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Kritik

Die ersten modernen Reportagen aus Berlin

Hamburg

Hugo von Kupffer, dessen Vater ein angesehenes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaft war, besaß ein hohes Maß an genetischen und intellektuellen Fähigkeiten, um nach einer kurzweiligen schriftstellerischen Tätigkeit aufgrund seines zeitweiligen Aufenthalts in den USA und der dortigen Bekanntschaft mit dem modernen amerikanischen Journalismus eine einzigartige berufliche Karriere zu starten. Sie begann mit seiner Übersiedelung nach Dresden 1879 bzw. im folgenden Jahr nach Berlin, wo er um 1880 den Verleger August Scherl kennenlernte, der ihm aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit als Redakteur in der literarischen Zeitschrift „Neuzeit“ und seiner Mitarbeit an verschiedenen politischen Blättern und belletristischen Journalen die Position des Chefredakteurs im „Berliner Lokal-Anzeiger“ anbot. In der folgenden 45 Jahre währenden Tätigkeit in dieser Funktion verfasste Hugo von Kupffer, so Fabian Mauch in seinem fundierten Nachwort zu den „Reporterstreifzügen“, mehr als 2000 Artikel, die in der Regel anonym  erschienen sind.

Die in dem vorliegenden Sammelband abgedruckten Feuilletons, mit dem Vorwort des Verfassers aus der Buchausgabe vom Februar 1889, zeichnen sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die auf seine beruflichen Erfahrungen in Amerika verweisen. Er lobt die dortige professionelle Arbeit des „echten amerikanischen Reporters“ im Vergleich zu „unseren zum Teil noch zopfigen embryonischen, stark beengten Preßverhältnissen“ (S.8) Die in New York am „New York Herald“ bewunderten Interviews mit einer „geradezu frappierenden Realistik“ sind für ihn vorbildlich, um seine Leser von den wichtigsten Vorkommnissen im Staat und in der Stadt in Kenntnis zu setzen. Er wolle deshalb, so Hugo von Kupffer, „neue Streiflichter auf die erörterten Erscheinungen …. werfen und dabei auf kurze Zeit des Lesers Interesse …. fesseln.“ (S. 9)

Welche Themen wählt der Chefredakteur aus, um den neuen journalistischen Charakter seiner Zeitschrift zu demonstrieren? Die Auswahl seiner meist mehrseitigen Artikel betrifft das Gerichtswesen mit der Darstellung eines Strafprozesses, mehrere Beiträgen über den stadtbekannten Scharfrichter Krautz, über den Alltag in Gefängnissen und die Abläufe in einem Schlachthof, Cafés und urige Kneipen, die Bekanntschaft mit der Berliner Unterwelt, Informationsgänge durch Abwasserkanäle, die Aufbereitung des Trinkwassers, die Reaktionen der Berliner Bevölkerung auf die erste Volkszählung, ein satirischer Bericht über die Gestaltung von Ladenschildern, Alltag im Zirkus und im Theater hinter den Kulissen, um nur die wichtigsten Themen zu nennen. Wodurch zeichnen sich die zwischen 1886 und 1888 bzw. zwischen 1890 und 1892 im „Berliner Lokal-Anzeiger“ publizierten  „Reporterstreifzüge“ aus? In Anlehnung an seine journalistischen Erfahrungen im „New York Herald“ ging es Kupffer nicht nur um pittoreske Schilderungen des pulsierenden Großstadtlebens. Er wollte, wie Fabian Mauch betont, „seine Leser aus erster Hand informieren“, so wie ein amerikanischer Spezialreporter in den 1860er Jahren direkt von der Front des Bürgerkriegs berichtete. Er bemühte sich auf diese Weise – im Gegensatz zur „Deutschen Rundschau“ mit ihrer ambitionierten Prosa im Tagebuchstil - „unretouchierte Momentphotographien“ abzuliefern. Im Mittelpunkt seiner Feuilletons stand eine „nüchterne Objektivität“, die sich nach Mauch dadurch ausgezeichnet habe, dass er „seinen Lesern lebensnahe und anschauliche Berichte“ präsentierte. Die Akteure seiner Berichte hätten „abstrakten Institutionen ein konkretes Gesicht“ verliehen, wobei nicht der entfremdete, gesichtslose Massenmensch, sondern „das konkrete Gegenüber in alltäglichen Situationen“ im Zentrum seiner Darstellung gewesen sei.

Dieser Wertschätzung von Syntax, Stilistik und Semantik der Feuilletons ist in vieler Hinsicht zuzustimmen. Die geschickt in die Ich-Reportage einmontierte direkte Rede mit vorsichtig formulierter Wertung der handelnden Personen, die dem Berliner Kellner-Slang angepassten Stimmungsbilder in Kneipen und Cafés wie auch die meist knappe Präsentation von Personen, die im Mittelpunkt einer Reportage stehen, zeichnen seine lebendige Darstellung aus. Manchmal aber zwingen überlange Satzpassagen den Leser zum Überspringen von Details, die Kupffer nicht zuletzt im Rückgriff auf seine frühen schriftstellerischen Arbeiten verwendet. Auf diese Weise entstehen mitten im Reportage-Strom unvermittelt kleine Strudel, die den Informationsfluss verzögern. Dieser mehr als hundert Jahre danach wahrgenommene Eindruck erweist sich sicherlich dem zeitgenössischen journalistischen Stil geschuldet, in dem eine Schlagwort-Stilistik vorherrscht, die in der „Revolverpresse“ nur noch hastig formulierte Beschreibungsattitüden erlaubt. Umso aufschlussreicher ist die Lektüre der in diesem Sammelband abgedruckten Feuilletons, die nicht nur den damaligen Charakter der Massenpresse eindrucksvoll wiedergeben, sondern auch Stimmungsbilder einer großstädtischen Bevölkerung schaffen. Allerdings mit einer weiteren kritischen Anmerkung. Der Chefredakteur vermeidet jegliche politische Kommentare und enthält sich somit einer Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen in der Hauptstadt der Reichsmonarchie.

Es ist das Verdienst des Lilienfeld-Verlags, mit der Wiederauflage der Feuilleton-Reportagen aus dem Jahr 1889 einen Rückblick auf einen dynamischen gesellschaftlichen Prozess zu ermöglichen, den die damalige Reichshauptstadt durchlief. Dank der Bemühungen von Fabian Mauch und der zahlreichen Korrektorinnen und Bibliotheksangestellten, die an der Publikation partizipierten. Wie mühevoll solche Abläufe sind, verdeutlicht die aufmerksame Lektüre der editorischen Bemerkung. Die nun vorliegende Ausgabe in Halbleinen, mit Fadenheftung und Leseband, und die stets vorbildliche grafische Titelgestaltung im Lilienfeld-Verlag bietet in jeglicher Hinsicht ein faszinierenden Einblick in eine mehr als hundert Jahre zurückliegende Epoche, als die Massengesellschaft in Deutschland  ihren Anfang nahm.

Hugo von Kupffer · Fabian Mauch (Hg.)
Reporterstreifzüge. Die ersten modernen Reportagen aus Berlin
Lilienfeld
2019 · 272 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-940357-74-8

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