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Kritik

Wenn das historische Gedächtnis zerstört wird

Hamburg

„Die Sowjetunion verhält sich zum historischen Russland wie ein Mörder zum Ermordeten“. Diese Einschätzung des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn mag dem russischen Historiker Igor Tschubais als Inspiration für seine vorliegende Wortmeldung gedient haben. Die im Untertitel abgesteckten Themenfelder „Russische Idee und russländische Identität: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ nutzt Igor Tschubais, um über Jahrzehnte hinweg verfälschte, ja vergiftete Begrifflichkeiten zurechtzurücken.

Der Autor macht aus seinem Handlungsantrieb keinen Hehl. In sehr persönlich gehaltenen Einwürfen verweist er auf seine Überzeugung als russischer Patriot. Und genau deswegen sieht er sich von den heutigen Machthabern in seiner Heimat marginalisiert, denen er einen wahren Patriotismus abspricht. Anstelle der in Sowjetzeiten verordneten Ideologie des Marxismus-Leninismus ist im heutigen Russland die Rede von den „Traditionellen Werten“ getreten, die es zu bewahren gilt. Dabei scheint es offenbar nicht zu stören, daß sich allzu oft sowohl offensichtliche Kriminelle wie auch frühere Mitarbeiter des allmächtigen Geheimdienstes KGB als deren Vertreter präsentieren.

Umfassende Kenntnisse über das sowjetische System und dessen bis heute anhaltenden verheerenden Folgen für das Land drängen Igor Tschubais dazu, auf die politische Verwahrlosung wie auch auf eine erschütternde Geschichtsvergessenheit aufmerksam zu machen. Seine selbstgesteckte Aufgabe sieht Tschubais darin, die eigene Geschichte Russlands vor allem des 20. Jahrhunderts rückhaltlos auszuleuchten und ohne jegliche Tabuisierung kritisch zu analysieren. Dabei geht Tschubais in kurzen Exkursen auch auf konkrete Brennpunkte wie etwa die verbreitete Trunksucht oder die historische Problematik der Leibeigenschaft ein. Zudem streift er heikle Themen wie den Mythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ oder den heutzutage verdrängten Hitler-Stalin-Pakt. Eine besondere Aufmerksamkeit widmet Tschubais den gewaltigen Aufständen der Gulag-Häftlinge vor allem in Norilsk und Workuta in den 1950er Jahren, welche die herrschende Nomenklatura ernsthaft in eine bedrohte Lage gebracht hatten. Das Regime konnte nur unter Aufbringung eines massiven militärischen Einsatzes diese „Revolution im Gulag“ niederschlagen. Nikita Chruschtschow hatte damals verstanden, daß er gezwungen war, „die Demontage des gesamten Terrorsystems anzugehen, das im Oktober 1917 geschaffen worden war“. Die in Folge eingeleitete Entstalinisierung war freilich auf halbem Wege steckengeblieben.

Das heutige Russland hat dem Leninismus ein verlorenes Jahrhundert zu verdanken. Tschubais weist darauf hin, daß über diese Tragik zwar öffentlich diskutiert wird, aber offenbar kein abschließendes Fazit erreicht werden darf: „So entstand und so arbeitet der Mechanismus der Zerstörung der nationalen Erinnerung, des nationalen Gedächtnisses und der Vernichtung der eigenen Geschichte“.

Eine wahrhafte Wiederanbindung Russlands an die eigenen Traditionen kann nur in konsequenter Abgrenzung zum sowjetischen Erbe stattfinden. Tschubais treiben die verdeckten, verdrängten und verschwiegenen Vorgänge seiner Heimat um. Wie kann man russischer Patriot sein, ohne sich zugleich von der Sowjetunion in all ihren ideologischen Erscheinungen strikt loszusagen?

Dem deutschen Leser drängen sich bei der vorliegenden Lektüre unwillkürlich Gedanken an die eigene jüngere Geschichte auf. Wie in keinem anderen Land haben in Deutschland gleich zwei ideologische Formationen von weltanschaulicher Unerbittlichkeit ihr Unwesen getrieben. Auch hierzulande hat es sowohl bei den Parteigängern wie ihren Gegnern lange gedauert, bis im tiefsten Grunde verstanden wurde, daß sich ein deutscher Patriotismus in unvereinbarer Weise vom Nationalsozialismus unterscheidet.

Gerade in Russland hatte es zu allen Zeiten, unter den Zaren wie unter der Sowjetherrschaft, unangepasste Stimmen gegeben, die sich entweder im Untergrund oder im Exil zu Wort gemeldet hatten. Die unverdrossenen Publikationen des Historikers Igor Tschubais reihen sich somit in eine ansehnliche Tradition ein. Auch der Herausgeber und Übersetzer der vorliegenden Schrift Dietrich Kegler hat seine landeskundliche Kompetenz bereits als Übersetzer von Werken etwa der russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew, Nikolaj Losskij oder Vasilij Zen‘kovskij souverän unter Beweis gestellt.

Das schmale Bändchen bietet, gerade in seiner polemischen Herangehensweise, eine engagierte wie zugleich temperamentvolle Anregung zur aktuellen Diskussion einer russischen Vergangenheitsbewältigung.

Igor Tschubais
Wie wir unser Land verstehen sollen / Russische Idee und russländische Identität: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Shaker Media
2016 · 108 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-95631-495-7

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