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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

„Dann sah ich es plötzlich“

Howard Phillips Lovecraft in einer üppig illustrierten und kommentierten Ausgabe
Hamburg

Zu Lebzeiten war Howard Phillips Lovecraft nur einem überschaubaren Kreis von Lesern bekannt. Konnte er sich zu Veröffentlichungen durchringen, dann in Amateurzeitschriften oder Pulp-Magazinen, jenen zumeist wenig erbaulichen Periodika für die Horror- und Science-Fiction-Gemeinde. Er blieb zwar kein regelrechter Einsiedler, aber ein Sonderling, überkritisch, von zahlreichen Tics und psychischen Problemen geplagt, ein Misanthrop und Rassist, irgendwie lebensuntüchtig — trotz (oder gerade wegen) seiner enormen Belesenheit —, und in den letzten Jahren dermaßen verarmt, daß er aufs Essen verzichten mußte, um Briefe und Manuskripte mit der Post verschicken zu können. Nach seinem Tod wurde sein Werk allmählich einem größeren Publikum zugänglich, doch erst in allerjüngster Zeit ist es in den Kanon ernstzunehmender Literatur aufgestiegen. Natürlich hat auch Lovecraft einige schwache, sehr schwache Geschichten geschrieben und als Ghostwriter oft noch laschere Storys für andere bearbeitet, doch verdankt ihm das Genre einige der besten Horror- und Fantasygeschichten, die mehr als bloßer Nervenkitzel sind, nämlich Seiltänze über den schwärzesten Abgründen der menschlichen Seele und Existenz.

Ein anderer Großmeister des Genres, J.R.R. Tolkien, hat seine Erfahrungen im ersten Weltkrieg durch sein Fantasyepos „Der Herr der Ringe“ bewältigt, wie John Garth in seinem wunderbaren „Tolkien and the Great War“ überzeugend dargestellt hat. Lovecraft reagierte ebenfalls durchaus sensibel auf seine Zeit, er spürte das Nachbeben jenes ersten Weltkriegs, sah die wirtschaftliche Depression, den Bankencrash von 1929, fand Metaphern und Bilder für die eigene Unbehaustheit, in die ihn der Verlust der Eltern an die Irrenanstalt getrieben hat. Unheimliche Geschichten sind meist nach außen gekehrte Ängste und Bedrohungen, die sich in erschreckenden Begebenheiten manifestieren; Lovecraft geht allerdings konsequent einen Schritt weiter und entwirft ein Universum, in dem die Menschen bloß noch eine untergeordnete Rolle spielen, ausgesetzt uralten Kräften, die sie weder beherrschen noch bekämpfen können. Wesen, die vor Jahrmillionen auf die Erde kamen und das Leben erschufen oder an seiner Evolution beteiligt waren, stehen ihrerseits machtlos dem Bösen gegenüber. Krieg herrschte zwischen den Ältesten, den Alten und der Großen Rasse. Am Ende ist deren gesammeltes Wissen vergeblich, denn in der Zukunft wird eine „Käferrasse“ herrschen („Der Schatten aus der Zeit“). Es ist eine Abwärtsspirale, die allein in existenzieller Angst und nirgendwo sonst als dem Nichts münden kann. In Lovecrafts letzter Erzählung, „Der Schrecken der Finsternis“, heißt es über den Protagonisten:

Er dachte an die uralten Legenden vom Ultimativen Chaos, in dessen Mitte der blinde, schwachsinnige Gott Azatoth, Herr aller Dinge, sich räkelt, umringt von seiner flatternden Horde hirnloser und formloser Tänzer und eingelullt von dem dünnen, monotonen Pfeifen einer dämonischen, von grauenvollen Klauen gehaltenen Flöte.

Das Universum, wie Lovecraft es sich vorstellt, ist ein einziges Grauen und einer gewaltigen Entropie unterworfen, es verschlimmert und verschlechtert sich kontinuierlich; die Menschen gerade in den abgelegenen Städtchen Neuenglands verkommen und verfallen, in extremer Negation jeglicher Aufklärung, und stellen verzweifelt ihr Schicksal den bösen, überall lauernden Göttern anheim. Fatalistischer und misanthropischer läßt sich ein Weltentwurf kaum denken. Der Vorwurf des Rassismus ist sicherlich berechtigt, doch letztlich trifft Lovecrafts Verachtung auch die kaukasischen Rassen fast jeglicher Herkunft und Couleur, vor allem, wenn sie hochmütig werden und die Wissenschaften pervertieren („Herbert West, Wiedererwecker“). Ja, Lovecrafts Menschenbild ist keinesfalls beruhigend, denn Menschen können ohne weiteres ersetzt werden („Der Fall Charles Dexter Ward“), ihr Wille ist so schwach, daß sich ihr Geist austauschen oder gar noch in Leichname transferieren läßt („Das Ding auf der Schwelle“); sie sind degeneriert und tragen das Gen der Degeneration lange schon in sich („Der Schatten über Innsmouth“).

„Das Verhältnis des Menschen zum Menschen reizt meine Phantasie nicht“, erklärte Lovecraft einmal, ihn interessiere mehr das „das Verhältnis des Menschen zum Kosmos“. Dessen übernatürlichen Schrecken will er in alltäglichen Situationen darstellen. Die fiktive Gegend Neuenglands mit der Stadt Arkham und der Miskatonic University im Zentrum, in der die meisten seiner Erzählungen zu lokalisieren sind, lehnen sich eng an die tatsächliche Topographie an; in „Der Schrecken der Finsternis“ ist es das echte Providence, Lovecrafts Heimatstadt, in der er die meiste Zeit des Lebens verbracht hat, die in einer ihrer Kirchen einen namenlosen Terror und alten Kult beherbergt. Bei der Beschreibung der verödten Landstriche und der Städte gelingen ihm eindrückliche, stimmungsvolle Bilder, was sowohl auf die realen als auch auf die fiktiven zyklopischen, von den fremden Wesen errichteten Städte in Australien und der Antarktis zutrifft:

Hin und wieder richtete er sein Fernglas auf jene gespenstische, unerreichbare Welt jenseits der sich kräuselnden Rauchschwaden; suchte sich einzelne Dächer und Schornsteine und Kirchtürme heraus und spekulierte über die bizarren und eigenartigen Rätsel, die sie beherbergen mochten. Federal Hill wirkte sogar durch das Fernglas irgendwie fremdartig, fast märchenhaft und verknüpft mit den unwirklichen, unfassbaren Wundern aus Blakes eigenen Geschichten und Gemälden. Das Gefühl blieb noch lange, nachdem der Hügel im violetten, von Straßenlaternen gesprenkelten Zwielicht verschwunden war und die Scheinwerfer des Gerichtsgebäudes und das rote Signalfeuer am Industrial Trust Tower aufleuchteten, um die Nacht mit grotesken Schatten zu füllen.

Viele von Lovecrafts Ich-Erzählern sind Männer der Wissenschaft und Vernunft; deshalb befinden sich die Storys und Kurzromane großenteils auf der Höhe der Zeit, sie integrieren neue Forschungsergebnisse und moderne Technologien, vermischen den Hexenwahn von Salem mit Mathematik und Quantenphysik („Die Träume im Hexenhaus“) oder greifen ein aktuelles Geschehen auf, z.B. Richard E. Byrds Antarktisflüge von 1929 in „An den Bergen des Wahnsinns“, geschrieben 1931. Mit diesem Kunstgriff — den bereits Edgar Allen Poe erfunden und perfektioniert hat — wird das Unheimliche in einer geregelten und erklärbaren Welt etabliert und plausibel gemacht. Der existenzielle Schrecken, den Lovecraft verbreitet, besteht in der Konfrontation von Vernunft und Unerklärlichkeit, wodurch die Aufklärung ins Wanken gebracht und auf eine ältere (stets boshafte) Stufe zurückgeworfen wird. Mitunter verbindet sich damit eine gewisse Zeitkritik, etwa wenn die unheimliche Asenath den Transfer ihres Geistes in einen männlichen Körper damit begründet, daß die männliche Gestalt mehr Einfluß und Macht habe. Und vielleicht versteckt sich womöglich in der Beschreibung der Gesellschaft der Großen Rasse eine Vorstellung, die Lovecraft gerne auf seine Nation übertragen hätte:

Das politische und ökonomische System jeder Gruppe war eine Art faschistischer Sozialismus, wobei wichtige Ressourcen nach Vernunftgründen verteilt wurden und die Macht an ein kleines Regierungskomitee delegiert wurde, gewählt von allen, die in der Lage waren, einen bestimmten Bildungsstandard nachzuweisen und gewisse psychologische Tests zu bestehen.

Ein wenig irritierend ist zunächst der deutsche Titel „Das Werk“, da er suggeriert, die Ausgabe sei auf eine gewisse Vollständigkeit hin konzipiert. Die derzeit umfangreichste einbändige Edition, „The Complete Fiction of H.P. Lovecraft“, herausgegeben von S.T. Joshi, enthält — abgesehen von den Juvenilia — 68 Erzählungen, die Edition von Fischer Tor, herausgegeben und kommentiert von Leslie S. Klinger, dagegen nur insgesamt 22 Titel. Allerdings konzentriert letzte sich auf die längeren Erzählungen und legt den Schwerpunkt auf das spätere, von Vorbildern gelöste und zumeist um den sogenannten Cthulhu-Mythos kreisende Werk, so daß man zwar einige wichtige Texte vermißt, „The Music of Erich Zann“, „The Rats in the Walls“ oder „The Dream-Quest of Unknown Kadath“ beispielsweise, aber weder in qualitativer noch quantitativer Hinsicht empfindliche Lücken ausmachen kann. Ein pointiertes Vorwort gibt Einblicke in die Biographie Lovecrafts und stellt einen Leitfaden über das Genre zusammen; der nützliche, anschauliche, informative und oft subtil selbstironische Stellenkommentar erhellt darüber hinaus die — stilistisch trefflich übersetzten — Hauptwerke Lovecrafts. Das kann letztlich gewisse Limitationen und Redundanzen des Autors nicht vertuschen; dennoch muß der Band nachdrücklich zur Lektüre empfohlen werden. Horror ist hier noch längst kein schnell geschnittener, möglichst blutiger Splatter, sondern schleicht sich langsam an, um dann mit einem Prankenhieb (und philosophischem Gelächter) zuzuschlagen — wobei vieles (zum Glück) der Phantasie der Leserschaft überlassen bleibt.

H.P. Lovecraft · Leslie Klinger (Hg.)
H. P. Lovecraft. Das Werk
S. Fischer (Tor)
2018 · 912 Seiten · 78,00 Euro
ISBN:
978-3-596-03708-7

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