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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Ein Zimmer für uns allein

Hamburg

Als mir unlängst in Leipzig nach einer Lesung von Ianina Ilitchevas Texten durch ihren Freund, Nachlassverwalter und Wegbegleiter Rick Reuther eine befreundete Dichterin zuflüsterte, diese Gedichte seien untrennbar mit der Lebensgeschichte der vor nicht einmal zwei Jahren an einer seltenen Krankheit verstorbenen Autorin verbunden und ergo in ihrer Intensität, Gemütslage und Körperlichkeit einmalig, sah ich mich einmal mehr bemüßigt, über die Vereinbarkeit von Dichtung und Leben nachzudenken, über die Notwendigkeit dieser Vereinigung – über die Frage nach den Bedingungen eines Dichtens im Zeitalter abflauender Leser*innenzahlen und beinahe schizophren anmutenden Publikationsdranges. Anlass bot auch der im Münchner hochroth-Ableger erschienene, schmale Auswahlband mit Gedichten, Prosaminiaturen und Blogeinträgen der 1983 in Usbekistan geborenen Autorin unter dem Titel ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht. Die in diesem Band versammelten Texte stellen mehr eine Einführung in das literarische Schaffen Ilitchevas dar, deren Gesamtwerk im Frohmann Verlag von Rick Reuther herausgegeben wird, und von dem bereits ein Band unter dem Titel @blutundkaffee vorliegt.

Den diskursiven Kern des Bandes ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht bildet ein lyrisches Ich, das in seinem Sprechen zwischen alltäglichen und hochpoetischen, auto-reflexiven Bildern changiert. Anfangs rückt die Körperbetrachtung in den Mittelpunkt der einzelnen Texte, wobei der Körper als Raum verstanden wird, in dem Topoi wie Verfall und Vitalität, Wandelbarkeit und Starre, Lust und Vergänglichkeit gleichwertig nebeneinander stehen und durch spielerische, teils brachiale Bilder abgehandelt werden. Indem etwa Vergleiche mit Tieren gezogen werden, wie beispielsweise dem nach Fleisch hungrigen Luchs im Hinblick auf die Libido (music – diary (4)), oder der Dialog mit den im Alter immer mehr asymmetrisch werdenden Brüsten gesucht wird (untitled 41), reißt die Autorin verfahrenstechnisch eine Wand ein, lässt ihre Leser*innen an scheinbar Persönlichem teilnehmen. Auf der formalen Ebene spiegelt sich dies auch in der tagebuchartigen Aufbereitung der Texte wider. Gipfeln tun diese Betrachtungen in dem Text untitled 72:

„und mein körper, mein körper besitzt viele zimmer, und in
manchen der zimmer wohnen menschen, hausen geister
und gewohnheiten, geht das licht an und aus, ohne eine
regelmäßigkeit. und ein warten wohnt in einem der zimmer,
zwischen lunge und zwerchfell, irgendwo, und das steht am
fenster und sieht hinaus, sieht dinge passieren, fürchtet sich
davor, ins freie zu treten und kein warten mehr zu sein.
ein licht geht an.
und ich bin nicht fähig, zu reagieren. zu reagieren habe ich
verlernt. einst habe ich reagiert und dann gab es ein ge-
räusch von zerbrechen, danach habe ich nur die augen ver-
schlossen und habe blind drauflos getapst mit den händen,
wenn es zu regieren galt, habe mich hineingestürzt, mantren
brüllend, um die geräusche des zerbrechens und das sausen
des fallwindes nicht zu hören, immerzu: ja, ja, es ist eine
entscheidung, ja, ja, sage ich.
fallen ins licht, tief. ewig fallen. im fall leben und niemals
sterben, eine unendlichkeit aus flucht und irrsinn, kein bo-
den, und die schwerkraft verliert an bedeutung, nach sieben
jahren. niemand kann mich einholen, niemand kann mich
fassen, ich kann nicht gefasst werden, kann in das zimmer
gehen, eine pistole an den hinterkopf des am fenster ste-
henden wartens halten und sagen: es ist vorbei, du kannst
aufhören, ruh dich aus, du hast seit sieben jahren nicht
geschlafen.
und doch fehlt etwas.
da ist ein leerstehendes zimmer, ein raum, ein saal, darin
pfeift der fallwind, da kannst du gern einziehen. und da ste-
hen viele vasen, die alt sind. und bring dynamit mit, das würde
mich freuen, das kann doch einmal nützlich werden, ach.“ (untitled 72).

Die Kulmination in der ans Ende gestellten Interjektion ist hier keineswegs Façon. Sie ist der nachvollziehbare Ausdruck eines sprachlich mit äußerster Präzision abgesteckten Weges, der – liest man sich den Text mehrere Male durch – nur in diesem ach enden kann. Die Kunstfertigkeit, mit der dies vollbracht wird, ist beneidenswert.

Die nachfolgenden Texte sind zurückgenommener und filigraner in ihrem Sprechen, der Raum, den sie greifen und begreifen wollen, findet nicht mehr in der Selbstspiegelung statt, sondern im Abstecken der Distanz zwischen dem äußerst reflektierten und deshalb umso brüchigeren, lyrischen Ich und einem entrückten lyrischen Du, das als Anrufungs- und Schnittpunkt für Sehnsüchte fungiert – als dem lyrischen Ich beinahe ebenbürtiger Partner auf einer Reise durch, man könnte fast sagen: Abräume. Liebeslyrik, Zuneigungslyrik, deren eigenwillige Vorstellung von Romantik in dem Prosagedicht mit speck gipfelt: Die Autorin arbeitet sich an genau dieser Vorstellung ab und reißt dadurch schonungslos Erwartungshaltungen ein. Hinzu kommen ein sehr eigenwilliger Stil und Sprache, die ihre eigene Brüchigkeit beinahe feiern und sich wiederum vom restlichen Konvolut dieses Bandes abheben:

„[…] das war auch etwas, das ich nie ganz kapiert hab. wie doof
du sein konntest und wie frei und unbeschwert. der rest
deines sozialen umfelds bestand aus spießigen wichsern,
einschließlich deiner beknackten, bürgerlichen familie. und
wenn wir nicht allein waren, wenn wir mit deinen freunden
im restaurant waren, da warst du obenrum auch ein wichser,
untenrum hast du mich begrabscht, unter der tischplatte.

weißt du noch, das eine mal beim chinesen, mit birgit und
franz, als es sommer war und ich ein kurzes kleid trug und
du es geschafft hast, einen süßsauren hühnerflügel unter die
tischplatte zu schmuggeln. du hast mit franz über hedge-
fonds gesprochen und mir den hühnerflügel unters kleid und
ins höschen gefummelt und mir zugeflüstert: „wenn du ihn
bis nach hause bringst, darfst du mit mir machen, was du
willst.“ zuhause angekommen hab ich dich den flügel essen
lassen, da warst du noch vegetarier […]“ (mit speck).

Ich kannte Ianina Ilitcheva nicht. Eine flüchtige Begegnung fand jedoch statt, als sie zu Gast bei einer unserer Leseveranstaltungen in Salzburg war und das gedrängte Publikum mit einem ihrer körperlichen und schonungslosen Prosatexte in den Bann zog. Dass wir mehr solcher Dichter*innen wie Ianina Ilitcheva brauchen, die die Wände, die manchmal gnadenlos zwischen uns Leser*innen und Text stehen, einreißen und uns dadurch mehr am eigenen Leben teilhaben lassen, als wir es vielleicht aushalten, kann hier als persönliches Anliegen stehen gelassen werden. Fest wie ein Anker steht jedoch das, was Rick Reuther in seinem Nachwort zu diesem Band geschrieben hat: „deine texte und arbeit stehen ja krass für sich und dich, i guess.“ Das i guess kann man streichen! 

Ianina Ilitcheva · Rick Reuther (Hg.)
ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht
hochroth München
2018 · 44 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-11-0

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