg und Vertreibung für ein national sortiertes Europa gesorgt hat. Und die Deutschen hocken jetzt in Deutschland, die Rumänen in Rumänien, in Bulgarien die Bulgaren usw,, jeder in seiner Sprachfamilie, nur das eben manche Verwandte lange weg waren und ihreFamilienangehörigkeit auch eine Fremdheit ist.

Samson kam also von Rumänien nach Deutschland. Die Sprache der Zielwelt war die Sprache des Dichters, allerdings nur, wenn man Sprache auf Grammatik und den Teil der Lexik reduziert, der von jedem Sprecher verstanden wird. Eine Maschinensprache. Aber Sprache ist eben mehr als das, in ihr ist die Kultur ihrer Herkunft eingesickert, die Landschaft und die sie umgebenden anderen Sprachen.

 

Nachricht III

Die Tage zerreißen
Ich betrete die Sätze der Freunde

Stille umweht mich, das Nichts

Ist kein Witz, die Sprache
Liegt vor mir -

Zerstört am Boden ICH …

 

Ich hatte es bislang nicht wirklich kapiert, die Maschinensprache hatte mich hinters Licht geführt, aber die deutschsprachigen rumänischen Autoren, die in Deutschland leben, sind Emigranten. Sie kamen, weil sie vom politischen Druck des Kommunistischen Regimes von Vernichtung bedroht waren, und kamen nach Deutschland, das ihnen ein fremdes Land war und manchen immer noch ist. Dass einige von Ihnen die literarische Landschaft in Deutschland stark prägten und prägen, liegt unter anderem in einer Tradition der rumänischen Dichtung begründet, denke ich, die eine europäische ist, und in der sprachlichen Vielfalt, die dort einmal herrschte.

In Samsons Band gibt es ein Gedicht, das So könnte es gewesen sein heißt, und dem rumänischen Dichter Urmutz gewidmet ist, einem Avantgardedichter von Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier ist Einges von der Ambivalenz der rumänischen Herkunft zu erfahren. Diesem Gedicht entstammt auch die Überschrift für diesen Text.

Im Grunde haben wir doch in Deutschland Rumänien immer für ein rückständiges Agrarland gehalten, betrachtet man aber die literarische und künstlerische, auch die philosophische Produktion des vergangenen Jahrhunderts, verliert sich dieser Gedanke, muss sich verlieren.

Horst Samson
Kein Schweigen bleibt ungehört
POP
2013 · 162 Seiten · 14,99 Euro
ISBN:
978-3-86356-055-3

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