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Kritik

Poster poems und avant gardening

Der Briefwechsel zwischen Ernst Jandl und Ian Hamilton Finlay zeigt zwei Meister der konkreten Poesie in einer schwierigen Zeit
Hamburg

"Green Waters
Blue Spray
Grayfisch

Anna T
Karen B
Netta Croan

Constant Star
'Daystar
Starwood

Starlit Waters
Moonlit Waters
Drift"

Ian Hamilton Finlay schrieb dieses Gedicht 1965 und schickte es an Ernst Jandl: Namen von Fischerbooten, die er in Schottland gesehen hat. Jandl antwortete ihm: "Selbst Menschen, die nur wenig oder gar nicht mit konkreter Poesie vertraut sind, wird dieses Gedicht gefallen, weil allein die Namen wunderschön sind und ihre Abfolge (semantisch, phonetisch und rhythmisch) einfach perfekt ist." Und er bedankt sich für Finlays "poster poem": Finlay hatte eine Reihe von Posterdrucken gedruckt (ähnlich wie die Poetryletter hier auf Fixpoetry), in unterschiedlichen Formaten, mit verschiedenen Dichtern und Illustratoren:

"Dein poster poem haben Fritzi und ich natürlich ein paar Tage vor Weihnachten bekommen.  (...) Es ist ganz einzigartig und heiter und wird von jedem bewundert, der in meine kleine Wohnung kommt. Da habe ich es an die Wand gehängt, sodass ich es sehe, wann immer ich von meiner Schreibmaschine aufblicke - ein Stück rechts, denn links ist das Fenster, durch das ich viel Himmel sehe, obwohl es wirklich dringend geputzt werden müsste."

Die fünfziger und sechziger Jahre waren die Hochzeit der konkreten Poesie, und gleichzeitig eine schwere Zeit für diese Dichter, die etwas vollkommen Neues ausprobierten: Denn das Konkrete war zu avantgardistisch, zu experimentell für die konservativen Leser und Kritiker. Deshalb waren die Dichter in ihrem Land sehr isoliert und dringend auf Kontakte mit Gleichgesinnten angewiesen: Sie tauschten Adressen aus, vermittelten sich gegenseitig weiter, schickten sich Zeitungen, die sie herausgaben, Bücher, die sie veröffentlichten, und häufig auch unfertige Texte. Es war Jandls Freund Eugen Gomringer, der den Kontakt zwischen Jandl und Finlay herstellte, der in dem kleinen Kreis der Konkreten Poeten in England schon recht bekannt war. Jandl wiederum wies Finlay auf Max Bense hin, der mit Elisabeth Walter die grandiose Reihe „rot“ herausgab, Finlay schickte seine Zeitschrift „Poor Old Tired Horse“ an seine Freunde auf dem Kontinent. Und sie bildeten Gruppen: Es entstand die „Wiener Gruppe“, in Deutschland die „Stuttgarter Schule“, mit Gomringer, Helmut Heißenbüttel, Reinhard Doehl und anderen. Einziges ausländisches Mitglied war Ernst Jandl, ein Englischlehrer aus Wien, der mit einer Dichterin, Friederike Mayröcker, jener „Fritzi“ aus dem Brief, zusammenlebte, bis zu seinem Tod.

Zwischen Jandl und Finlay entspann sich ein Briefkontakt, der 20 Jahre hielt, und jetzt in Auszügen veröffentlicht wurde. Zweisprachig, denn Jandl beherrschte Englisch sehr gut - wobei die Übersetzungen von Barbara Sternthal manchmal schon seltsam steif sind, und sie jongliert oft mit Satzzeichen, die in den Originalen nicht vorhanden sind. Die Briefe der beiden streiften viele und vielfältige Themen: Unterhielten sich über die Poetologie der konkreten Poesie, wobei Jandl sich gar nicht zu sehr theoretisch damit beschäftigen mochte, weil ihn das vom Schreiben selber zu sehr abhält: "

Doch ich denke, dem Leser ein frisches Harmonie- und Schönheitsempfinden zu schenken, könnte wohl der kostbarste Effekt konkreter Poesie sein".

Einmal ging es um ein Gedicht des Philosophen Martin Heidegger, das Finlay drucken wollte, wo Jandl vehement widersprach und ihm die Plattitüde des Texts nachzuweisen versuchte. Einmal verbesserte Finlay eines von Jandls Gedichten. Sie tauschten sich über Jandls Übersetzung von Robert Creeleys Roman "Die Insel" aus, über die Möglichkeit, dass Jandl Finlay einen Preis in Amerika verschaffen könnte, und natürlich erzählten sie sich auch von ihrem persönlichen Alltag, von den Freuden der Gartenarbeit in Schottland, von Finlays Kindern, von störenden Besuchern oder von den Urlauben, die Jandl mit Mayröcker machte.

Es geht im Briefwechsel auch, vor allem von Finlays Seite aus, um die Unmöglichkeit, von (konkreter) Poesie zu leben: Er war ein Mann mit vielen Talenten, druckte selber, baute ein altes Bauernhaus aus, baute Boote, legte große Teiche und einen Garten an, erfand Kinderspielzeug, entwickelte große Steinstelen mit Gedichten ... Schnell begann Finlay, von der konkreten Poesie weiter zu denken und Gedichtinstallationen zu inszenieren, die Texte in Materielles überzuführen, Objekte zu erschaffen,  - was er manchmal "avant-gardening" nannte: Er realisierte Skulpturen in ganz Europa. Jandl ging einen anderen Weg: den des mündlichen Vortrags, zum Teil mit Jazzmusik, was seinen Texten noch mehr Leben und Humor einhauchte und weitere Dimensionen hinzufügte.

Trotzdem hatte Finlay lange Zeit finanziell und auch gesundheitlich nicht viel Glück: Er war immer wieder ohne Geld und hatte ein Nervenleiden, das ihn zwang, sich immer wieder zurückzuziehen. Erst nach und nach wurde er erfolgreicher. Jandl gelang das schneller, auch weil er einen großen deutschen Verlag fand, der ihn publizierte, sodass er sich immer wieder von seinem Lehrerjob beurlauben und sich bald pensionieren lassen konnte.

Der Briefwechsel zwischen den beiden ist eine hübsche Zeitreise in eine Welt ohne Internet, mit vergleichsweise wenig Möglichkeiten für avantgardistische Dichter, eine schöne Reise auch in die verschiedenen Auffassungen von Dichtkunst, die für Finlay Harmonie haben soll und als Poesie für sich bestehen können muss:

"Zweitens kann man nicht argumentieren, weil das Leben nicht ganz und gar bezaubernd ist, muss die Poesie deshalb genauso sein. Poesie ist Poesie und nicht das Leben."

Und eine schöne Reise in eine lange Brieffreundschaft, wie sie damals unter vielen bestand, nicht frei von Missverständnissen und Verletzungen, eine Brieffreundschaft, die nach einigen Jahren  weniger dicht wurde.

Zu bemängeln sind allerdings die Kommentare des Bands: z.T. sind sie fehlerhaft (bei Jonathan Williams fehlt das Todesdatum, und er war nicht nur ein "amerikanischer konkreter Poet", sondern auch Verleger der berühmten Jargon Press und Fotograf) und manchmal sinnlos: So etwa, wenn Jandl die Zeitschrift "die sonde" schreibt und ergänzt, dass sie von Karl-Heinz Roth herausgegeben wird, und als Kommentar liest man: "'die sonde',  von Karl-Heinz Roth 1961 - 1965 herausgegebene Zeitschrift", d.h. es wird einfach das wiederholt, was im Brief schon steht. An vielen Stellen fehlt ein Kommentar sogar völlig, sodass man nicht weiß, worauf einer der beiden anspielt (z.B. Fulcrum und Vietnam), oder es stehen nur die rohen Lebensdaten der erwähnten Personen und eine Berufsbezeichnung - das kann man auch bei Wikipedia finden. Von Kommentaren erwarte ich das Herstellen und Aufzeigen von Zusammenhängen und das Erklären von (heute) Unbekanntem.

Eine sehr schöne und ansprechend realisierte Idee ist der separate Fototeil, in dem viele Beispiele aus Finlays und Jandls Produktion zu sehen sind, u.a. Finlays "Standing Poems" von 1963 oder sein Wiener Skulpturenprojekt von 1983, aber auch Bücher, Karten und maschinen- oder handschriftliche Briefe der beiden.

Ian Hamilton Finlay · Ernst Jandl · Vanessa Hannesschläger (Hg.)
not/a concrete pot · Briefwechsel 1964–1985
Übersetzt von Barbara Sternthal unter Mitarbeit von Vanessa Hannesschläger. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek Halbleinen
Folio Verlag
2017 · 231 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-85256-702-0

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